Kreis Segeberg

Paracelsus-Klinik behandelt ersten Covid-19-Fall

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In der Paracelsus-Klinik in Henstedt-Ulzburg wird eine Person mit Covid-19 behandelt.

In der Paracelsus-Klinik in Henstedt-Ulzburg wird eine Person mit Covid-19 behandelt.

Foto: Christopher Herbst

Henstedt-Ulzburger Klinik prüft Personalaufstockung. Amtsgericht setzt Prozesse aus. Bürgermeister und Landrat mit Appell an die Bürger.

Henstedt-Ulzburg.  Über Wochen hatte sich die Paracelsus-Klinik auf diese Situation vorbereitet, jetzt ist der Ernstfall Realität: In dem Henstedt-Ulzburger Krankenhaus wird eine Person behandelt, die mit dem Coronavirus infiziert und deren Erkrankung so schwerwiegend ist, dass sie stationär aufgenommen werden musste.

Informationen zum Alter, Wohnort oder zum gesundheitlichen Zustand sind nicht bekannt. „Die Betreuung erfolgt rund um die Uhr durch ein Behandlungsteam bestehend aus internistischen Fachärzten und Pflegekräften“, sagt Maren Maak, Sprecherin der Klinik. Wie groß der personelle Aufwand sei, würde immer von der Schwere des Krankheitsverlaufs abhängig sein.

In Henstedt-Ulzburg war Ende Februar der erste Corona-Fall in Norddeutschland aufgetreten. „Die Krankenhäuser bereiten sich unter Hochdruck auf eine Vielzahl von schwer kranken Corona-Patienten vor“, so Maak. „Durch Absage selektiver Operationen sind weitere Intensivkapazitäten geschaffen worden. Damit entsprechen wir den Beschlüssen der Landesregierung.“ Derzeit werde geprüft, ob die Kapazitäten weiter aufgestockt werden könnten.

Nicht angedacht ist momentan der Einsatz von Ärzten im Ruhestand oder Medizinstudenten. Maak: „Wir schließen den Einsatz der genannten Personengruppen aber nicht aus, wenn es die Situation erfordert.“

Fünf neue Corona-Fälle im Kreis Segeberg

23 Fälle Im Kreis Segeberg stieg die Zahl der labordiagnostisch bestätigten Covid-19-Infektionen von Donnerstag auf Freitag um fünf Fälle auf nun 23. Bei zwei Personen handelt es sich um Reiserückkehrende aus einem Risikogebiet, bei den drei weiteren Personen ist unklar, wo sie sich infiziert haben. Der Infektionsschutz ermittelt die Kontaktpersonen und leitet alles Notwendige in die Wege. Landesweit sind 321 bestätigte Fälle gemeldet, davon sind 21 Personen in klinischer Behandlung.

Engpass Der Infektionsschutz des Kreises Segeberg wird von den schriftlichen Anfragen und Hinweisen aus der Bevölkerung überfordert. Leiter Uwe Petry: „Wir befinden uns hier mittlerweile im höheren dreistelligen Bereich täglich, und eine Beantwortung ist trotz straffer Organisation und Unterstützung nicht mehr am selben Tag möglich.“ E-Mails würden nun nach Brisanz priorisiert. An erster Stelle stünden neue Meldungen positiver Fälle. Das Ermitteln der Kontaktpersonen von Infizierten erfordere sehr viel Zeit. „Wir bitten Bürger, von Nachfragen zu ihren Anfragen abzusehen und bitten um Verständnis, dass es zu Verzögerungen kommen kann“, sagt Petry.

Sonntags einkaufen Der Kreis Segeberg hat die Ladenöffnungszeiten bis vorerst 19. April auf den Sonntag ausgeweitet. Zwischen 11 und 17 Uhr dürfen Geschäfte geöffnet sein, einschließlich Ostersonntag, jedoch nicht am Karfreitag und Ostermontag. Die Regelung betrifft nur den Einzelhandel für Lebens- und Futtermittel, Abhol- und Lieferdienste, Getränkemärkte, Apotheken, Sanitätshäuser, Drogerien, Tankstellen, Poststellen, den Zeitungsverkauf, Bau-, Gartenbau- und Tierbedarfsmärkte, Lebensmittelausgabestellen (Tafeln) und den Großhandel.

Arzt im Netz Aufgrund der aktuellen Ausbreitung des Coronavirus haben die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband die Begrenzungsregelungen bei Videosprechstunden für das zweite Quartal 2020 aufgehoben. Damit sind Fallzahl und Leistungsmenge ab 1. April vorläufig nicht mehr limitiert. Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sollen so verstärkt auf die Videosprechstunde zurückgreifen können, um den Arzt-Patienten-Kontakt zu erleichtern. Insbesondere Hausarztpraxen könnten so entlastet werden, indem sie die Videosprechstunde als zusätzliches und sinnvolles Unterstützungsangebot nutzen. Eine Übersicht zu den Anbietern hat der Health Innovation Hub unter hih-2025.de/corona/ zusammengestellt.

