Norderstedt
Schröters Wochenschau

Die Angst der Menschen vor einfarbigen Oberflächen

Jan Schröter

Jan Schröter

Foto: Wolfgang Klietz

Die Skulptur „Familie“ wurde, kurz nachdem sie in Norderstedt aufgestellt wurde, besprüht. Warum nur?, fragt Jan Schröter und hat eine Antwort.

In Garstedt steht auf der Innenfläche des Verkehrskreisels Berliner Allee/Ochsenzoller Straße seit einigen Wochen ein monumentales, dreiteiliges Skulpturenwerk, genannt „Familie“: Mutter, Vater, Kind, aus hellem Bentheimer Sandstein gemeißelt.

Seit der Aufstellung wird darüber kontrovers diskutiert. Es kursieren viele Meinungen dazu, „pro“ und „contra“. Mehr muss Kunst im öffentlichen Raum eigentlich nicht können, finde ich. Dieses spezielle Kunstwerk kann aber noch mehr als das. Es handelt sich immerhin um massive Steinklötze mit einem Gesamtgewicht von 24 Tonnen. Die stoppen verlässlich jeden, der, irregeleitet durch veraltete Navigationssoftware, sein Fahrzeug stur geradeaus über den Kreisel bügelt und zweifellos im Gegenverkehr landen würde, stünde ihm nicht diese pollergewordene Familie im Wege.

Ein Tagesgespräch bieten und Katastrophen verhindern, das schaffen die meisten von uns ihr ganzes Leben lang nicht. Wer sowas drauf hat, muss nicht auch noch gut aussehen. Nun wurde, in anonymer Freveltat, eine der Figuren mit einer Graffiti-Schrift beschmiert. Auf Papas Rücken steht jetzt „Antifa“. Ich finde Faschismus auch nicht gut, bin mir jedoch sicher, dass durch bloßes Lesen dieses Wortes niemand in seiner politischen Ansicht bekehrt wird. Man wird ja auch nicht zum Nazi, bloß weil man mal irgendwo ein hingeschmiertes Hakenkreuz gesehen hat. Warum also so viele sinnlose Schmierereien?

Ebenso wenig, wie es der moderne Mensch es nirgendwo mehr ohne Beschallung aushält und sich deshalb jeden Moment der Stille durch Motorenlärm, Musik in Dauerschleife und Handygedödel verballert – genauso wenig erträgt er offenbar leere, einfarbige Oberflächen. Da muss was drauf, egal was. Im blauen Meer schwimmt glücklicherweise schon genug Plastik, um bis zum Horizont gesprenkelt auszusehen – das hätten wir geschafft. Demnächst wird vermutlich die Sahara kariert besprüht, dann ist der Mond dran. Aber vielleicht steckt ja auch etwas ganz anderes dahinter. Nämlich der zutiefst in uns verankerte Drang, irgendwo der oder die Erste zu sein und diesen Umstand zu markieren – ähnlich, wie ein Hund sein Revier abpinkelt. Was nicht unbedingt für eine oft propagierte, universelle Überlegenheit der menschlichen Rasse spricht.

Das Aussehen der Bentheimer-Sandstein-Familie übrigens auch nicht, aber das ist ja hier nicht das Thema.