Norderstedt
Tuberkuloseforschung

Frau spendet Forschungszentrum 640.000 Euro

Symbolische Scheckübergabe der Familie Musiolik an das Forschungszentrum Borstel, Leibniz Lungenzentrum.

Symbolische Scheckübergabe der Familie Musiolik an das Forschungszentrum Borstel, Leibniz Lungenzentrum.

Foto: FZB / fzb

Hildegard Monteillet starb 2019 im Alter von 99 Jahren. Sie war die Assistentin des schillernden Arztes Friedrich Franz Friedmann.

Der Geldsegen für das Forschungszentrum Borstel und die Tuberkulose-Forschung kam aus Kiel. Dort verstarb im vergangenen Jahr Hildegard Monteillet, geborene Musiolik. Sie erreichte mit 99 Jahren ein hohes Alter. Und auch ihr Bruder Waldemar Musiolik hat bereits ein Alter von 96 Jahren erreicht. Er war es nun, der gemeinsam mit seiner Familie die Spende seiner Schwester Hildegard in Form eines symbolischen Schecks über 640.000 Euro nach Borstel trug. Im Herrenhaus Borstel überreichte Waldemar Musiolik den Scheck an Professor Stefan Ehlers, den Zentrumsdirektor.

„Den größten Teil ihres Lebens setzte sich meine Schwester zugunsten der Tuberkulosekranken ein“, sagte Waldemar Musiolik. „In jungen Jahren arbeitete sie als administrative Assistentin des Tuberkuloseforschers Professor Dr. Friedrich Franz Friedmann, für den sie auch nach dessen Tod 1953 als Testamentsvollstreckerin wirkte. Ihr war es ein Herzensanliegen, sich im Sinne von Professor Friedmann der Bekämpfung der Tuberkulose zu widmen.“

Professor Dr. Friedrich Franz Friedmann – ein Name, der in der Medizingeschichte und Tuberkuloseforschung des 20. Jahrhunderts für nicht geringes Aufsehen sorgte. Oder, wie es die Autorin Petra Werner in ihrem Buch über Friedmann mit dem Titel „Der Heiler“ (Koehler & Amelang Verlagsgesellschaft, München, Berlin, 2002) ausdrückte: Er war Protagonist einer der größten medizinischen Skandale des 20. Jahrhunderts. Der „Fall Friedmann“ erregte von 1912 bis nach dem Zweiten Weltkrieg enormes mediales Interesse. Doch danach fiel er fast gänzlich in Vergessenheit.

Blut von Schildkröten gegen die Geißel der Menschheit

Der 1876 in Berlin geborene Humanmediziner und Tuberkuloseforscher machte 1912 von sich reden. Der

große Robert Koch, der für die Erforschung des Tuberkelbakteriums 1905 den Medizin-Nobelpreis gewonnen hatte, war Jahre zuvor mit seinem als Wundermittel gepriesenen Tuberkulin bei der Entwicklung eines Impfstoffs gescheitert. Friedmann berief sich auf Koch und hielt die Immunisierung mit lebenden Tuberkelbazillen zum Schutz vor Tuberkulose für möglich. Doch Friedmann entnahm die Bazillen aus dem Blut von Schildkröten. Seine These: Ein Krankheitserreger, der in einer der ältesten und gleichzeitig langlebigsten Tierspezies wie der Schildkröte überlebt hat, müsste seine Gegenstoffe erzeugenden Kräfte durch jahrhundertealte Selbstkultur enorm gesteigert haben. In einer Zeit, in der Tuberkulose eine Volkskrankheit war, in der Tausende daran starben, unter ihnen auch viele Intellektuelle, Künstler und Prominente, war die Kunde von der Entdeckung eines Heilmittels eine Sensation – jedoch gab es viele Scharlatane anfangs de 20. Jahrhunderts, die mit dieser Aufmerksamkeit versuchten, Geld zu scheffeln.