Gnade vor Recht Der Wärmenetzbetreiber HanseWerk Natur aus Quickborn wird zahlungssäumigen Kunden bis nach Ostern keine Wärmeanschlüsse mehr sperren. „Unsere 60.000 Wärmekunden verbringen jetzt zwangsläufig mehr Zeit zu Hause und sollen sich keine Gedanken um die Energieversorgung machen müssen.“ Sofern es notwendig ist, könnten gesperrte Anschlüsse wieder entsperrt werden. Zur Sperrung kommt es am Ende eines mehrwöchigen Mahnverfahrens. Zahlt der Kunde nach zweimaliger Aufforderung nicht seine Rechnung, wird der Anschl

Amtsgericht: Zehn von vierzehn Strafprozessen abgesagt

Das Amtsgericht Norderstedt streicht zahlreiche Prozesstermine und schränkt den Publikumsverkehr weitestgehend ein. Von vierzehn geplanten Strafprozessen in der kommenden Woche hat das Amtsgericht zehn gestrichen. So will man Justizangehörigen und Verfahrensbeteiligten ein vermeidbares Ansteckungsrisiko ersparen.

In Norderstedt betroffen sind Verhandlungen um besonders schweren Diebstahl, Betrug, Drogendelikte, Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz, gefährliche Körperverletzung und Bedrohung. Auch anderswo würden zahlreiche Termine aufgehoben oder verkürzt, etwa durch die Verschiebung von Zeugenvernehmungen, sagte ein Sprecher des Landgerichts Kiel.

Man bemühe sich jedoch um die Fortsetzung solcher Prozesse, die bei mehr als dreiwöchiger Unterbrechung wegen der gesetzlichen Frist platzen würden. In solchen Fällen müsste die Hauptverhandlung später ganz neu aufgerollt werden. Hiervon betroffen sind besonders mehrtägige Verhandlungen am Kieler Landgericht

Richter und Rechtspfleger sind weitestgehend im Home Office, ebenso die Kieler Staatsanwälte, teilt Behördenleiterin Birgit Heß auf Nachfrage mit. Sie liefern auch die Anklagen, die am Amtsgericht Norderstedt verhandelt werden. Die Gerichtshilfe, die sich im direkten Gespräch mit den Betroffenen um Täter-Opfer-Ausgleich bemüht, hat ihre Hausbesuche verschoben - zunächst auf die Zeit nach dem 19. April. Bisher gebe es unter den 250 Mitarbeitern der Staatsanwaltschaft keine Corona-Verdachtsfälle.

Für die Öffentlichkeit ist der Zugang zu den Gerichten im ganzen Landgerichtsbezirk stark eingeschränkt. Kantinen stehen nur noch intern zur Verfügung. Besucher müssen an der Eingangskontrolle einen Fragebogen ausfüllen.

Aufgrund der Gesamtumstände sei in gerichtlichen Verfahren zwangsläufig mit Verzögerungen zu rechnen, sagte der Gerichtssprecher. Dies betrifft neben Norderstedt auch die Amtsgerichte in Bad Segeberg, Kiel, Rendsburg, Eckernförde, Plön und Neumünster. Die Erledigung unaufschiebbarer Geschäfte sei dennoch gewährleistet, hieß es.

Henstedt-Ulzburgs Bürgermeister Stefan Bauer bricht Urlaub ab

Anfang der Woche hatte er, wie berichtet, seinen Kreta-Urlaub trotz der immer dramatischeren Coronakrise noch fortführen wollen, jetzt hat Henstedt-Ulzburgs Bürgermeister Stefan Bauer (parteilos) seine Meinung überraschend geändert. Mehr noch: Er ist bereits wieder zurück in der Großgemeinde, landete am Freitag mit einem Flieger aus Heraklion in Hamburg und wird ab Montag im Rathaus sein. Er habe, so sagt der 50-Jährige, „Rückmeldungen von Bürgern“ erhalten. „Das hat zu einem Umdenken geführt.“ In 14-tägige Isolation muss er nicht, da Griechenland bisher nicht als Risikogebiet gilt. „Auf Kreta gibt es nur zwei diagnostizierte Fälle“, sagt Bauer.

