Norderstedt
50 Jahre Norderstedt

Volker Hallwachs – der Vater von wilhelm.tel

Der ehemalige Chef der Norderstedter Stadtwerke, Volker Hallwachs, im Gebäude der Stadtwerke in Norderstedt-Mitte. Der 76-Jährige lebt mit seiner Frau in einer kleinen Wohnung in Garstedt.

Der ehemalige Chef der Norderstedter Stadtwerke, Volker Hallwachs, im Gebäude der Stadtwerke in Norderstedt-Mitte. Der 76-Jährige lebt mit seiner Frau in einer kleinen Wohnung in Garstedt.

Foto: Thorsten Ahlf

Stadtwerke-Macher: Volker Hallwachs hat in 38 Jahren den einst kleinen Energieversorger zum umsatzstarken Rund-um-Versorgungsbetrieb ausgebaut.

Norderstedt.  Als er 1971 von Wiesbaden nach Norderstedt kam und hier Werkleiter wurde, war er mit 27 Jahren noch ein junger Mann. Die Stadtwerke waren gerade gegründet, erinnert sich Volker Hallwachs, der mit seiner Frau Ilse heute in einer kleinen Wohnung in Garstedt lebt und zuvor bei einem Energieversorger in Hochheim in Hessen arbeitete.

„Jeder Stadtteil hatte vorher seine eigene Strom- und Energieversorgung“, erinnert sich Hallwachs. Nur Garstedt hatte mit seinen Gemeindewerken eine eigene Strom- und Gasversorgung, alle anderen Stadtteile bekamen ihren Strom von der Schleswag, und das Gas kam aus Hamburg. Nur Harksheide und Fried­richsgabe verfügten über eigene Wasserwerke. „Das war ein totales Durcheinander“, so Hallwachs.

Die Norderstedter Stadtwerke, denen Hallwachs bis 2009 insgesamt 38 Jahre lang seinen Stempel aufdrücken sollte, beschäftigten damals etwa 50 Mitarbeiter, die für 3000 Mark Gewinn sorgten. Vier Jahrzehnte später, als Hallwachs in Ruhestand ging, war das Unternehmen 300 Personen stark, erlöste 120 Millionen Euro Jahresumsatz und einen Gewinn von gut 15 Millionen Euro, sagt Hallwachs nicht ohne Stolz.

Verantwortlich für dieses enorme Wachstum war eine weitsichtige Strategie, mit der Hallwachs den kleinen kommunalen Energieversorger zu einem Rundum-Versorgungsbetrieb machte, der nicht nur die Haushalte der wachsenden Stadt – von 55.000 bei der Stadtgründung 1970 auf 81.000 Einwohner heute – mit Wasser, Gas und Strom versorgte. Hallwachs modernisierte die Stromleitungen, die Norderstedt als eine der ersten Kommunen im Land vollständig unter die Erde verlegte. Er ließ Blockheizkraftwerke bauen, die heute ein Drittel des eigenen Strombedarfs abdecken und ein Fernwärmenetz speisen.

Und er erkannte als einer der ersten seiner Zunft, wie wichtig die Telekommunikation und das Internet für die Zukunft sein würden. So forcierte er mit dem Tochterunternehmen wilhelm.tel den Ausbau eines Glasfasernetzes, das um die Jahrtausendwende für etwa 60 Millionen Euro jeden Haushalt an das Breitbandnetz anschließen sollte.

Für diese bahnbrechende Entscheidung im Jahr 1999, die Norderstedt zum bundesweiten kommunalen Vorreiter dieser Technologie machte, sei die Liberalisierung des Strommarktes von 1998 verantwortlich gewesen. Jeder Bürger konnte sich plötzlich seinen Stromanbieter aussuchen, große Unternehmen wie Handelsketten und Konzerne den Preis ihres Energieeinkaufs durch ihre Großeinkäufe drücken. Den kommunalen Stromversorgern drohten schwere Verluste, erinnert sich Hallwachs. Darum sollten sich die Stadtwerke, wie Hallwachs bereits 1999 bei einem Treffen in Bad Oldesloe referierte, „die Chance jetzt nutzen, wo wir wirtschaftlich noch in der Lage dazu sind, neue Aufgabenfelder anzugehen.“

Als treibende Kraft an seine Seite holte sich Hallwachs für diese Aufgabe Theo Weirich, der bereits mit einem Frankfurter Unternehmen die Netzleittechnik der Norderstedter Stadtwerke modernisiert hatte. Weirich bekam den Auftrag, 300 Kilometer Lichtwellen-Leitungen in den Untergrund zu vergraben und so bald den Sprach- und Datentransfer aller Norderstedter in Lichtgeschwindigkeit in alle Welt zu tragen beziehungsweise hierher zu holen.

