Quarantäne-Tagebuche

Coronavirus – Es wird wohl verdammt haarig

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Jan Schröter
Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt

Foto: Wolfgang Klietz

Die Krise beeinflusst alle Lebensbereiche und stellt Menschen vor neue Herausforderungen. Haare schneiden zum Beispiel.

Bad Bramstedt.  Wir werden alle sterben. Da kann die Kanzlerin noch so sehr Besonnenheit predigen, wir gehen alle drauf. Jedenfalls der männliche Teil der Bevölkerung. Zumindest diejenigen, die partnerschaftlich mit einer Frau zusammenleben. Nachdem ich heute mit einem Gastronomen aus dem Osnabrücker Land telefoniert habe, weiß ich, dass es so kommen muss.

Der Mann ruft mich an, um meine für Anfang April in seinem „Kulturcafé“ geplante Lesung abzusagen. Wegen Corona, schon klar. „Die Veranstaltung holen wir nach, wenn wir die Seuche überleben“, tröste ich. „Werden wir aber nicht“, kommt es verzagt zurück, „ich überlebe garantiert nicht.“ Ich erschrecke und hake besorgt nach. Schmerzen? Fieber? Positiv getestet? Nichts dergleichen, erklärt der Gastronom. Aber bei ihm in der Gegend hätten jetzt alle Friseursalons geschlossen. Wegen Corona, auch schon klar. Ich sehe das Problem trotzdem noch nicht – dieser Mann hat eine Glatze und kann von Glück reden, der braucht überhaupt nie zum Friseur. Also: was? „Meine Frau.“ Sein Seufzer klingt hohl, als käme er aus der Tiefe eines Brunnenschachts. Gabi müsste zum Friseur. Der hat zu, aber der Ehemann ist ja nun zu Hause. „Sie sollen Ihrer Frau die Haare schneiden?“, schwant es mir. Er bestätigt das. „Dabei hat sie immer was zu meckern, wenn sie vom Friseur kommt! Frisur zu lang, Frisur zu kurz…“ „…Föhnwelle sitzt nicht, der Pony ist verklatscht…“, falle ich ein, und er schnaubt verzweifelt. „Ich kann nicht mal eine Rasenkante gerade abstechen! Und Sie hätten mal den Scherenschnitt sehen müssen, den ich damals im Grundschul-Bastelunterricht fabriziert habe! Beim ersten Blick in den Spiegel wird Gabi mich umbringen. Falls Sie nie wieder etwas von mir hören – Sie wissen Bescheid.“

Oh ja. Ich weiß Bescheid. Ich bin Experte, sogar zum zweiten Mal verheiratet. Es läuft mir kalt über den Rücken. Ohne Friseursalons haben wir Männer ein Problem. Ich auch, denn meine grobmotorische Grundveranlagung ist keinesfalls zu der filigranen Schnitttechnik imstande, die meine anspruchsvolle Gattin auch nur annähernd zufriedenstellen könnte. Wir Partnerkerle brauchen einen Masterplan. Spielen wir es durch. Die Frau zwirbelt ihre Haarspitzen und stellt die Alarmfrage: „Schatz, findest du nicht auch, meine Frisur ist allmählich zu lang?“ Auf keinen Fall jetzt dem ersten Impuls nachgeben und antworten: „Welche Frisur?“ Dann sind Sie tot, bevor Sie auch nur „Corona“ sagen können. Nein, Sie mustern Ihre Liebste mit verklärtem Blick und gestehen verschämt: „Ja, ist länger, finde ich auch – es macht Dich jünger. Lässt Du es noch weiter wachsen? Für mich?“ Na klar! Der Tag ist gerettet. Und Ihr Leben auch.

Gelänge es jetzt noch, die Trendsetter der Beauty-Branche davon zu überzeugen, dass der „Robinson-Look“ (Frisur wie ein schottisches Hochlandrind, Klamotten wie Aschenputtel) der heißeste Scheiß seit Einführung der Fiebermessung ist, wären wir dem Weltfrieden ein großes Stück näher gekommen.

Und das vom Homeoffice aus. Respekt.

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