Dass es an seiner Prioritätensetzung Kritik gegeben hatte, war Bauer nicht entgangen. „Es tut mir leid, wenn ich übergangsweise nur an mich gedacht habe. Ich hätte die Zeit dringend benötigt. Doch dies ist nicht der Zeitpunkt, um das Deck zu verlassen. Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen.“

Bauer war zur Wahl am 1. März nicht mehr angetreten, er wird das Amt im Juni an seine Nachfolgerin Ulrike Schmidt übergeben. Bis dahin wird er als Krisenmanager gefordert sein. Zuletzt hatte seine ehrenamtliche Stellvertreterin Claudia Meyer (CDU) die Geschäfte im Rathaus zusammen mit dem leitenden Beamten Jens Richter und Ordnungsamtschef Colja Peglow geführt. „Ich danke Claudia Meyer für das beeindruckende Engagement, das sie in den vergangenen zwei Wochen an den Tag gelegt hat, um diesem Ausnahmezustand zu begegnen“, so Bauer. „Die Verwaltung ist im Dauereinsatz.“

Schleswig-Holsteins Musiker wollen vom Balkon spielen

Der Landesmusikrat bittet alle Musikerinnen und Musiker in Schleswig-Holstein, an diesem Sonntag von 18 Uhr an die Fenster weit zu öffnen, sich auf Balkone und Terrassen zu stellen und zu musizieren. „Das Programm lautet ,Vielfalt’. Jeder Musiker entscheidet selbst, was er am Sonntag zu Gehör bringt“, sagt Christine Braun, Leiterin der Segeberger Musikschule und Vizepräsidentin des Landesmusikrats.

„Es gibt derzeit so viele Momente, solidarisch zu sein. Freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern bricht ganz plötzlich das Einkommen weg. Medizinisches Personal bringt Höchstleistungen, und nicht zuletzt ist Solidarität mit der steigenden Zahl der von der Krankheit direkt betroffenen Männern und Frauen angezeigt, da sollten wir mit unserer Musik helfen“, betont Christine Braun. Sie selbst wird am Sonntag ein Balkon-Konzert für Flöte solo für ihre Segeberger Nachbarn geben.

„Versammeln sollen sich die Menschen natürlich nicht vor den Wohnungen und Häusern der Musizierenden, denn das würde ja wieder die Ansteckungsgefahr erhöhen“, sagt Hartmut Schröder, Geschäftsführer des Landesmusikrats. Er bittet aber alle Musikerinnen und Musiker, sich an der Aktion zu beteiligen, um in der Krisen-Zeit ein wenig Freude in die Nachbarschaft zu bringen

In Appellen richten sich Landrat und Bürgermeister an Bevölkerung

Es sind Worte, die an Klarheit nicht mangeln. „Egoismus, Gleichgültigkeit, Besserwisserei, blöde Sprüche und – verzeihen Sie die Wortwahl – schwachsinnige Corona-Partys sind im Moment schlichtweg das Allerletzte“, teilt Landrat Jan Peter Schröder in einem Appell am Freitag mit. „ Wir dürfen unsere Mediziner und Pflegekräfte nicht an die Grenzen des Machbaren bringen, denn damit riskieren wir den Tod Hunderttausender.“

Schröder fordert alle Bürger auf, sämtliche sozialen Kontakte einzustellen. Man solle sich nicht aus Langeweile mit Menschen treffen, weder drinnen noch draußen. Das Virus werde Menschenleben kosten, auch im Kreis Segeberg. Er erwarte Umsicht und Verantwortung von den Menschen, sagt Schröder. „Wir werden wieder Spaß haben und das Leben genießen können, aber jetzt ist dafür kein Platz in dieser Welt. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als darum, unser altes Leben zurückzubekommen. Das aber funktioniert nur, wenn auch der Letzte und die Letzte endlich begreifen, dass das alles kein Spiel oder politische Willkür ist, sondern blanker Ernst.“

Norderstedts Oberbürgermeisterin Elke Christina Roeder spricht von einem Kampf im öffentlichen wie im privaten Leben. „Gewinnen können wir den Kampf aber nur alle zusammen!“ Sie sieht die Gesellschaft vor einem entscheidenden Wochenende. „Jetzt beantwortet sich die Frage, ob wir alle es durch konsequente Vermeidung direkter Kontakte schaffen, die Zahl der Neu-Ansteckungen zu reduzieren“, sagt Roeder. „Wer sich über unverzichtbare Verbote hinwegsetzt, wird empfindlich bestraft werden müssen.“

Kaltenkirchens Bürgermeister Hanno Krause findet „Corona-Partys“ so gar nicht witzig. „Die sind lebensgefährlich!“ Deswegen hat er Zusammenkünfte mehrerer Personen im öffentlichen Raum, auf Spielplätzen, im Flottmoorpark und Freizeitpark untersagt. Die Stadt werde die Lage regelmäßig kontrollieren und eventuelle Menschenansammlungen auflösen.

( che )

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