Norderstedt
Schröters Wochenschau

Orkan „Sabine“ – Frontbericht aus Katastrophengebiet

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt

Foto: Wolfgang Klietz

Gelassen schaut Jan Schröter die Schockmeldungen über Orkan „Sabine“. Doch was, wenn das eigene Haus plötzlich in den Nachrichten auftaucht?

Kreis Segeberg.  Eine Woche lang Orkantief, volles Gebläse, Wasser aus allen Richtungen. Für mich ein bewusstseinserweiterndes Erlebnis. Die Szenerie: Feierabend bei Schröter. Der von seiner Schreibtischfron rechtschaffen ermattete Autor ruht auf dem Sofa. Der Kaminofen knistert behaglich. Ich erwäge den Konsum eines Rotweins, vertage dieses Vorhaben jedoch zugunsten des Schleswig-Holstein-Journals auf N3 – und erstarre: Frontbericht aus dem Katastrophengebiet.

Gerade flimmern die Bilder der überfluteten Bramau-Wiesen über den Bildschirm. Die Kamera schwenkt über eine endlose Wasserfläche zum gegenüberliegenden Ufer und saugt sich an einem Gebäude fest, welches aus dieser Perspektive aussieht, als stünde sein Untergang unmittelbar bevor. Es ist mein Haus. Exakt das Gebäude, in dem es mich soeben vom Sofa haut, in einem Anflug von Panik. Die Flut kommt! Sandsäcke her! Arche bauen! Haus evakuieren! Dann schaltet mein Verstand aus dem Panikmodus zurück auf Normalbetrieb. Die Flut ist seit Tagen da draußen. Die Bramau spielt zwei-, dreimal pro Jahr Amazonas, das gehört so. Alle paar Jahre läuft der kleine Keller im Anbau voll, in dem wir deshalb sowieso nichts lagern, was durch Wasser Schaden nähme. Mehr wird nicht passieren, auch diesmal nicht. Falls doch, ich bin versichert. Und der Picasso im Wohnzimmer ist ohnehin eine Fälschung, gemalt von meiner dreijährigen Großnichte.

Ein Glas Wein und eine „Tagesschau“ voll der üblichen Schockmeldungen später komme ich ins Grübeln. Hätte das Fernsehen vorhin Flutbilder von der Oder, dem Rhein oder gar vom Ganges oder Euphrat gesendet, wäre ich nicht vom Sofa gefallen. Dort wohnt nämlich keiner, den ich kenne. Vor allem wohne ich dort nicht. Sind die Nachrichten in allen Medien vielleicht deshalb so grauenerregend, weil wir unterhalb von Megakatastrophenalarmniveau kaum eine Emotion mehr verspüren, wenn es nicht um unsere eigene Person geht? Oder ist die Welt wirklich so schlecht?

Ich gehe hinaus in den Garten, trete an die Hecke und blicke übers sturmgepeitschte Binnenmeer, normalerweise bekannt als harmloses Wiesenflüsschen. Wunderschön, wenn es so ist wie jetzt. Ein bisschen höher, und es wird lästig. Noch ein Stück mehr wäre übel. Vielleicht sollte man öfter vor der eigenen Haustür nachsehen, was wirklich los ist.