Norderstedt
Schmalfeld/Kiel

Verhandlung gegen eine Täterin, die auch Opfer war

Die wegen Totschlags angeklagte 34-Jährige – hier mit ihrem Verteidiger Mustafa Zeren – räumte zum Prozessauftakt ein, ihren Lebensgefährten erstochen zu haben.

Die wegen Totschlags angeklagte 34-Jährige – hier mit ihrem Verteidiger Mustafa Zeren – räumte zum Prozessauftakt ein, ihren Lebensgefährten erstochen zu haben.

Foto: Florian Büh / Büh

Prozessauftakt in Kiel: 34-jährige Schmalfelderin gesteht vor dem Landgericht tödliche Messerstiche gegen ihren gewalttätigen Lebensgefährten.

Schmalfeld/Kiel.  Eine geschiedene Mutter (34) von zwei Kindern hat am Mittwoch vor dem Kieler Landgericht gestanden, ihren gewalttätigen Lebensgefährten mit zwei Messerstichen in den Oberkörper getötet zu haben. Gleichzeitig beteuerte die wegen Totschlags angeklagte Frau, sie habe den 35-Jährigen nicht verletzen wollen. Für den Prozess hat die Schwurgerichtskammer vier Verhandlungstage angesetzt.

Tatort war das Einfamilienhaus der Angeklagten in Schmalfeld. Die Frau hatte es vom Erbe ihres bei einem Motorradunfall verunglückten Vaters gekauft. Das spätere Opfer war erst ein halbes Jahr vor der Tat zu ihr gezogen. Nach Zeugenaussagen soll sich das Paar immer wieder heftig gestritten haben.

Bevor die Auseinandersetzungen am 14. Dezember 2018 endgültig eskalierten, kam es mehrfach zu körperlichen Auseinandersetzungen, so die Anklage. Laut Vorwurf der Staatsanwaltschaft wurde das spätere Opfer in den letzten Monaten wiederholt gewalttätig. Sowohl bei ihm als auch bei der Frau soll Alkohol im Spiel gewesen sein.

Auch mit Rücksicht auf die Kinder hatte sich das trinkgewohnte Paar entschlossen, Mitte Januar 2019 gemeinsam eine Entgiftung in Rickling anzutreten. Eine Entwöhnungstherapie sollte sich anschließen. Für die Betreuung ihrer Söhne aus erster Ehe (11, 12) hatte die Angeklagte bereits ihre Mutter engagiert.

Der wegen Körperverletzung und Einbruchs vorbestrafte Mann sollte mit der Therapie eine gerichtliche Weisung erfüllen. Doch dazu kam es nicht mehr. Als das Paar am Vormittag vor der Tat versuchte, einen sperrigen Koffer für den Klinikaufenthalt auf dem Fahrrad nach Hause zu transportieren, stritt man sich erneut. „Er redete sich in Rage, regte sich über alles Mögliche auf“, sagte die Angeklagte, die schon morgens auf nüchternen Magen ihr erstes Bier getrunken hatte. Sie selbst ärgerte sich über den Schmutz und Gestank ihres Untermieters im Keller des Hauses. Der Streit des Paares soll sich über vier Stunden hingezogen haben. Dabei will die Frau immer wieder massiv misshandelt worden sein.

Der Mann habe sie geschlagen und getreten, die Kellertreppe hoch- und runtergeschubst, an den Haaren gezogen und zu Boden geschleudert. Dabei soll eine Türzarge zu Bruch gegangen sein. „Die Kinder haben ihn angeschrien, dass er mich in Ruhe lassen soll“, so die Angeklagte. Versehentlich habe sie im Gerangel sogar einen ihrer Söhne gebissen – in der Meinung, es sei ihr Gegner. Auch der Untermieter habe versucht, den äußert aggressiven Mann zu beruhigen. „Doch er hat immer weitergemacht.“ Aus Angst habe sie sich mit ihren Kindern eingeschlossen, um die Polizei zu alarmieren.

Auf der Suche nach einem Telefon sei sie doch wieder in die Küche gegangen, wo der Mann erneut über sie hergefallen sei. Die Angeklagte will ein 32 Zentimeter langes Messer aus einer Schublade gefischt haben, während er ihren Kopf auf die Arbeitsplatte presste.

Laut Vorwurf waren die beiden Stiche, die kurz darauf im Keller die Lunge und eine Schlagader des Mannes verletzten, nicht durch Notwehr gerechtfertigt. Am Mittwoch gab die 34-Jährige an, in Angst und Panik gehandelt zu haben. „Ich war so verzweifelt und wusste nicht mehr, wo oben und unten ist“, sagte sie.

Die Angeklagte will Kopfschmerzen gehabt und „Blitze gesehen“ haben. Im Vorbeigehen habe sie zugestochen. Sie sei aber „nicht davon ausgegangen, dass ich ihn verletzt habe“. Als ein Beamter später von einem Leichenwagen sprach, sei sie zusammengebrochen. „Ich habe ihn geliebt“, sagte sie. Ihr gegenüber sitzen die Mutter und zwei Geschwister des Getöteten. Sie nehmen als Nebenkläger am Verfahren teil. Die Beamten kannten das Grundstück bereits: Auch mit früheren Partnern häuften sich Trink- und Gewaltexzesse. Das Beziehungsmuster, in das sich die Frau immer wieder verstrickte, könnte auch Folge einer Persönlichkeitsstörung sein: Ein Psychologe attestierte ihr eine Borderline-Störung. Am Prozess nimmt auch ein psychiatrischer Sachverständiger teil.