Norderstedt
Norderstedt

Warum viele Straßen ohne Mittelstrich auskommen

Keine Fahrbahnmarkierungen in der Mitte des Friedrichsgaber Weges - für SPD-Stadtvertreter Uwe Engel ein Unding.

Keine Fahrbahnmarkierungen in der Mitte des Friedrichsgaber Weges - für SPD-Stadtvertreter Uwe Engel ein Unding.

Foto: Andreas Burgmayer

Die Stadt Norderstedt verzichtet bei immer mehr Straßen auf die Fahrbahnmarkierungen – Der SPD-Stadtvertreter Uwe Engel geht dagegen an.

Norderstedt.  Es war im Juli 2019, als die Stadt den Friedrichsgaber Weg zwischen den Einmündungen der Horst-Embacher-Straße im Norden und der Friedrich-Ebert-Straße im Süden voll sperrte und dann eine komplett neue Fahrbahndecke auftrug. Mitte Juli rollte der Verkehr schon wieder über den frisch sanierten, pechschwarzen Straßenbelag, noch ganz ohne Fahrbahnmarkierungen. Viele Autofahrer dachten, die kommen bestimmt noch, die weißen Linien in der Mitte. Doch jetzt ist ein halbes Jahr verstrichen, bis heute gibt es keine Linien – nicht etwa, weil es vergessen wurde, sondern weil es so sein soll.

„Ich dachte, ich hör nicht richtig“, sagt Uwe Engel. Der SPD-Stadtvertreter wohnt am Friedrichsgaber Weg, den er von seiner Wohnung aus immer genau im Blick hat. „Da wollen die mir erzählen, dass eine so stark befahrene Hauptverkehrsstraße wie der Friedrichsgaber Weg ohne Fahrbahnmarkierungen auskommt.“

Mit „die“ meint Engel die Verkehrsaufsicht im Allgemeinen und das Norderstedter Betriebsamt im Speziellen. Im Verkehrsausschuss hakte Engel nach, warum Fahrbahnmarkierungen von beiden nicht mehr für nötig befunden werden. Und bekam zur Antwort, dass man sich da lediglich an die geltende und rechtlich bindende Richtlinie für die Markierung von Straßen (RMS) halte. Die besage, dass Markierungen in der Mitte der Straße, behördendeutsch „Leitlinien“, innerorts bei Straßen mit nur je einer Fahrbahn für jede Richtung „kein zwingendes Erfordernis“ seien. Lediglich bei Straßen, auf denen schneller als 50 km/h gefahren werde und die sehr stark frequentiert würden, könne man die „Leitlinien“ aufbringen. In Norderstedt sei es deswegen „Stand der Technik“, auf die „Leitlinien“ zu verzichten – immer dann, wenn eine Straße erneuert wird. Bestehende Markierungen werden nicht entfernt.

Begründet wird die Abschaffung der gestrichelten Mittellinie mit der Verkehrssicherheit. Denn die steige ohne Strich. Zitiert werden von der Stadt nicht näher definierte Verkehrsexperten, die ermittelt hätten, dass die Autofahrer bei einer klaren Fahrbahnaufteilung schneller fahren. Wenn sie sich hingegen nur am Straßenrand und am Gegenverkehr orientieren können, gingen sie automatisch vom Gas. Das Nein zum Strich dient also der Verkehrsberuhigung.

SPD-Stadtvertreter Engel ist fassungslos. „Wenn es neblig ist, siehst du auf der Straße nichts. Der Asphalt ist so schwarz, der schluckt das Licht. Ich habe schon Senioren am Steuer beobachtet, die bei diesen Verhältnissen fast auf die Gegenfahrbahn fuhren.“ Er will sich mit der Situation nicht abfinden. Im Verkehrsausschuss wird er demnächst beantragen, dass in Norderstedt grundsätzlich „Leitlinien“ in der Mitte der Straße aufgetragen werden.

Die Norderstedter Polizei unterstützt das. „Ich persönlich orientiere mich schon an den Linien – besonders bei schlechten Sichtverhältnissen“, sagt Kai Hädicke-Schories, Verkehrsexperte des Norderstedter Reviers. Und auch im Norderstedter Rathaus begrüßt man die Initiative der Politik. „Es ist schon die Frage, ob es der richtige Weg ist, den Menschen auf Hauptverkehrsstraßen die Orientierung zu nehmen, damit sie langsamer fahren. Dafür gibt es ja eigentlich die Geschwindigkeitsbegrenzungen, an die sich jeder halten sollte“, sagt Verkehrsplaner Mario Kröska „Ein politischer Beschluss, wie die Stadt das grundsätzlich handhaben soll, wäre wünschenswert.“

Überall in Deutschland gibt es Diskussionen um fehlende Straßenmarkierungen. Wie halten es die Kommunen im Kreis Segeberg? „Das ist eine Einzelfallentscheidung“, sagt der Sprecher der Stadtverwaltung in Kaltenkirchen, Ralf Köhler. Nach der Sanierung des Flottkamps habe man dort beispielsweise auf Mittelstreifen verzichtet. Durch die Markierung des Fahrradschutzstreifens haben der übrig gebliebene Platz nicht ausgereicht, um zwei vollständige Fahrstreifen zu markieren. Köhler betonte, beim Mittelstreifen handele es sich um ein Verkehrszeichen.

Auch Bad Bramstedt verzichtet im Einzelfall auf den Mittelstreifen, zum Beispiel auf dem ersten Bauabschnitt des frisch sanierten Landwegs. Außerdem hätten die Polizei und die Verkehrsaufsicht der Stadt aus Sicherheitsgründen abgeraten, in den Hol- und Bringzonen vor Schulen Mittelstreifen auf den Fahrbahnen anzubringen, sagte Bürgermeister Verena Jeske.

In Ellerau staunten die Autofahrer, als vor Jahren der Berliner Damm eine neue Asphaltdecke bekam, der Mittelstreifen aber weggelassen wurde. Auch für die Landesstraße galt: „Dadurch erhöht sich nach Ansicht der Verkehrsexperten die Verkehrssicherheit“, sagt Bürgermeister Ralf Martens.

Ob die Landesstraße auch langfristig ohne die trennende Mittellinie auskommen muss, ist offen. Im nächsten Jahr wird die Hauptverkehrsstraße in der Gemeinde saniert – ursprünglich sollten Arbeiter und Maschinen schon in diesem Jahr anrücken. Doch die Bahnstraße steht als Umleitung nicht zur Verfügung, dort wird der neue Übergang vom Ohlmöhlenweg zur AKN-Station Ellerau gebaut. „Die gute Nachricht ist, dass auf dem Berliner Damm ein Schutzstreifen für Radfahrer eingerichtet wird, der von Elektro Bollmann bis zur Kreuzung Dorftstraße/Hellhörn reichen wird“, sagt Martens.