Henstedt-Ulzburg

„Digitales Klassenbuch“: Schule in Zeiten der Corona-Krise

| Lesedauer: 5 Minuten
Christopher Herbst und Michael Schick
Informatiklehrer Ivo Stichel vom Henstedt-Ulzburger Alstergymnasium ist Experte für digitalisierten Unterricht.

Informatiklehrer Ivo Stichel vom Henstedt-Ulzburger Alstergymnasium ist Experte für digitalisierten Unterricht.

Foto: Christopher Herbst

Ein Lehrer am Alstergymnasium in Henstedt-Ulzburg, hat mit Schülern eine App entwickelt, die den Schulbetrieb am Laufen hält.

Henstedt-Ulzburg.  Mit einem Klick kommt Ivo Stichel zu mehr als 1000 Kindern und Jugendlichen auf den Bildschirm. „Liebe Schülerinnen und Schüler des Alstergymnasiums, in diesem Video zeige ich euch, wie ihr Aufgaben einsehen könnt, Material herunterladen könnt, und wie ihr Aufgaben abgeben könnt.“

So beginnt das Youtube-Tutorial des 36 Jahre alten Informatiklehrers, der auch einen Doktortitel trägt. Das von ihm entwickelte und betreute Verfahren ist auf unbestimmte Zeit die einzige Möglichkeit, in Henstedt-Ulzburg den pädagogischen Betrieb einer der größten weiterführenden Schulen in Schleswig-Holstein aufrechtzuhalten. Sämtliche Abläufe sind hier binnen kürzester Zeit umgestellt worden, damit der Unterricht fortgeführt werden kann.

Stichel entwickelt mit Schülern das „Digitale Klassenbuch“

Entscheidend dafür ist das „Digitale Klassenbuch“, eine App, die Stichel gemeinsam mit den Schülern David Kowalk, Jonas Kühn, Patrick Leonhardt, Maximilian Schicker und Ron Spannagel entworfen hat. „Dort loggt man sich als Lehrer ein, guckt, welche Klasse unterrichtet wird, stellt Aufgaben ein, kann Arbeitsblätter hochladen, Schüler können alles einsehen und Lösungen abgeben.“

Zwar war die App, die über Google Play und auch für Apple-Endgeräte geladen werden kann, als Projekt schon im letzten Herbst fertig, aber ein Einsatz im Ernstfall und dann für alle Beteiligten war da noch nicht absehbar. Am vergangenen Wochenende erweiterten Stichel und die Schüler das Programm, damit dieses den Anforderungen gewachsen ist.

Jeder Lehrer hat Kontakt zu seiner Klasse

„Zuerst musste ich Hunderte Kennwörter zurücksetzen, aber jetzt haben die Schüler den Dreh raus, die Kommunikation läuft“, sagt Stichel, der seit fünf Jahren am Alstergymnasium tätig ist und vor drei Jahren das viel beachtete Pilotprojekt „Laptop-Klasse“ initiierte. Seine Tutorials – auch für die rund 100 Lehrer gibt es Videos – wurden in dieser Woche schon knapp 1000-mal angesehen. Die Resonanz: sehr positiv.

Die App hält das Alstergymnasium also am Laufen. „Jeder Lehrer hat eine direkte Beziehung zu seiner Klasse, zu seinem Fach“, sagt Schulleiter Michael Höpner. Vor Ort seien fast nur noch Mitglieder der Verwaltung. „Zur Notbetreuung für Schüler ist keiner gekommen. Nur in einem Fall wurden Materialien abgeholt, die wurden von der Sekretärin vor die Tür gelegt.“

Abiturprüfungen per App?

Doch auch wenn das „Digitale Klassenbuch“ ein voller Erfolg ist – Höpner weiß, dass die wirklichen Probleme noch kommen. „Die größte Unsicherheit liegt in den Abiturprüfungen.“ Im Gymnasium, aber mit räumlichem Abstand? Per Video, vielleicht sogar über verschlüsselte Kanäle? Nichts dürfte ausgeschlossen sein.

Auch nicht, dass der immer enger werdende Terminplan dazu führen könnte, dass die Prüfungen in sehr kurzen Abständen stattfinden. Für die Abiturienten ist das sehr belastend, schließlich müssen sich diese mit ihren Noten auf Studienplätze oder für Ausbildungen bewerben. „Jeder wird irgendwann ein Abi haben“, sagt Höpner. „Besondere Umstände erfordern besondere Entscheidungen. Das gilt für alle Schulen. Es wird alles im Sinne der Abiturienten getan.“

Die Voraussetzungen dafür hat Ivo Stichel geschaffen. Der dreifache Vater, der mit seiner Frau – ebenfalls Lehrerin für Mathematik, Physik und Informatik am Alstergymnasium – in Kaltenkirchen lebt, sehnt sich allerdings schon wieder danach, seinen Schüler nicht nur virtuell zu begegnen. „Ich hatte jetzt viel zu tun. Aber wenn ich ein, zwei Tage zur Ruhe komme, werde ich die Schüler vermissen. Die leere Schule ist schon komisch.“

Norderstedter Lessing-Gymnasium nutzt digitale Räume

Wie alle Schulen im Norden ist auch das Lessing-Gymnasium in Norderstedt verwaist. Die gut 700 Schüler lernen zu Hause. „Als Lernplattform steht uns wie auch den anderen Schulen SchulCommSY SH zur Verfügung. Hier können die Lehrkräfte digitale Unterrichtsräume einrichten“, sagt Schulleiter Carsten Apsel. In diesem geschützten Raum bekommen die Schüler Arbeitsaufträge, sehen sich Filme an, lösen mathematische Gleichungen oder verbessern ihre Sprachkompetenz.

„Materialien sind in der Mediathek des Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen in Schleswig-Holstein zu finden. Wir kooperieren aber auch mit Anbietern von Lernsoftware“, sagt Apsel. Der Kontakt zu den Lessing-Schülern ist über E- Mails hergestellt, bei den Jüngeren über die Mailadressen der Eltern. „Der Schulelternbeirat und die Elternvertreter der einzelnen Klassen unterstützen uns prima“, sagt der Schulleiter, der wie seine Kollegen in den anderen Schulen die Stellung hält.

Auf Leistungskontrollen wird verzichtet

So weit wie möglich überprüft Apsel, dass das Lernen im Wohn- oder Kinderzimmer auch funktioniert. Die Lehrkräfte müssen ihm mitteilen, wie welche Lerngruppe versorgt ist und der Kontakt gehalten wird.

Das Ministerium habe die Schulen angewiesen, auf Leistungskontrollen zu verzichten. „Bei 250 und mehr Schülern pro Lehrer ist eine umfassende Kontrolle unmöglich“, sagt der Schulleiter, der das Lernen außerhalb der Schule nicht als Vorgriff auf das digitale Lernzeitalter sieht: „Das Unterrichtsgespräch ist unverzichtbar.“

Unaufgeregt verhalten sich bisher die Abiturienten am Lessing-Gymnasium. Weil die Schulen bis zum Ende der Osterferien am 19. April geschlossen bleiben, müssen auch die Abiturprüfungen auf die Zeit danach verschoben werden.

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