Schröters Corona-Tagebuch

Die Liebe in den Zeiten der Quarantäne

| Lesedauer: 3 Minuten
Jan Schröter
Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt

Foto: Wolfgang Klietz

Kolumnist Jan Schröter berichtet aus der heimischen Quarantäne. Heute: Jungvögel, Versammlungen und Abstand halten.

Bad Bramstedt.  Solange das Coronavirus randaliert, sagt mein Arzt, soll ich unbedingt meinen Aktionsradius strikt begrenzen. Eigentlich fühle ich mich ganz okay, aber ich bin die personifizierte Risikogruppe: Mann, über 60, chronische Vorerkrankungen sowohl an Herz und Lunge sowie Diabetes. Mehr geht nicht.

Ich bin akut vom Aussterben bedroht. Von Rechts wegen gehörte ich auf die Rote Liste. Wäre ich eine seltene Pflanze, würde der Nabu für eine Umgehungsstraße um mich herum sammeln. Leider bin ich bloß ein Allerweltskünstler, daher muss ich mich selbst um meinen Artenschutz kümmern.

Erste Maßnahme: Versammlungen vermeiden. Ab wann sind ein paar Leute eine Versammlung? Sechs Menschen noch nicht, aber sieben sind eine Versammlung. So hat es jüngst der österreichische Kanzler Kurz bestimmt. „Was macht eine Familie mit sieben Kindern, die zusammen Mittagessen will?“, überlegt meine Frau. „Die spielen vor dem Essen ‚Reise nach Jerusalem‘, bis nur noch sechs am Tisch sitzen“, spekuliere ich. „Wie grausam“, findet die Gattin, und ich tröste: „Das ist wie in der Natur – der schwächste Jungvogel wird auch aus dem Nest geworfen.“

Die Gattin steht unter Dauerbeschuss durch Viren

Unsere Kinder sind längst erwachsen und haben das Nest freiwillig verlassen. Versammlungen lassen sich in meinem Heim demnach leicht vermeiden. Ich muss auch nicht zwangsläufig hinaus in die Welt, als Autor schreibe ich ohnehin meist zu Hause. Meine Frau arbeitet jedoch in einer Apotheke. Vor Corona hielt ich es für enorm praktisch, als multipel derangierter Oldtimer mit einer Frau verheiratet zu sein, die neben etlichen anderen Vorzügen auch noch pharmazeutisches Fachwissen mitbringt. Doch nun? Während ich mich zu Hause verschanze, steht sie tagtäglich in einem Laden, dessen Kunden bereits beim Eintritt quer durch den Saal bis zur Kasse niesen. Nach acht Stunden Virenbeschuss kommt sie dann nach Hause. Zu mir. Ich fürchte, das überlebe ich nicht lange.

„Was soll das?“, wundert sie sich, als ich fürs Abendbrot aufdecke, den Tisch querstelle und unsere Brettchen an entgegengesetzten, maximal voneinander entfernten Enden platziere. „Wir brauchen Abstand. Mindestens 1,5 Meter. Notverordnung direkt von Daniel Günther“, erkläre ich. Sie setzt sich kopfschüttelnd. Unsere Mahlzeit verläuft schweigend. Vielleicht hätten wir sowieso Mühe, uns über diese Entfernung zu verständigen, ist also erst mal okay so.

Den Rest des Abends über kommt auch nicht gerade Stimmung auf. Und beim Zubettgehen ordnet meine Gattin kategorisch an: „Du liegst da drüben ganz am Rand! Und ich an meinem. Einmeterfuffzich. Notverordnung!“ Ich liege auf der harten Bettkante und rechne. Das Bett ist 1,80 breit. Anderthalb Meter abziehen, bleiben 30 Zentimeter. Durch Zwei. 15 Zentimeter für jeden. Das kann nicht gut gehen. Im Moment dieser Erkenntnis trifft mich ein Fuß am Allerwertesten. Ich stürze ab, liege im Deckenknäuel auf dem Fußboden und höre meine Frau kichern: „Wie in der Natur – der schwächste Jungvogel wird aus dem Nest geworfen!“

Immerhin, sie bezeichnet mich noch als Jungvogel. Es muss Liebe sein.

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