Heute ist das eine einmalige Erfolgsgeschichte. Das kerngesunde Unternehmen wilhelm.tel erlöste 2017 allein einen Jahresumsatz von 67,7 Millionen Euro und einen Jahresgewinn von 16,2 Millionen Euro nach Steuern. Das entspricht einer traumhaften Umsatzrendite von 24 Prozent. Halb Hamburg surft heute über die großen Wohnungsgesellschaften wie Saga und an den U-Bahnhöfen sowie ein Großteil des Hamburger Umlandes über wilhelm.tel-Leitungen oder -Produkte im weltweiten Datennetz oder streamt die Fernsehsender darüber. Und das Thema lässt Hallwachs auch im Ruhestand nicht los. Seit acht Jahren berät er den Breitband-Zweckverband im Kreis Steinburg, der dort jetzt jedes einzelne Haus an das Glasfasernetz anschließt.

Ähnlich wegweisend war Hallwachs‘ Wirken für den öffentlichen Nahverkehr. So schien die Idee eines U-Bahn-Anschlusses, der bis Norderstedt-Mitte reicht, an den enormen Kosten zu scheitern. Hallwachs lud die Verantwortlichen aus Hamburg, Kiel und dem Kreis Segeberg Mitte der 80er-Jahre in das damalige Rathaus-Restaurant ein und verhandelte die Kuh vom Eis. Land, Kreis und Stadt gründeten gemeinsam die Verkehrsbetriebe Norderstedt und teilten sich zu je einem Drittel die Baukosten von rund 200 Millionen Euro für die 2,8 Kilometer lange Strecke von Garstedt bis „No-Mi“, die der Bund zu drei Vierteln übernahm. Weil diese Investitionen den Gewinn schmälerten, sparte dies den Stadtwerken bis zu drei Millionen Mark im Jahr an Steuern.

Und so ähnlich ging er dann auch beim Arriba-Bad vor, das 1994 als Erlebnisbad neu eröffnet wurde und mit bis zu 800.000 Besuchern im Jahr heute zehnmal so viele Badegäste anzieht wie das alte Hallen- und Freibad, dessen Schließung damals drohte. Ein modernes Blockheizkraftwerk wärmt das Wasser. Und für die Leitung des neuen Bades holte sich Hallwachs mit dem Holländer Ruud Swaen einen Fachmann, der wie Weirich bei wilhelm.tel heute noch das Unternehmen mit dem Erlebnis- und Stadtpark-Bad leitet. „Swaen habe ich 1993 in meinem Türkei-Urlaub entdeckt“, erzählt Hallwachs. Dessen Freundin massierte ihm den Rücken und erzählte ihm von dem erfolgreichen Hotelmanager, sagt Hallwachs und muss schmunzeln.

In Norderstedt habe er wegen der Gründerzeit viel anpacken und bewirken können, sagt Hallwachs. „Die Politik stand immer hinter den Stadtwerken.“ Auch als 2002 plötzlich 80 Steuerfahnder die Stadtwerke auseinandernahmen und der Korruption beschuldigten. Zum Glück verliefen die Ermittlungen im Sande. „Aber wir mussten zwei Jahre kämpfen“, sagt Hallwachs, der sich heute vor allem um seine sieben Enkelkinder kümmert.

Das Geheimnis einer guten Führungskraft liege darin: „Du musst motivieren und die Leute begeistern können, damit die Mitarbeiter mitziehen.“ Alle drei heutigen Werkleiter – Jens Seedorff, Axel Gengelbach und Theo Weirich, die gerade das 100-jährige Bestehen der Gemeindewerke Garstedt gefeiert haben - seien unter seiner Führung in diese Aufgaben hineingewachsen. In 38 Jahren Amtszeit hätten nur zwei Mitarbeiter bei ihm gekündigt. „Einen konnte ich noch überreden zu bleiben“, sagt Hallwachs.