Norderstedt
Kreis Segeberg

Nachhaltigkeits-Gipfel am Norderstedter Stadtparksee

Gastgeberin Elke Christina Roeder begrüßte  Umweltministerin Svenja Schulze und Ministerpräsident Daniel Günther (v. r.) im Kulturwerk am See.

Gastgeberin Elke Christina Roeder begrüßte  Umweltministerin Svenja Schulze und Ministerpräsident Daniel Günther (v. r.) im Kulturwerk am See.

Foto: Andreas Burgmayer

Umweltministerin Svenja Schulze und Ministerpräsident Daniel Günther kamen zur Dialogkonferenz der Bundesregierung.

Norderstedt.  Bevor Umweltministerin Svenja Schulze und Ministerpräsident Daniel Günther im Norderstedter Kulturwerk über die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung sprechen können, gibt es zunächst auf dem Parkplatz nachhaltigen Protest. Die Bauern sind gekommen – mit ihren Treckern. „Moin! Bin wieder da! Aufwachen, liebe Politiker!“ steht auf einem Schild.

Schulze und Günther stellen sich, auf einem Treckeranhänger, hören sich an, was eine Milchbäuerin zu sagen hat: „Wir wollen ja den Klimaschutz anpacken. Aber nicht mit diesem Wort Nachhaltigkeit als Vorgabe, sondern mit konkreten und verlässlichen Ansagen der Politik!“

Die Bauern sagen, die Politik treibe sie mit ihren neuen Düngevorschriften in den Ruin, nachdem sie das Thema jahrelang verschlafen habe. Umweltministerin Schulze macht klar, dass Deutschland nicht jedes Jahr die europäischen Richtwerte beim Düngen reißen könne, verspricht aber zukünftig verlässliche und einheitliche Richtlinien auf europäischer Ebene. Günther signalisiert Verständnis für die wirtschaftlichen Nöte der Landwirte, deren Investitionen gefährdet werden, wenn immer neue Richtlinien den Umsatz schmälern.

Das Intermezzo auf dem Parkplatz war ein guter Einstieg für die Regionalkonferenz im Kulturwerk. Nachhaltigkeit und seine Auswirkungen zum Anfassen. Bei den Konferenzen in Berlin, Stuttgart, Norderstedt, Erfurt und Bonn überprüft die Bundesregierung in Zusammenarbeit mit lokalen und regionalen Vertretern aus Umweltschutz, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, inwiefern die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung auf dem richtigen Weg ist. Sie definiert, wie Deutschland dazu beitragen kann, dass die von der weltweiten Staatengemeinschaft 2015 in New York verabschiedete Agenda 2030 mit ihren 17 globalen Zielen für nachhaltige Entwicklung gelingen kann.

Keine Armut mehr, kein Hunger, Gesundheit und Wohlergehen, hochwertige Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, bezahlbare und saubere Energie, menschenwürdige Arbeit, Klimaschutz, nachhaltiger Konsum, weniger Ungleichheit – die Agenda kleckert nicht, sie klotzt. Im Kulturwerk geht es also um unser aller Leben, genauer gesagt um unser Überleben auf einem Planeten mit knapper werdenden Ressourcen. Mit Fug und Recht kann man also behaupten, dass nie zuvor eine wichtigere, nationale Debatte in Norderstedt geführt wurde.

Norderstedt macht Nachhaltigkeit erlebbar

Oberbürgermeisterin Elke Christina Roeder wertet das als Auszeichnung für ihre Stadt. „Denn hier ist Nachhaltigkeit in vielen Projekten erlebbar.“ Die Stadt bewerte alle Entscheidungen danach, ob sie ökologisch, ökonomisch und sozial verträglich sind. „Oder, wie es unser neuer Baudezernent Christoph Magazowski nennt: Enkeltauglichkeit.“ Roeder hebt die Stabsstelle Nachhaltiges Norderstedt hervor mit Leiter Herbert Brüning und seinem Team, sie spricht von Hempels Gebrauchtwarenkaufhaus, von der Radstation, dem Transportradleihsystem, dem Energiesparprogramm der Schulen und gibt mit alldem eben zu verstehen, wie das abstrakte Wort Nachhaltigkeit heruntergebrochen auf die kommunale Ebene mit Leben erweckt wird. „Nur so kann Nachhaltigkeit von den Bürgern verstanden, akzeptiert und von ihnen zu ihrer eigenen Sache gemacht werden“, sagt Roeder.

Ministerpräsident Günther sagt, er habe sich außer Norderstedt keine andere Stadt im Land vorstellen können, die für so eine Nachhaltigkeits-Konferenz infrage gekommen wäre. „Jetzt kennt jeder in Deutschland Norderstedt!“

Nachhaltigkeit müsse mit Leben gefüllt werden, sagt Günther. „80 Prozent der Deutschen ziehen regionale Produkte vor, aber nur 20 Prozent kaufen sie auch ein.“ Auch mit Selbstkritik spart Günther nicht. „Unser politisches Handeln ist nicht immer stringent. Die Nachhaltigkeitsziele können wir nur erreichen, wenn Bund und Länder den gleichen Kurs fahren. Und zwar nicht zickzack, sondern auf gerader, verlässlicher Linie.“ Bei der Energiewende sehe es nicht so aus, als könne Deutschland seine Ziele bei der Erzeugung erneuerbarer Energien einhalten. „Wenn wir uns jetzt zusammen dransetzen, können wir es noch schaffen“, appelliert Günther. Auch die Umweltministerin sieht im Ausbau von Wind- und Sonnenenergie den Schlüssel zur Erreichung der deutschen Nachhaltigkeitsziele und fordert, dass er stärker vorangetrieben werden sollte.

Auch Schulze betont, dass jeder Bürger die Nachhaltigkeit in sein Alltagsleben einbauen müsse. „Beim Einkaufen keine Plastikbeutel verwenden, ein umweltfreundliches Auto kaufen, die alte Ölheizung austauschen“, sagt Schulze. Die Bundesregierung unterstütze all das mit entsprechenden Förderprogrammen. „Wenn 80 Millionen Menschen kleine Dinge tun, ist das eine ganze Menge.“

Während im Kulturwerk die Spitzenpolitiker auf dem Podium diskutieren, machen sich draußen die Bauern mit ihren Treckern auf den Heimweg – laut hupend. Für die etwa 200 Teilnehmer der Konferenz im Kulturwerk war dies gleichsam das Zeichen, sich in Dialogrunden und Workshops der Energiewende, der Landwirtschaft, der Gleichstellung, dem Gewässerschutz oder dem Tourismus zuzuwenden.