Kreis Segeberg

Wirtschaft in der Corona-Krise: Kaum Kunden, kaum Umsatz

Philip Leuchtenberger, Geschäftsführer des Autohauses Stadac – die Werkstatt darf arbeiten, potenzielle Autokäufer dürfen nicht empfangen werden..

Philip Leuchtenberger, Geschäftsführer des Autohauses Stadac – die Werkstatt darf arbeiten, potenzielle Autokäufer dürfen nicht empfangen werden..

Foto: Christopher Herbst

Viele Unternehmen in der Region spüren Auswirkungen der Krise. IHK befürchtet eine Insolvenzwelle unbekannten Ausmaßes.

Kreis Segeberg.  Die Auswirkungen der Coronakrise auf die Wirtschaft im Norden sind massiv: Aufträge werden storniert, Betriebe müssen vorerst schließen, die Umsätze sind eingebrochen. Entsprechend verheerend ist die Stimmung bei den Unternehmen.

Von einem regelrechten Telefon-Tsunami spricht man bei den Handelskammern in Schleswig-Holstein. „Bei den drei Kammern gehen täglich etwa 1000 Anrufe ein“, sagt Nils Jarck, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK zu Lübeck. Die Not der Betroffenen sei unbeschreiblich. „Die Anrufer sind in akuter Not, fast die Hälfte von ihnen weint und weiß nicht weiter“, so Jarck.

Im Unterschied zur Finanzkrise habe die jetzige Situation die Menschen über Nacht betroffen – und zu schwersten Liquiditätsproblemen geführt. „Die Not breitet sich unheimlich schnell und unheimlich breit aus.“ Die langwierigen Darlehensprogramme seien nicht das richtige Medikament, um die Corona-Schäden zu heilen. „Solange halten die Unternehmen nicht mehr durch. Wir brauchen ein schnelles und schlankes Zuschusspaket.“ Wichtig sei jetzt Geschwindigkeit: „Sonst sterben uns die Unternehmen weg. In nahezu allen Bereichen!“, so Jarck. Die Folge wäre eine Insolvenzwelle ungekannten Ausmaßes.

Ortstermin am Freitag bei Philip Leuchtenberger, Geschäftsführer des Autohauses Stadac in Norderstedt. „Bei uns ist die Nachfrage unter 50 Prozent von dem, was wir eingeplant hatten.“ Intensiv habe er sich damit beschäftigt, ob er komplett schließen müsse. Immerhin: Die Werkstatt darf weiterlaufen. „Wir sind auch in der Lage, Notfälle zu bearbeiten“, sagt Leuchtenberger. Theoretisch wäre ein Online-Autoverkauf möglich, Testfahrten und Flanieren im Showroom sind aber verboten. Doch den meisten Kunden ist aktuell nicht nach einem neuem Fahrzeug. Bald wird Leuchtenberger vermutlich für die ersten Mitarbeiter Kurzarbeit beantragen. Ohne Kredite werde es nicht gehen, sagt er – und befürchtet Insolvenzen, etwa bei Lackierern und Autoaufbereitern.

Stark von der Krise betroffen sind auch die Gebäudereiniger. Sie hoffen auf schnelle finanzielle Hilfe. „Sonst werden viele Unternehmen die Krise nicht überstehen“, sagt Marcus Papist, Geschäftsführer von ES-Gebäude-Service in Ellerau. Das Unternehmen mit 300 Mitarbeitern, mehr als 100 davon allein in Norderstedt, reinigt vor allem Gewerbeflächen. „Da viele Firmen ihre Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt haben und ihre Büros dicht machen und der Einzelhandel komplett schließt, brechen viele Aufträge jetzt weg“, sagt Papist, der ebenfalls über Kurzarbeit im Unternehmen nachdenken muss. „Angesichts von Personalkosten von mehr als 80 Prozent wird vielen Unternehmen nichts anderes übrig bleiben.“ Papist glaubt, dass sich die Branche nur schwer von der Krise erholen wird.

In einer gemeinsamen Erklärung haben Jörn Arp, Präsident der Handwerkskammer Flensburg, Ralf Stamer, Präsident der Handwerkskammer Lübeck, und Thorsten Freiberg, Präsident des Vereins Handwerk Schleswig-Holstein, umfangreiche Hilfe gefordert. „Viele Firmen sind existenziell gefährdet.“ Deswegen soll die Regierung eine Soforthilfe für in Not geratene kleine Unternehmen auszahlen, zwischen 5000 und 25.000 Euro als nicht rückzahlbaren Zuschuss, damit die Betriebe ihren Verpflichtungen nachkommen können. Kurzarbeitergeld müsse an alle Handwerksunternehmen fließen, außerdem die Liquidität durch flexible Kredite, Darlehen und Bürgschaften gesichert werden. Daneben wird unnötige Bürokratie kritisiert: „Es kann nicht sein, dass die Handwerksbetriebe in Schleswig-Holstein 15 verschiedene Allgemeinverfügungen zur Beschränkung von Kontakten für ihre Arbeit berücksichtigen müssen.“

Kleinunternehmer wie der Norderstedter Veranstalter Thomas Will mit seinen zwei Angestellten haben jetzt alle Hände voll zu tun, das Hier und Jetzt zu bewältigen. Seine Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. „Ich lauere gerade auf den Hinweis, wo genau ich meine Anträge für staatliche Unterstützung stellen kann“, sagt der Agenturinhaber. Die Existenz vieler Agenturen und der Unternehmen im Technikverleih, beim Messebau und auch der Freelancer sei extrem gefährdet. „Mir brechen alle Messen in Norderstedt und Hamburg weg. Manche sagen auch schon Termine im Sommer ab.“

Will startete eine Online-Petition für Veranstalter

Will nutzt die Ohnmacht dafür, politisch aktiv zu werden. Er hat eine Online-Petition ins Leben gerufen (Link: chng.it/9vCZjVT8c8). Dort fordert er Unterstützung für kleine Betriebe und Freelancer in Form einer Grundsicherung für vier bis sechs Monate.

Der Messebau gehörte zu den ersten Branchen, die die Auswirkungen der Krise zu spüren bekamen. „Innerhalb von drei Tagen ist uns der Auftragsbestand für die nächsten zwei Monate weggebrochen“, sagt Sebastian Goers vom Norderstedter Unternehmen Lüco Messebau. Obwohl er sofort Kurzarbeit für die meisten der 30 Mitarbeiter angemeldet hat, bleibt die Situation angesichts der laufenden Kosten angespannt. „Wir haben für die nächsten Monate keinerlei Einnahmen, aber diverse Ausgaben, die wir nicht weiter runterfahren können.“

Er befürchtet, dass viele Messebauer die Krise nicht überstehen und es langfristig zu Engpässen kommen wird. „Wenn so viele Unternehmen aufgeben müssen, werden die Verbleibenden die Auftragsflut nach Ende von Corona nicht bewältigen können.“