Norderstedt
Kreis Segeberg

So sah Polizeiarbeit vor mehr als 80 Jahren aus

Auf der Eutiner Straße/Ecke Am Kurpark ereignete sich in den 1930er-Jahren dieser Unfall: Ein Mercedes mit Hamburger Kennzeichen überfuhr ein Motorrad.

Auf der Eutiner Straße/Ecke Am Kurpark ereignete sich in den 1930er-Jahren dieser Unfall: Ein Mercedes mit Hamburger Kennzeichen überfuhr ein Motorrad.

Foto: Hans-Werner Baurycza

Ein Heimatforscher stieß auf dem Flohmarkt auf Unfallfotos, die von Segeberger Polizisten geschossen wurden – in den 1930er-Jahren.

Kreis Segeberg.  Hans-Werner Baurycza (69) hat einen Blick für Kuriositäten. Wenn andere Leute achtlos vorbeigehen, schaut er lieber zweimal hin. Im Laufe der Jahrzehnte hat er alte Fotos, Filme und Schriften seiner Heimatstadt Bad Segeberg zusammengetragen und sein großes Kalkberg-Archiv aufgebaut, das inzwischen Zehntausende von Fotos aus Segebergs Vergangenheit umfasst. Er hortet seine Schätze nicht nur, sondern zeigt sie der Öffentlichkeit: Viele Heimatbücher hat er bereits herausgegeben, unzählige Vorträge gehalten und Ausstellungen organisiert.

Weil er mit offenen Augen durch die Straßen seiner Heimatstadt geht, stößt er bisweilen auch auf seltsame Dinge: Im vergangenen Jahr zum Beispiel entdeckte er unter einem Tapeziertisch auf einem Flohmarkt eine ganze Sammlung von Negativplatten, die noch in der Original-Fototasche eines ehemaligen Fotogeschäfts lagen – eine Bilderserie über Unfälle, die sich vor über 80 Jahren in der Kreisstadt ereignet hatten.

Unfälle mussten mit Foto dokumentiert werden

„Einen Verkehrsunfall gab es gestern in der Hamburger Straße vor der ,Harmonie’. Als ein Personenwagen von der Straße abbiegen und sich der Einfahrt zuwenden wollte, stieß er mit einem anderen Kraftwagen, der aus der entgegengesetzten Fahrtrichtung kam, zusammen. Personen wurden nicht verletzt; der Sachschaden ist aber sehr erheblich.“

Vor gut 82 Jahren stand diese Meldung in der Segeberger Lokalpresse. Nichts Besonderes eigentlich, aber nach acht Jahrzehnten gibt es ein Foto, das exakt diesen Unfall zeigt. Hans-Werner Baurycza hat die Geschichte dieses Unfalls auf der Hamburger Straße in Bad Segeberg recherchiert.

Fotografiert wurde das Unfallgeschehen am 6. Dezember 1938 von der Polizei, die anschließend in der Segeberger Fotohandlung Adlung, deren Geschäft ebenfalls an der Hamburger Straße lag, zwei Abzüge bestellte. Die Polizei bekam die Fotos, die Negativglasplatten aber blieben in der Fotohandlung, wo sie unbeachtet lagen. Wer sie nach Aufgabe des Geschäfts mitnahm, ist unbekannt. Schließlich wurden sie im vergangenen Jahr auf dem Flohmarkt angeboten, jetzt liegen sie im Archiv von Hans-Werner Baurycza, der vor seinem Rentenbeginn einige Jahrzehnte in der Geschäftsführung von Möbel Kraft tätig war.

Stark befahren waren die Segeberger Straßen vor über 80 Jahren sicher noch nicht, aber Unfälle gab es auch damals schon. Und für die Polizei war es offenbar Pflicht, die Unfälle mit dem Fotoapparat zu dokumentieren. Zwar hatten Kodak und Agfa bereits 1936 Dreischichtenfilme für Farbfotografie auf den Markt gebracht, doch diesen Luxus leistete sich damals noch kaum jemand.

Keine Autos, kaum Menschen – und trotzdem ein Unfall

Auch die Segeberger Polizei nicht, die schließlich keine Schönfotos für das Fotoalbum benötigte, sondern Fotos, die den Unfallhergang und die Folgen für die Akten dokumentieren sollten. Die Fotos wirken auf die heutigen Betrachter teilweise kurios. Menschen- und autoleere Straßen, auf denen es zu Unfällen kommt – kaum vorstellbar, warum die Autofahrer damals in bestimmten Situationen verkehrt reagierten.

Auf einigen Fotos ist sehr schön zu erkennen, wie sich vornehm gekleidete Passanten eine Unfallszenerie betrachten. Ein Mercedes mit Hamburger Kennzeichen ist mit einem Motorrad kollidiert. Benzin läuft aus, es könnte aber auch Blut sein. Das ist auf dem Schwarz-Weiß-Foto nicht zu erkennen. Der rechte Vorderreifen der Limousine steckt im Blechhaufen, der einmal das Motorrad war. Kaum vorstellbar, dass der Motorradfahrer ohne Verletzungen davon gekommen ist. Aber das lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren.

Baurycza bewahrt die Fotos im Archiv auf

Hans-Werner Baurycza steht genau an der Stelle, wo der Unfall in den 1930er-Jahren passiert ist: An der Straße am Kurpark, kurz hinter der Kreuzung Eutiner Straße. „Der Mercedes-Fahrer wollte wahrscheinlich zum Kurhotel am See“, vermutet Baurycza. „Sehen Sie da drüben“, er zeigt auf ein mehrstöckiges gelbes Haus an der Eutiner Straße, „genau dieses Haus ist hier auf dem Foto hinter den Bäumen zu sehen.“

Zwei Jungs lehnen sich im Hintergrund an ihre Fahrräder und betrachten die Szenerie. Heute ist die Straße Am Kurpark völlig zugeparkt, die Autos bewegen sich im Schritttempo durch die Sackgasse, an deren Ende das Vitalia Seehotel steht. Ungefähr dort, wo das Unfallbild aufgenommen wurde, beginnt heute das Areal der Segeberger Kliniken.

Für Hans-Werner Baurycza sind die Unfallfotos aus längst vergangenen Zeiten ein kleiner Schatz, den er in seinem Archiv aufbewahrt und eines Tages sicher einmal der Öffentlichkeit präsentieren wird. Wie und wann und wo – das kann der umtriebige Heimatforscher, der nebenbei eine Vielzahl von ehrenamtlichen Tätigkeiten zu bewältigen hat, jetzt allerdings noch nicht sagen.