Kreis Segeberg

Coronavirus – eine Region im Ausnahmezustand

| Lesedauer: 11 Minuten
Andreas Burgmayer, Christopher Herbst, Wolfgang Klietz, Frank Knittermeier,
Memedali Jakupi (vorne) und Thomas Ruß von Pütz Security – sobald das Maximum von 1500 Kunden erreicht ist, verwehren sie weiteren Besuchern das Betreten des Herold-Centers.

Memedali Jakupi (vorne) und Thomas Ruß von Pütz Security – sobald das Maximum von 1500 Kunden erreicht ist, verwehren sie weiteren Besuchern das Betreten des Herold-Centers.

Foto: Christopher Herbst

Acht Infizierte im Kreis Segeberg – Notbetreuung in Kitas hat begonnen – weitere Einschränkungen für Geschäfte und Lokale.

Kreis Segeberg. Schulen und Kitas geschlossen, alle öffentlichen Einrichtungen ebenso, in den Kliniken der Region, im Einzelhandel und in der Gastronomie herrschen wegen der Coronavirus-Krise immer striktere Einschränkungen. Am Montag haben Bundesregierung und Bundesländer die nächste Verschärfung beschlossen: Restaurants und Gaststätten dürfen nur noch von frühestens 6 bis spätestens 18 Uhr geöffnet sein, viele Geschäfte, insbesondere für Bekleidung, müssen dicht machen. Dafür werden für den gestatteten Einzelhandel, Wochenmärkte, Drogerien, Apotheken und Sanitätsläden die Sonntagsverbote aufgehoben. Hotels sollen schließen, Ausnahmen gelten nur für Geschäftsreisende und Einsatzkräfte. Und auch Spielplätze dürfen nicht mehr betreten werden.

Im Kreis Segeberg gibt es mittlerweile acht bestätigte Covid-19-Fälle. Weder das Geschlecht noch der Wohnort wurden jeweils genannt bei den neuen Infizierten. Eine der Personen war mit dem Flugzeug aus Spanien zurückgekehrt, hatte sich dann selbst isoliert. Das für den Ankunftsflughafen zuständige Gesundheitsamt ermittelt nun weitere Kontaktpersonen – eine aus dem Kreis ist bekannt, sie ist ebenso in Isolation. Die zweite Person hatte während der Rückfahrt im Auto aus Österreich Symptome entwickelt, begab sich nach der Rückkehr genauso wie eine Begleitperson in häusliche Isolierung. Beide haben Fieber und werden in einem Krankenhaus behandelt, auch bei der zweiten Person ist eine Infektion wahrscheinlich, aber noch nicht bestätigt.

Das Abendblatt hat sich in Einkaufszentren, bei Gastronomen, in Kommunen umgehört. Fazit: Die Verunsicherung ist groß und niemand kann die Folgen der Entwicklung überschauen.


Kinderbetreuung:
„Es sind überraschend wenig Kinder, die für die Notbetreuung angemeldet worden sind“, sagt Norderstedts Stadtsprecher Bernd-Olaf Struppek, „die höchste Zahl in einer Kita sind fünf.“ Ähnlich in Henstedt-Ulzburg: In den zehn kommunalen Kitas waren zusammengezählt am Montag nur 20 Kinder. „Teilweise haben sogar Eltern, die eigentlich zu den Ausnahme-Berufsgruppen gehören, die Betreuung anders organisiert“, so Björn Sumpf, einer der Leiter des Eigenbetriebs. Die Verwaltung der Kitas ist ab sofort nur noch telefonisch (04193/96 33 90) oder per Mail (kita@h-u.de) erreichbar.

Die Einkaufszentren: „Für uns ist das ja auch alles ganz neu“, sagt ein Sprecher des Herold-Centers am Montagmorgen. „Wir haben an allen unseren Eingängen Sicherheitspersonal postiert, das den Zugang kontrolliert.“ Die Vorgaben des Ordnungsamtes für den Betrieb in Zeiten von Corona sind klar. Jeder Kunde muss mindestens zwei Meter Abstand von jedem anderen Kunden oder vom Verkaufspersonal halten können. Umgelegt auf die Quadratmeterfläche des Centers bedeutet das: Nicht mehr als 1500 Kunden dürfen gleichzeitig im Gebäude sein. Kontrolliert wird nicht per Handzählung, sondern mit Sensoren an den zwölf Eingängen. An normalen Tagen kommen bis zu 34.000 Kunden. Wie sich die Zahlen entwickeln werden – auch das Herold-Center kann nur mutmaßen. „Viele Kunden werden sicherlich wegbleiben. Aber es gibt eben auch jene, die das alles komplett entspannt sehen und die trotzdem zum Einkaufen kommen. Wir müssen abwarten und sehen, was auf uns zukommt.“