Friedmann macht mit seinem günstigen Mittel Anningzochin Reklame, ist besessen von der Aussicht, die Menschheit damit von ihrer schlimmsten Geißel zu befreien. Doch die Wirkung seines Mittels war schnell umstritten. Die gesamte medizinische Fakultät in Berlin war gegen ihn, dazu zahlreiche Journalisten. Man warf ihm Geldmacherei vor. Aber Friedmann hatte auch Fürsprecher. In Jahrhundertautor Thomas Mann sah Friedmann einen „okkulten Gleichgesinnten“. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson empfing ihn 1913 im Weißen Haus. Konrad Haenisch, Kultusminister der Weimarer Republik ermöglichte Friedmann gegen alle Widerstände eine Professur. Über 40 Jahre sorgte Friedmann für Gesprächsstoff, für Diskussionen über Impfmethoden, Naturheilkunde, Ethik, Reklamerummel und Plagiat. Als er schließlich als zum Judentum konvertierter Arzt 1934 von den Nazis kaltgestellt wurde, emigrierte er nach Monte Carlo. Bis zum Ende seines Lebens 1953 blieb Friedmann überzeugt von seiner Idee – von der die Wissenschaft heute weiß, dass sie allein nur wenig gegen einen TBC-Erreger ausrichten kann. Mit etwa zehn Millionen Neuerkrankungen und 1,6 Millionen Todesfällen pro Jahr ist die Tuberkulose heute die häufigste zum Tode führende Infektionskrankheit weltweit. In den letzten Jahren hat die Zahl der Tuberkulosepatienten, die mit sogenannten multiresistenten Erregern infiziert sind, weltweit zugenommen. In der EU sind es aktuell weniger als 2000 Patienten, in Osteuropa aber schon annähernd 80.000. Die Behandlung ist langwierig und kompliziert, die meisten der Patienten müssen die Therapie im Verlauf wegen Nebenwirkungen der Medikamente ändern.

„Wir am Forschungszentrum Borstel entwickeln neue Methoden zur Prävention, Diagnose und Therapie der Tuberkulose, die Patienten auf der ganzen Welt zugute kommen sollen,“ sagt Zentrumsdirektor Stefan Ehlers. „Häufig fehlen aber die technischen Voraussetzungen und das Knowhow der Anwendung in den Ländern, in denen die Tuberkulose eine häufige Erkrankung ist.“ Aber auch in Deutschland gebe es eine Versorgungslücke, da die meisten Assistenzärzte im Rahmen ihrer Ausbildung nicht mehr genügend Tuberkulose-Patienten sehen würden, um sich vertiefte Kenntnisse anzueignen.

Borstel wird zum internationalen Treffpunkt

Und genau hier kommt nun das Geld von Hildegard Monteillet ins Spiel. Damit wird in Borstel nun die Monteillet-Musiolik Tuberculosis Fellowships gegründet. In dem Tuberkulose-Trainingszentrum sollen junge Ärzte und Wissenschaftler aus Ländern mit hoher Tuberkuloserate die neuesten wissenschaftlichen Methoden und Therapien und ihre Umsetzung in der klinischen Praxis studieren. Dazu sollen sie zwischen einem Monat und einem Jahr Zeit haben.

Zudem wird das FZB zweimal in den kommenden sechs Jahren zur Monteillet-Musiolik TBNET Academy einladen. Junge Wissenschaftler aus West- und Osteuropa sowie aus dem südlichen Afrika sollen sich dabei austauschen.

Das Vermächtnis von Hildegard Monteillet sorgt also dafür, dass Borstel einen international sichtbaren und nachhaltigen Beitrag für die Ausbildung von Ärzten und Wissenschaftlern im Bereich der Mykobakteriologie leisten kann.

„Dank der Monteillet-Musiolik Tuberculosis Fellowships kann sich das Forschungszentrum Borstel an der Kapazitätsbildung zur Verbesserung der Erforschung der Tuberkulose und der Versorgung von Patienten im In- und Ausland maßgeblich beteiligen,“ sagt Professor Christoph Lange, Medizinischer Direktor am Forschungszentrum Borstel.

Professor Friedrich Franz Friedmann wäre begeistert.