Norderstedt
Henstedt-Ulzburg

Eine Weltenbummlerin kehrt Heim in den Norden

Ulrike Schmidt im Café II in Henstedt-Ulzburg – hier gönnt sie sich manchmal eine Auszeit vom Wahlkampf.

Ulrike Schmidt im Café II in Henstedt-Ulzburg – hier gönnt sie sich manchmal eine Auszeit vom Wahlkampf.

Foto: Christopher Herbst

Für die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa war die SPD-Bürgermeister-Kandidatin sogar im Kosovo.

Henstedt-Ulzburg.  Einen eigenen Wahlkampfsong hat Ulrike Schmidt nicht. Das wäre auch ungewöhnlich, es geht ja nicht um das US-Präsidentenamt, sondern nur um das Henstedt-Ulzburger Rathaus. Doch die von SPD nominierte, parteilose Bürgermeisterkandidatin hätte durchaus eine Idee. „Burning down the House“, sagt sie spontan, den 83er-Klassiker von ihrer Lieblingsband, den Talking Heads.

Weltenbummlerin kehrt Heim nach Henstedt-Ulzburg

Ein Scherz – als Metapher für den Verwaltungssitz der Gemeinde will Schmidt das dann doch nicht verstanden wissen, auch wenn in dem Lied gesungen wird: „We‘re in for nasty weather“, also dass man sich auf unangenehme Witterung gefasst machen müsse. Das könnte mit Blick auf die jüngere Vergangenheit durchaus das Verhältnis zwischen Rathaus und Politik beschreiben. Die 46-Jährige unterscheidet sich von ihren drei Mitbewerbern. Nicht vorrangig, weil sie weiblich ist, auch wenn eine gewählte Frau an der Spitze Henstedt-Ulzburgs ein Novum wäre. Zwei Konkurrenten stammen aus dem Ort, der dritte hat stets in Norddeutschland gelebt. Im Reisepass von Ulrike Schmidt stehen dafür einige andere Destinationen, die mit Urlaub nichts zu tun hatten.

Die letzten fünf Jahre arbeitete sie im Wiener Regionalbüro der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit im Europa. Ihr Fachgebiet: Osteuropa und der Balkan. In Nordmazedonien war sie ebenso fünf Jahre. „Und immer mehrere Monate am Stück im Kosovo, in Serbien. Ich habe viel in Armenien gemacht, da ging es um den Friedensprozess, um Frauen, die allein gelassen sind. In vielen kleinen Gemeinden dort leben fast nur noch Frauen.“ Und die müssen sich in alten, patriarchischen Strukturen behaupten. Es ging also um Gleichstellungsthemen. Auch in der Ukraine, sagt Schmidt. „Immer auf Gemeindeebene.“

Schmidt war Leiterin eines OSZE-Büros in Nordmazedonien

Zuletzt hat sie noch an einer Publikation über Frauen in Friedensprozessen mitgewirkt, einen Workshop für Armenierinnen vorbereitet, Hintergrundanalysen erstellt. Da mag Henstedt-Ulzburg im Vergleich zu Post-Konflikt-Fragen eher profan erscheinen. Als studierte Romanistin und Anglistin und mit einem Masterabschluss in Konfliktlösung von der Universität Bradford war die gebürtige Preetzerin von der OSZE als Leiterin eines Regionalbüros im nordmazedonischen Tetovo und in Skopje eingesetzt. Im ehemaligen Jugoslawien sollte sie kommunale Verwaltungsstrukturen schaffen. Und das immer unter Berücksichtigung von Frauenrechten.

„Ich habe unter schwierigen Bedingungen gearbeitet“, sagt sie. Interreligiöse Konflikte seien zum Beispiel von Politikern vorgeschoben worden, um Bevölkerungsgruppen gegeneinander auszuspielen. Wenn jemand dort gelebt hat, sich auch das Privatleben dort abspielte, „dann bewertet man alles aus anderer Perspektive“.

Für die OSZE in den Kosovo – trotz Heimwehs

Im Kosovo sei oft der Strom ausgefallen. „Auch mal fünf Stunden im Winter.“ Die Straßenverhältnisse seien oft sehr schlecht, „andererseits fahren die Leute auch unheimlich vorsichtig“. Aber, so Schmidt, „viele Sachen werden lockerer gesehen, die Menschen helfen sich gegenseitig, auch finanziell, man muss viel improvisieren, es gibt viel Nachbarschaftshilfe.“ Ihren Lebensgefährten Hadis hat sie dort kennengelernt, sie sind seit fast zehn Jahren liiert. Er ist Berater der nordmazedonischen Regierung in Sachen EU-Beitritt und in Sicherheitsfragen. Doch er würde mit Ulrike Schmidt nach Henstedt-Ulzburg ziehen. „Wir haben das alles gründlich durchgesprochen. In den letzten Jahren haben wir schon immer hier in Schleswig-Holstein Urlaub gemacht. Es hat ihm gut gefallen.“

Heimweh ist auch ein Grund, warum sie wieder im Norden sesshaft werden möchte. „Man nimmt von überall etwas mit. Aber ich sehe in Schleswig-Holstein meine Heimat.“ Ihre Mutter Gisela lebt in Eutin – und ihr Bruder Oliver ist bereits Bürgermeister, nämlich in Heide.

Haustürbesuche als versierte Wahlkampfstrategie

Er vermittelte auch den Kontakt zu Thies Thiessen, dem Geschäftsführer der Sozialdemokratischen Gemeinschaft für Kommunalpolitik, einem versierten Wahlkampfstrategen. Mehrere Tausend Haustürbesuche hat Schmidt bereits hinter sich, diese hyperlokale Ebene ist integraler Bestandteil der Kampagne. „Ich möchte mich mit den Menschen unterhalten. Die Leute kommen auf mich zu. Es ist spannend, wie sich die Gespräche entwickeln, man erfährt viel über die Gemeinde.“

Und selbst für Fachgespräche über 80er-New Wave ist sie nachweislich gewappnet.