Kreis Segeberg

In Nahe gehört Inklusion seit 40 Jahren zum Dorfleben

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Bewohner Martin im Hofladen der Wohngruppe. Viele Stammkunden kaufen hier ein.

Bewohner Martin im Hofladen der Wohngruppe. Viele Stammkunden kaufen hier ein.

Foto: Patrick Schwager / Schwager

In der Wohngruppe Miteinander in Nahe leben und arbeiten Menschen mit und ohne Behinderungen – eine Erfolgsgeschichte.

Nahe.  Inklusion – das Wort ist in aller Munde. Spätestens seit der Staat die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen durch zahlreiche Gesetze durchzusetzen versucht und schon in den Schulklassen das gemeinsame Lernen von Menschen mit und ohne Behinderungen fördert.

In der Wohngruppe Miteinander im kleinen Dörfchen Nahe ist Inklusion schon seit 40 Jahren gelebte Realität. Denn dort wohnen und arbeiten Betreuer und Menschen mit Behinderung rund um die Uhr zusammen. Ein Konzept, das erfolgreich funktioniert und die Menschen näher zusammengebracht hat.

Der Anfang für die Wohngruppe Miteinander war nicht ganz einfach: Bei ihrer Gründung bestand sie nur aus einer einzigen Pflegefamilie, die Menschen mit Behinderungen ein liebevolles Zuhause bot. Schnell kamen andere Familien hinzu, sodass aus dem ursprünglichen Wohnkonzept eine kommunen-ähnliche Gemeinschaft wurde.

Anfang der 90er-Jahre folgte die Umwandlung zu einer stationären Einrichtung. Heute gilt die Wohngruppe Miteinander laut Gesetzgeber als besondere Einrichtung. Und das ist sie auch: Der jüngste Bewohner ist 21 Jahre alt, der älteste ist bereits 70. Es gibt unter den zehn Bewohnern ein Ehepaar, das ambulant betreut wird und ein weiteres Pärchen, das sich seit Jahrzehnten innig liebt.

„Hier leben Menschen mit einer geistigen Behinderung in Verbindung mit psychischen Beeinträchtigungen“, sagt die Leiterin Corina Dierfeld. Sie und ihr Betreuer-Team haben feste Strukturen etabliert, die den Bewohnern den nötigen Halt bieten. Dazu gehört auch das gemeinsame Frühstück, das jeden Tag von einem Mitarbeiter und einem Bewohner zubereitet wird. Nach der täglichen Arbeitsbesprechung geht jeder seinen Aufgaben nach, ehe man um 13 Uhr zum Mittagessen wieder zusammentrifft. Um 16.30 ist dann Feierabend. Das gemeinsame Abendbrot um 19 Uhr beschließt den Tag, danach haben alle Zeit, ihren Freizeitbeschäftigungen nachzugehen. „Wir leben hier den Gemeinschaftsgedanken“, sagt Dierfeld über die Philosophie des Wohnprojektes. „Dafür richten wir ein besonderes Augenmerk auf die Sinnfindung im Leben, die bei Arbeit und Gemeinschaft den Mittelpunkt bildet. Gemeinsam können wir alles schaffen.“ Neben der staatlichen Eingliederungshilfe und den Bewohner-Mieten, hat sich die Wohngruppe schon lange ein drittes finanzielles Standbein geschaffen: Der Biogarten Nahe produziert seit Jahrzehnten Obst und Gemüse nach Biolandrichtlinien und verkauft die regionalen Erzeugnisse in seinem Hofladen.

„Wir haben viele Stammkunden, die sich jede Woche ihre Abokiste bei uns abholen, oder wir liefern sie direkt bis an die Haustür“, berichtet Corina Dierfeld und betont, dass die Akzeptanz im Dorf sehr gut sei. „Wir sind präsent und beteiligen uns am Dorfleben.“ Einige Bewohner besuchen den örtlichen Sportverein, andere sind durch regelmäßige Spaziergänge längst fester Bestandteil des Ortsbildes geworden. Die Wohngruppe ist ein Vorzeigemodell für Inklusion.

Selbstständigkeit kann die Bewohner auch verunsichern

Verwunderlich, dass gerade der Gesetzgeber die kleine Wohngemeinschaft vor eine ungewisse Zukunft stellt: Denn im neuen Bundesteilhabegesetz kommen Inklusionsformen wie die in Nahe schlichtweg nicht vor. „Wir haben glücklicherweise einen Übergangsvertrag bis 2021“, sagt Leiterin Dierfeld. „Danach muss die Zukunft verhandelt werden.“

Auch im Alltag sorgen die neuen Gleichstellungsgesetze für allerhand Wirbel. Ein gutes Beispiel sind die Bankkonten, die Menschen mit Behinderungen für das eigenständige und selbstbestimmte Leben zustehen. „Man kann sich gar nicht vorstellen, was hier los war“, erinnert sich Corina Dierfeld. Für einen Teil der Bewohner war es der langersehnte Schritt zur Gleichberechtigung. Die anderen hatten Angst vor dem Unbekannten, und wieder andere glaubten, dass sie dadurch mehr Geld bekämen.

Ebenso musste für jeden Bewohner ein eigener Briefkasten angeschafft werden. Sie hängen jetzt nebeneinander und wurden von ihren Besitzern bunt angemalt. Das Problem: Seitdem muss sich das Betreuungs-Team darauf verlassen, dass die Post weitergeleitet wird. „Das funktioniert leider nicht reibungslos, weil einige sehr vergesslich sind oder gar nicht lesen können.“

Bewohner Stefan (56) liebt das Leben in Nahe. „Ich mag meine Mitbewohner, die sind alle total nett. Trotzdem spielen wir uns hier gegenseitig gern kleine Streiche.“ Das harmonische Miteinander schätzt Maja Pickenbrock, die ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Wohngruppe macht. „Die Menschen hier sind schon etwas Besonderes, mir macht der Job ganz einfach großen Spaß.“

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