Prozess

Ex-NVA-Soldat attackierte Nachbarn mit Jagdmesser

| Lesedauer: 4 Minuten
Thomas Geyer
Der angeklagte Ex-NVA-Soldat trägt das Jagdmesser immer in einer Gürteltasche mit sich.

Der angeklagte Ex-NVA-Soldat trägt das Jagdmesser immer in einer Gürteltasche mit sich.

Foto: Deutzmann / deutzmann.net / imago/Deutzmann

Prozessauftakt vor dem Amtsgericht Neumünster. Der Streit um eine Erbschaft eskalierte in Boostedt auf offener Straße.

Boostedt. Es war die blutige Eskalation jahrelanger Spannungen zwischen gut situierten Hausbesitzern in Boostedt: Mit dem Ausruf „Willst du mich überfahren!“ soll der Angeklagte (65) seinen Nachbarn (68) vor dessen Grundstückseinfahrt zum Anhalten genötigt und mit einem Jagdmesser niedergestochen haben.

„Die Ärzte sagten, ich hätte ein Wahnsinnsglück gehabt“, sagt das Opfer am Montag beim Prozessauftakt vor dem Amtsrichter in Neumünster. Wie der als Nebenkläger am Prozess beteiligte Ex-Banker berichtet, verfehlte der Bauchstich mit der elf Zentimeter langen Klinge nur knapp die Aorta und inneren Organe. Laut Staatsanwaltschaft schwebte das Opfer im April 2019 in akuter Lebensgefahr und wurde in einer Klinik in Bad Bramstedt notoperiert.

„Ich wurde ausgebildet, um im Notfall einen Menschen zu töten.“

Der wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagte Nachbar, ein 65-jähriger Ex-Soldat der Nationalen Volksarmee der DDR, räumte vor Gericht ein, den 68-jährigen Banker im Ruhestand niedergestochen zu haben. „Es tut mir leid, das war nicht richtig.“ Seine stets griffbereit in einer Gürteltasche mitgeführte Waffe will der ehemalige DDR-Offizier aber nur zur Selbstverteidigung gezückt haben. Dass er damit umgehen kann, machte er im Prozess unmissverständlich klar: „Ich wurde ausgebildet, um im Notfall einen Menschen zu töten.“

Er erklärte vor Gericht, er habe an jenem Aprilabend kurz vor 22 Uhr seinen Hund ausgeführt, als der Nachbar am Steuer seines VW Tiguan plötzlich „sehr schnell rückwärts auf mich zufuhr“. Dabei sei er angefahren und am Knie verletzt worden. Auch sein Hund sei umgefahren worden: „Er lag da wie tot.“ Die Zeugen des Vorfalls widersprechen dem Angeklagten. Die Ehefrau (67) des Opfers saß damals auf dem Beifahrersitz des Tiguan. Von einem An- oder Umfahren des Angeklagten und seines Hundes könne keine Rede sein, sagte sie aus. Sie sei mit ihrem Mann von einem Theaterbesuch nach Hause gekommen, als sich der Nachbar in den Weg gestellt und auf das Heck des Tiguan getrommelt habe.

Beide Parteien kümmerten sich um eine reiche alte Dame

Eine 58-jährige Freundin sei mit im Theater gewesen. Sie sah den Angeklagten von hinten auf den Wagen zugehen, der langsam zurücksetzte, um in die Einfahrt einbiegen zu können. Der Fahrer stieg aus und bat um freie Durchfahrt. „Dann rief er plötzlich, er hat gestochen, er hat gestochen!“, sagt die Zeugin. Während der Verletzte geflüchtet sei, habe sie Polizei und Rettungskräfte alarmiert. Vor Gericht kam der Hintergrund der Tat zur Sprache: Eine Erbschaft. Beide Parteien sollen sich jahrelang um eine wohlhabende Witwe gekümmert haben. Der Angeklagte Ex-Soldat und seine Frau hielten mit handwerklichem Geschick und grünem Daumen Haus und Garten der alten Dame in Schuss. Der Ex-Banker hingegen kümmerte sich um die Finanzen de Seniorin.

Nach der Testamentsvollstreckung begannen die Attacken

Offenbar rechneten alle Beteiligten damit, von der über 90-Jährigen am Erbe beteiligt zu werden. Doch als der Angeklagte erfuhr, dass der Ex-Banker bereits eine Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung hatte, zog er sich zurück und begann damit, dem Nachbarn zuzusetzen. Der Ex-Banker fand plötzlich Patronenhülsen und Glasscherben auf seinem Grundstück, immer wieder waren Schlösser zugeklebt. „Wir waren fassungslos“, sagt der Nebenkläger. Dann starb die Witwe. Als der Angeklagte nach der Testamentseröffnung erfuhr, dass er leer ausgehen würde, soll er den Nachbarn bedroht haben. Dessen Ehefrau berichtet von Scheinangriffen des Ex-Soldaten, er sei im Wagen mit Vollgas auf sie zugefahren. Beide fühlten sich gestalkt und verfolgt, beantragten zunächst vergeblich ein gerichtliches Annäherungsverbot. „Es musste wohl erst Blut fließen“, sagen die Eheleute, die seit dem Vorfall psychologisch betreut werden. „Wir fühlen uns bis heute ständig weiter bedroht, auch wenn die Polizei dreimal täglich bei uns Streife fährt.“ Am Haus ihres Nachbarn trauen sie sich nur noch im verriegelten Wagen vorbei.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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