Norderstedt

Ein Männertreff kämpft gegen die Einsamkeit

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Der Männertreff Falkenberg beim Ausflug im Feuerwehrmuseum. Seit fünf Jahren gibt es die Gruppe.

Der Männertreff Falkenberg beim Ausflug im Feuerwehrmuseum. Seit fünf Jahren gibt es die Gruppe.

Foto: Heike Linde-Lembke

Viele Männer vereinsamen im Alter – aber reden nicht darüber und basteln alleine im Keller. Norderstedter wollen das ändern.

Norderstedt.  Wenn Männer nach ihrer Pensionierung immer noch zur Arbeit fahren, um mit ihren Kollegen, über den Beruf zu reden, dann ist irgendetwas schief gelaufen. Männer allein zu Haus. Trotz Ehefrau. Ein Thema, das selten auf der Tagesordnung steht, fast schon ein Tabu-Thema. Denn viele der betroffenen Männer meinen, Einsamkeit würde sie nichts angehen. Das sei Frauensache.

Frauen stehen dazu, einsam zu sein. Und sie unternehmen etwas dagegen. Sie treffen Freundinnen, reden über Familie, Bekannte, über das Tagesgeschehen, tauschen sich aus – über alles.

„Männer machen das nicht. Männer sitzen allein zu Haus, basteln in ihrem Hobbykeller, aber sie reden mit niemandem, schon gar nicht über sich und ihre Gefühle“, sagt Peter Arndt. Der 82-Jährige hatte einen Handwerksbetrieb mit zehn Angestellten und hat sich seine zupackende Art bewahrt.

Vor fünf Jahren gründete er den Männertreff Falkenberg. „Ich habe einen Aufruf über die Zeitungen gemacht und war sehr erstaunt, wie viele Männer sich gemeldet haben“, sagt Peter Arndt. „Sie wollten raus, mit anderen Männern etwas unternehmen, und – ja – einige wurden auch von ihren Ehefrauen geschickt“, sagt Peter Arndt. 27 Männer im Alter von 65 bis Mitte 80 haben sich bei ihm gemeldet. Heute zählt der Männertreff Falkenberg 28 Mitglieder.

„Wir sind aber kein Verein, wir sind eine lockere Gruppe“, sagt Horst Bähnke (71). „Frauen sind geselliger als Männer, sie treffen sich zum Kaffeetrinken, aber Männer basteln vor sich hin, und so fehlt ihnen Zuhause die Kommunikation, und sie vereinsamen.“ Männer würden sich zwar mal die Beine vertreten, aber sie treffen sich nicht, um miteinander zu reden, sagt Peter Arndt. Der Männertreff bringt die Jungs zusammen. Einmal im Monat im kirchlichen Zentrum am Falkenberg. Dann werden Vorschläge für gemeinsame Unternehmungen gesammelt, für Treffs oder auch dafür, welcher Referent zu welchem Thema eingeladen werden soll.

„Wer den Vorschlag macht, organisiert auch alles weitere“, sagt Horst Lüdecke, mit 86 Jahren der Älteste der Runde und Protokollführer bei den Treffen. Er ist glücklich mit seiner Renate verheiratet, spielte jahrzehntelang mit ihr im Amateurtheater, hatte ein erfülltes Berufsleben als Vollzugsbeamter und ist im Advent als Märchenerzähler mit Quetschkommode unterwegs – trotzdem hat er sich sofort zum Männertreff gemeldet. „Ich brauche die Geselligkeit, und das auch mal ohne Frauen.“

Horst Lüdecke ist für die Wanderungen zuständig. „Ich fahre viel Rad und kenne alle Radwege in Norderstedt.“ Doch auch die Wege an Alster, Bille und Elbe, durchs Wittmoor in Norderstedt und das Himmelmoor in Quickborn erwanderten die Männer schon. Dazu kamen Besichtigungen bei Unternehmen, im Forschungs-Zentrum Desy, den NDR-Studios, oder beim Klavierbauer Steinway. Die Männer fahren ins Polizei-Museum oder zum Hundertwasser-Bahnhof Uelzen. Die Männergruppe hat auch schon das Bestattungsunternehmen Wulff & Sohn besichtigt. Schließlich ist das Leben endlich. „Wir buchen immer eine Führung, wir wollen ja auch etwas lernen“, sagt Jürgen Ahrens (69), der zu den Jüngeren der Gruppe zählt und als Banker gearbeitet hat.

Männer schweigen – ist schon seit der Urzeit so

Zum Ausflug gehört auch immer die Einkehr im Restaurant. „Dort sprechen wir dann über die Besichtigung und über das, was wir gerade gesehen und gehört haben“, sagt Horst Bähnke. Doch Gespräche über Privates? Fehlanzeige. „Kann sein, dass sich zwei, die nebeneinander sitzen, mal über die Enkel austauschen, aber in großer Runde sprechen wir nie über Privates“, sagt Peter Arndt.

Die Herrenrunde führt dies auf instinktive, urzeitliche Prägung zurück. „Männer gingen auf die Jagd und sorgten für die Nahrung der Familie. Auf der Jagd muss man sich ruhig verhalten, da wird nicht geredet, das haben die Männer über die vielen Generationen einfach verinnerlicht“, sagt Jürgen Ahrens. „Unsere Treffen sind für die meisten Männer eine Flucht aus dem Alltag, sie sehen andere Gesichter und können sich austauschen. Oder eben auch nicht“, sagt Horst Bähnke, der den Männertreff als Ersatz für die Kollegen im Beruf nach der Pensionierung sieht. „Einsamkeit ist heute eine Epidemie“, sagt Peter Arndt. Allerdings ist die Männergruppe Falkenberg an ihre Grenzen gestoßen. „Mehr möchten wir nicht werden, dann wird die Gruppe zu unübersichtlich.“

Eine zweite offene Männergruppe bietet das Netzwerk Norderstedt (NeNo) an. Anmeldung und Info unter 040/523 67 53 oder 0151/57 37 91 92 oder info@neno-norderstedt.de.

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