Quarantäne-Tagebuch

Erste Auswüchse der Krise: Die Papiertonnen sind voll

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt.

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt.

Foto: Wolfgang Klietz

Durch die Quarantänemaßnahmen haben die Menschen viel Zeit. Da wird dann endlich mal aufgeräumt oder das Altpapier weggebracht.

Kreis Segeberg.  Es ist still im Haus. Selbst von der unweit entfernten Bundesstraße weht nur sporadisch ein Hauch von Verkehrslärm herüber. Dabei ist dort gewöhnlich im Morgenverkehr einiges geboten. Heute nicht. Stille. Stille empfinde ich meistens als sehr erholsam. Zu viel davon kann aber auch auf den Geist gehen. In Quarantäne bekommt man eine Überdosis davon. Rausgehen ist riskant. Ich bin ein alter Sack mit lädierter Pumpe. Mein Arzt sagt, sollte mich Corona erwischen, könne ich bestenfalls noch den „Fifty-fifty“-Joker setzen. Ich habe viele Schwächen, aber keine fürs Glückspiel, also bleibe ich zu Hause und telefoniere ein bisschen mit Menschen, die noch raus dürfen.

„Was ist mit den Leuten los?“, wundert sich eine Freundin, die in Hamburg wohnt. „Hier sind überall die Altpapiercontainer rappelvoll. Seit Tagen!“ „Vielleicht haben sie gemerkt, dass sie doch nicht so viel Klopapier brauchen“, vermute ich. „Und nun liegt das Zeug zu Hause überall herum und muss weg.“ „Spinner“, sagt die Freundin – was natürlich stimmt. Trotzdem bin ich neugierig geworden. Ich rufe gleich noch ein paar Freunde an und recherchiere gezielt. Sperrt keine Journalisten ein, wenn ihr mal Ruhe haben wollt. Das bringt gar nichts, im Gegenteil – dann kommen die erst recht auf komische Ideen. Circa 20 Telefonate später manifestiert sich der Anfangsverdacht zur Gewissheit: Die Papiercontainer sind randvoll. Bei jedem, bei dem ich mich danach erkundige. Aber warum? Ich rufe überall nochmal an und frage nach, wieso sie die vollen Container überhaupt bemerkt haben. Die Antwort ist bei allen die gleiche. Sie waren selbst mit einer Ladung Altpapier unterwegs. Alle sind wegen Corona so viel zu Hause, und das ist ja nun die Gelegenheit, endlich mal aufzuräumen. Außerdem, gesteht mir mehr als einer meiner Freunde, die sich gewöhnlich herzlich wenig um Konventionen scheren, möglicherweise würde man sich ja nun mit Corona infizieren und müsste vielleicht ins Krankenhaus und dann käme die liebe Nachbarin zum Katze füttern in die Wohnung, und wenn da alles herumliegt, was soll die von einem denken…

Interessant. Frühkindliche Erziehung prägt offenbar enorm. Jedenfalls diejenigen von uns, die – wie ich – mit Mutters Lebensregel Nummer Eins aufgewachsen sind: „Kind, zieh eine saubere Unterhose an – wenn du vom Bus überfahren wirst und ins Krankenhaus musst, sollen die Krankenschwestern nicht denken, wir wären Dreckspatzen!“ Abgesehen davon, dass sich wohl kaum je eine Krankenschwester angesichts eines vom Bus zermatschten Notfallpatienten auch nur den Hauch eines Gedankens über dessen Unterwäsche macht, ist es anscheinend trotzdem Tatsache, dass wir Menschen sogar noch während einer echten Katastrophe bestrebt sind, die Fassade eines geregelten Daseins aufrechtzuhalten. Was sagt mir das? Es ist still im Haus…

Abends kehrt meine Frau von ihrer Arbeit in der Apotheke zurück. „Hey, du hast aufgeräumt“, fällt ihr auf. „Unsere Papiertonne ist voll“, antworte ich lapidar.