Beim Möbel- und Modehaus Dodenhof in Kaltenkirchen, das nun auch schließen muss, war am Montag nur ein Eingang geöffnet, durch den pro Stunde nicht mehr als 100 Kunden durchgelassen wurden. „Wir haben Desinfektionsmittel im Eingangsbereich, der Putzdienst reinigt in kürzeren Intervallen, auf dem Boden haben wir Abstandhalter aufgeklebt, damit Kunden an den Sicherheitsabstand denken“, sagte Sprecherin Michaela Strube. Das größte Problem sei aber das Ausbleiben der Kunden. „Seit letzte Woche ein sehr massives Problem.“ Die Mitarbeiter bauen derzeit noch Überstundenkonten ab oder Minusstunden auf, sie dürfen aber auch zur Betreuung der Kinder gleich zu Hause bleiben. Auch Kurzarbeit soll angemeldet werden. „Wir können nur hoffen, dass die Krise nicht zu lange dauert“, sagt Strube.


Im City Center Ulzburg werden die verschärften Vorgaben der Regierung für die Schließung etwa von C&A und Kik sorgen. Kaufland bleibt offen. Manager Erich Lawrenz hatte dem Abendblatt zuvor bereits gesagt: „Ich werde an alle Händler die Verfügung verteilen, wonach alle Kunden zwei Meter Abstand halten sollen.“ Und er mache den „Lauten“, wenn er Kunden sehe, die sich falsch verhielten. „Auf der Herrentoilette habe ich beobachtet, dass sich manche Zeitgenossen immer noch nicht die Hände waschen. Die habe ich aufgefordert, sich mal ganz schnell die Pfoten gründlich zu waschen. Unglaublich!“


Die Gastronomie
: Platz ist nicht das Problem von Porter-House-Wirt Hartmut Albrecht. „Ich habe Räumlichkeiten für 20 bis 250 Personen. Bei mir können die Gäste von mir aus auch mit zehn Meter Abstand zueinander sitzen.“ Den Corona-Auflagen zum Betrieb seines Restaurants an der Niendorfer Straße in Garstedt kann Albrecht also locker nachkommen. „Zuletzt hatten wir noch ganz gut Betrieb. Wir haben die Tische auseinander geschoben und die Adressen der Leute notiert. Doch jetzt ist es eher mau. Die Leute kommen erst gar nicht, sind völlig verunsichert. Die Umsatzeinbußen liegen bei 70 Prozent“, sagt Albrecht.

Viele hätten die Weisungen der Behörden auch falsch verstanden. „Die lesen nur: Bars geschlossen. Und denken, Restaurants sind auch dicht.“ Albrecht hat nun erstmal am Montag auf seinen Parkplatz einen großes Schild aufgestellt, das unübersehbar Gäste willkommen heißt. Obwohl: Eigentlich würde der Wirt lieber zu machen. „Es wäre konsequenter. Zwei Wochen dicht und dann schauen, wie sich die Lage entwickelt.“ Er hat für seine Belegschaft bereits Kurzarbeit angemeldet. „Obwohl das nicht so einfach ist. Ich habe bei der Arbeitsagentur versucht anzurufen – da ist kein Durchkommen. Das kann ich jetzt bis Weihnachten versuchen.“ Wie lange er durchhalten würde, so ganz ohne Gäste und Umsatz? „Noch verhältnismäßig lange, weil mir das ganze Gasthaus gehört. Aber das kann es doch nicht sein. Alles was man sich über Jahrzehnte aufgebaut hat, kommt in Gefahr. Wir werden alle sehr viel Geld verlieren.“


