Norderstedt
Klimawandel

Ein Norderstedter Baumdenkmal ist abgestorben

Von dem über 200 Jahre alten Baumdenkmal an der Johann-Hinrich-Wichern-Straße bleibt nur noch ein Baumstumpf übrig.

Von dem über 200 Jahre alten Baumdenkmal an der Johann-Hinrich-Wichern-Straße bleibt nur noch ein Baumstumpf übrig.

Foto: Andreas Burgmayer

Die über 200 Jahre alte Buche in Harksheide ist ein Opfer der gefürchteten Komplexkrankheit – und des Klimawandels.

Norderstedt.  Etwa 210 Jahre stand sie in Harksheide. Sie ist mehr als vier mal so alt wie die Stadt Norderstedt und hat Generationen von Menschen überlebt. Sie produzierte Unmengen an Sauerstoff und saugte noch mehr CO2 aus der Atmosphäre, sie spendete Schatten und war mit ihrer stattlichen Schönheit ein prägendes Stück im Ortsbild.

Doch nun ist die Buche an der Ecke Johan-Hinrich-Wichern-Straße und Harkesheyde abgestorben. Am Montag ging es kaum ein paar Stunden, ehe Waldarbeiter und ein furchtbar lauter Schredder die Äste der Buche zu Holzpellets verarbeitet hatten. Zurück blieb nur der nackte, etwa fünf Meter Hohe Baumstamm, „Totholz“, der gleichsam als Habitat für Insekten und Vögel sowie als Mahnmal bestehen bleibt.

Denn es ist nicht normal, dass denkmalgeschützte Baumriesen absterben. Aber was ist schon normal in einer Natur, die offenbar einem radikalen Wandel unterworfen ist. Wer wissen will, wie der Klimawandel wirkt, der kann sich auch die Geschichte der Buche anschauen.

Sie war offiziell eines von sechs Baumdenkmalen in der Stadt. Bäume oder Baumgruppen werden nur wegen „ihrer Seltenheit, Eigenart oder Schönheit oder aus landeskundlichen Gründen unter Schutz gestellt“ und zu Denkmalen erklärt. „Und sie müssen zugänglich sein, damit die Menschen sie erleben können“, sagt Kerstin Zacher, Baumexpertin des städtischen Fachbereichs Natur und Landschaft. „Baumdenkmale werden von der Stadt gepflegt und jährlich von Fachleuten begutachtet. Bei der Buche haben wir schon 2011 eine Tendenz zur schlechten Vitalität festgestellt.“ 2015 schließlich begann der Baum abzusterben, Rinde platzte ab, der Rotbuchen-Rindenkugelpilz befiel den Stamm. Die Diagnose war klar – und vernichtend: Die Buchenkomplexkrankheit. „Man weiß nicht exakt, was ihr Ausbrechen auslöst und auch nicht, wie man sie aufhalten kann“, sagt Uwe Reher, Zachers Kollege aus dem Fachamt.

Die Komplexkrankheit befällt gesunde Buchen in ganz Europa. Beobachtet wird, dass sie verstärkt nach extremen Trockenjahren auftritt. „Wir beobachten die klimatische Entwicklung und hoffen jedes Jahr, dass der Sommer nicht wieder so trocken wird“, sagt Reher. So staubtrocken wie 2018 und 2019 etwa. Kleine Bäume gingen massenhaft ein. Doch die großen Baumriesen wurzeln in der Regel tief und kommen an Grundwasser. Doch wenn der Grundwasserpegel stark sinkt – so wie es während der Trockenjahre üblich ist – haben sie ein existenzielles Problem. „Die Buche hat tief gehende Wurzeln, die aber eher ihrer Stabilität dienen. Zweidrittel des Wurzelwerks verlaufen relativ oberflächennah“, sagt Reher.

Er vermutet, dass Trockenheit, gefolgt von nassen Wintern und viele kleine Beschädigungen am Wurzelwerk schließlich die Widerstandskraft des Baumes derart geschädigt haben, dass die Komplexkrankheit leichtes Spiel hatte. „Man denkt immer, es macht so einem Baumriesen nichts aus, wenn man mal über eine seiner Wurzeln fährt, beständig drübertrampelt, oder rings um ihn herum Häuser baut. Aber tatsächlich sind das alles kleine Nadelstiche, die den Baum in der Summe in seiner Existenz bedrohen.“, sagt Reher.

Der Klimawandel verstärkt also genau die Wettereffekte, die selbst Baumriesen in die Knie zwingen. „Straßenbäume stehen grundsätzlich unter großem Stress“, sagt Kerstin Zacher. „Die klimatischen Bedingungen verstärken ihn.“ Arten wie die Buche, die seit Jahrhunderte unsere Landschaft prägen, machen in Stadtgebieten auf lange Sicht keinen Sinn mehr. „Wir müssen wir bei der Neuanpflanzung von Bäumen auf südeuropäische Baumarten zurückgreifen. Für geeignet halten Experten die Hainbuche, den Ginkgo, den Lederhülsenbaum, aber auch die Baummagnolie oder der Eisenholzbaum.

An Baumdenkmalen bleiben Norderstedt nun noch fünf: Eine etwa 260 Jahre alte Buche am Tangstedter Weg 82, der 120 bis 190 Jahre alte Buchenredder am Hopfenweg, die 200 Jahre alte Eiche am Tarpenufer 10, die 210 Jahre alte Blutbuche an der Kirchenstraße 1 und die etwa 250 Jahre alte Eiche am Ohlenhoff 14.