Norderstedt
Henstedt-Ulzburg

Mehr Bürgernähe und langsameres Wachstum

Sascha Klupp, Ulrike Schmidt, Valentin Deck und Holger Diehr (von links) bewerben sich um die Nachfolge des scheidenden Henstedt-Ulzburger Bürgermeisters Stefan Bauer.

Sascha Klupp, Ulrike Schmidt, Valentin Deck und Holger Diehr (von links) bewerben sich um die Nachfolge des scheidenden Henstedt-Ulzburger Bürgermeisters Stefan Bauer.

Foto: Chriistopher Herbst

Bei der ersten öffentlichen Versammlung zur Bürgermeisterwahl sprechen sich alle Kandidaten für einen Kurswechsel aus.

Henstedt-Ulzburg. An eines dieser Gesichter werden sich die Henstedt-Ulzburger bald gewöhnen – müssen oder dürfen, je nach Präferenz. Bei der ersten öffentlichen Kandidaten-Diskussion zur Bürgermeisterwahl am 1. März haben sich die parteilose Ulrike Schmidt (46, von der SPD nominiert), die freien Bewerber Valentin Deck (43) und Sascha Klupp (52) sowie der Christdemokrat Holger Diehr (50), den auch FDP und BfB stützen, erstmals gemeinsam der Bevölkerung gestellt. Die Resonanz war gut, die rund 200 Stühle schnell besetzt, viele der ungefähr 350 Besucher hockten auf der Treppe in der Aula der Gemeinschaftsschule Rhen oder blickten von der Empore hinab. Die Erwartungen waren unterschiedlich – manche hofften auf eine detaillierte Abhandlung von Verkehrskonzepten, andere wollten die Kandidaten nur mal live erleben.

Schmidt, die Weltgewandte, Holger Diehr hat „Bock“

Die beiden Bewerber, die aus der Gemeinde stammen, nämlich Deck und Klupp, spielten die Nachbarschaftskarte. „Aus Henstedt-Ulzburg, für Henstedt-Ulzburg“, verkündete der eine, „aus dem Ort, für den Ort“, der andere. Sie hatten ihre stärksten Momente, wenn es um lokale Verbundenheit ging – diese haben der Rendsburger Diehr und die Eutinerin Schmidt nicht. Dieser Faktor ist für viele Menschen relevant, er brachte vor sechs Jahren Stefan Bauer einen überraschenden Sieg. „Ich bin hier zur Schule gegangen, habe hier Fußball gespielt, habe Fußballer trainiert, meine Kinder gehen hier zur Schule, ich habe hier meine sozialen Kontakte, das Wohl von Henstedt-Ulzburg liegt mir am Herzen“, sagte Valentin Deck, Grabungsarbeiter beim archäologischen Landesamt. „Versprochen, ich bleibe hier“, sagte der selbstständige Optikermeister Sascha Klupp auf die Frage, ob er den Posten als „Sprungbrett“ sehen würde. „Man sammelt nicht zwischen Weihnachten und Neujahr Unterschriften, wenn man nicht das Interesse hat, sich einzubringen.“

Das kam authentisch rüber. Ulrike Schmidt konnte da nur anführen, dass sie nach 14 Jahren im Ausland, zuletzt fünf Jahren in Wien für die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), „hier meinen Lebensmittelpunkt eröffnen möchte“. Sie habe viel Engagement, eine schöne Natur vorgefunden. „Ich fühle mich gut aufgehoben.“ Wiederholt verwies sie auf ihre zahlreichen Haustürgespräche der letzten Monate, zitierte aus Gesprächen.

Und Holger Diehr wurde sogar euphorisch: „Ich finde es ganz toll mit ihnen, wir haben megageile Herausforderungen. Ich habe Spaß am Umgang mit Menschen, ich brenne darauf.“ Er könnte nach über drei Jahrzehnten als Beamter – erst bei der Polizei, dann als Bürgermeister von Fockbek – auch in Rente gehen, sagte aber: „Ich habe Bock.“

Probleme, das sagten alle, gibt es viele. Unisono wurde mehr Bürgernähe, mehr Transparenz versprochen, das Binnenverhältnis zur Politik soll harmonischer werden, jeder will überparteilich agieren. Immer wieder wurde die Kinderbetreuung als eines der wichtigsten Felder genannt, mehrfach fragten Bürger hier nach Ideen. Allerdings, und das ist bekannt, ist der Bedarf nach Fachkräften in jeder Kommune vorhanden, Patentrezepte gibt es nur bedingt, die gemeinsame Erzieherausbildung mit Norderstedt ist allerdings ein Baustein.

Woran die Kandidaten am meisten gemessen wurden, war ihre Einstellung zur Ortsentwicklung. Die Kritik am Wachstum begleitete die öffentliche Debatte der letzten Jahre, es ist einer der Hauptgründe für die vielen Bürgerinitiativen. Kein Wunder, dass aus dem Plenum nachgehakt wurde. „Das Wachstum müssen wir behutsam steuern, wir brauchen keine Nachfrage produzieren“, sagte Holger Diehr. „So schnell wie in den letzten 50 Jahren dürfen wir nicht weitermachen, das Tempo ist heftig.“ Gewerbe müsse man so auswählen, „dass wir etwas davon haben“.

Sascha Klupp sprach von „Entschleunigung“ und betonte: „Wir sind eine Gemeinde, die in weiten Bereichen ihren Einzelhauscharakter beibehalten sollte“. Schmidt will „kleinen Unternehmen ein Zuhause bieten, so werden Arbeitsplätze geschaffen, die vielfältig sind“. Für Valentin Deck gilt in Sachen Gewerbe: „Wenn wir einen Vorteil haben, bin ich für alles offen.“

Kandidaten verzichten auf verbalen Schlagabtausch

Die Parteien verbuchten anschließend den Abend jeweils als Sieg. Ulrike Schmidt hatte ihren zeitlichen Vorsprung dank ihrer frühen Nominierung genutzt, sie bewies Detailkenntnisse und ist bei vielen Henstedt-Ulzburgern schon bekannt. Holger Diehr, dem zweiten Favoriten, gelang es, kommunalpolitische Routine zu vermitteln. Die Außenseiter Sascha Klupp und Valentin Deck konnten sich als Gegengewicht positionieren. Patzer unterliefen an dem Abend keinem der Kandidaten. Allerdings versäumten es die Vier, inhaltlich aufeinander eingehen. Denn wer Henstedt-Ulzburg kennt, weiß: Die Fähigkeit, im verbalen Schlagabtausch zu bestehen, sollte zum Repertoire gehören.

Vielleicht werden die folgenden öffentlichen Veranstaltungen am 6. und 19. Februar in dieser Hinsicht eine andere Dynamik aufnehmen.