In die Hopfenliebe, Norderstedts beliebtem Brauhaus am Rathausmarkt, passen bis zu 150 Leute im Normalbetrieb. „Seit Sonnabend dürfen wir aber nur noch 50 Leute reinlassen. Der Tresen ist ganz gesperrt“, sagt Geschäftsführer Rajas Thiele-Stechemesser. Zwar waren am Wochenende die wenigen zugelassenen Tische gut besetzt. Aber die Umsatzeinbußen liegen auch bei der Hopfenliebe bei 70 Prozent. Kurzarbeit? „Ich weiß gar nicht, ob das für Personal städtischer Gesellschaften geht“, sagt Thiele-Stechemesser. Die am Montag veröffentlichte neue Verschärfung, wonach das Lokal – gemäß bisheriger Öffnungszeiten ab 16 Uhr – nur noch zwei Stunden offen sein dürfte, wird man nicht mitgehen. „Dann machen wir nicht mehr auf. Dieser ganze Aufwand lohnt sich dann nicht mehr“, so Thiele-Stechemesser. Er ist nach eigenem Bekunden „total sauer“ auf die Bundesregierung. „Dieses ganze Hin und Her macht einen wahnsinnig, warum kann die Kanzlerin nicht eine Verfügung für das ganze Land herausgeben?“ Die Verluste sind längst unkalkulierbar, sie werden beträchtlich sein. Im Lager befinden sich verderbliche Waren, das gebraute Norderstedter Bier wäre laut Thiele-Stechemesser noch drei Monate haltbar. Und dazu haben in den letzten Tagen zahlreiche Gesellschaften mit bis zu 150 Personen abgesagt – manche schon für Ende Mai.


Die Tafel:
Etwa 200 ehrenamtliche Helfer sammeln wöchentlich 15 Tonnen Lebensmittel ein und geben sie an bedürftige Menschen weiter. So ist es seit 1996, aber jetzt wird diese Tätigkeit unterbrochen: Von sofort an werden die zehn Ausgabestellen der Norderstedter Tafel wegen der Corona-Krise auf unbestimmte Zeit geschlossen. „Unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter sind alle über 65 Jahre alt“, sagt Tafel-Leiterin Ingrid Ernst. „Da dürfen wir kein Risiko eingehen.“ In normalen Zeiten werden etwa 900 Haushalte mit Lebensmitteln versorgt. In den nächsten Wochen kann die Tafel aber auch auf Härtefälle reagieren. „Verhungern muss niemand“, sagt Ingrid Ernst. „Wir haben noch Vorräte, fahren aber keine Supermärkte mehr an, um Lebensmittel abzuholen.“ Wer dringenden Bedarf hat, kann unter Telefon 040/525 26 36 auf seine Notlage hinweisen. Vorhanden sind noch Konserven und Tiefkühlkost, die bis Ende März verbraucht sein muss. Die Tafel hat insgesamt zehn Ausgabestellen in Norderstedt, Schnelsen, Poppenbüttel, Hummelsbüttel, Langenhorn, Henstedt-Ulzburg und Ellerau.


Hochzeiten:
Die Standesämter vergeben momentan keine Termine – aber wer eine Trauung angemeldet hat, darf heiraten. In Norderstedt sind pro Paar maximal zehn Gäste erlaubt. In Henstedt-Ulzburg gilt: Eigene Kinder und die jeweiligen Eltern dürfen dabei sein.


In Bad Bramstedt hat Bürgermeisterin Verena Jeske an die Bevölkerung appelliert, das Verbot öffentlicher Veranstaltungen zu beachten. Sie reagierte damit auf ein Nachbarschaftstreffen, zu dem sich am Sonntag etwa 25 Grundeigentümer aus der Bimöhler Straße im Restaurant Gazelle getroffen hatten. Sie diskutierten dort über Vorauszahlungsbescheide der Stadt für die Ausbaubeiträge. „Nichts ist derzeit wichtiger, als dafür Sorge zu tragen, dass keine Risikosituationen geschaffen werden“, so Jeske. „Wir tragen alle für uns selbst und unsere Mitmenschen eine große Verantwortung.“ Zusammenkünfte wie in der Gazelle hätten – egal zu welchem Thema – zu unterbleiben.


Recyclinghöfe:
Der Wege-Zweckverband des Kreises Segeberg schließt ab dem heutigen Dienstag seine vier Recyclinghöfe in Norderstedt, Bad Segeberg, Schmalfeld und Damsdorf/Tensfeld. Auch das Schadstoffmobil ist vorerst nicht unterwegs. Laut WZV sei der Grund, dass die Entsorgungssicherheit Priorität habe und daher die Regelabfuhr im Vordergrund stehen würde. Das Service-Center hat dafür seine Sprechzeiten verlängert, ist werktags von 6 bis 18 Uhr unter 04551/90 90 (Privatkunden) oder 04551/90 91 15 (Gewerbe) erreichbar.


Explizit gilt laut Bundesregierung, dass auch Tierparks für den Publikumsverkehr geschlossen werden müssen. Das betrifft im Kreis Segeberg auch den Wildpark Eekholt, der formal als Zoo gilt. Für die privat geführte Einrichtung ein harter Schlag, da dort die Besuchereinnahmen von erheblicher Bedeutung für den Betrieb sind. Ebenso nicht mehr geöffnet ist der Erlebniswald Trappenkamp in Daldorf.

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