Norderstedt
NORDERSTEDT

Keuchhusten – Arzt kritisiert Gesundheitsamt

Er kritisiert die Abstrich-Pflicht: Dr. Thomas Schneider untersucht Cedric.

Er kritisiert die Abstrich-Pflicht: Dr. Thomas Schneider untersucht Cedric.

Foto: Michael Schick

Bei Husten dürfen Kinder nicht in die Kita. Ein Attest des Kinderarztes reicht nicht. Nötig ist eine spezielle Untersuchung – die PCR

Norderstedt.  Ein Kind kommt in Norderstedt in die Kita und hustet. Den Erziehern bleibt nun nichts anderes übrig, als das Kind sofort wieder nach Hause zu schicken. Keuchhusten-Gefahr! Es sei denn, ein Kinderarzt attestiert die Unbedenklichkeit. Und zwar mittels Attest und einem Direktnachweis. Dabei wird ein Abstrich (PCR) gemacht, um mögliche Keuchhustenbakterien im Nasenrachenraum zu identifizieren. Nur wenn der Test negativ ausfällt, dürfen die Kinder wieder in die Kita.

„Diese starre Regelung frustriert die Eltern und erhöht die Staatsverdrossenheit“, sagt Dr. Thomas Schneider. Der Norderstedter Kinderarzt kritisiert die Vorgaben des Gesundheitsamtes Norderstedt, dass Kinder nicht in die Kita dürfen, wenn sie nur einmal husten.

Kita-Mitarbeiterin fordert einen Abstrich

Wie die Norderstedterin, die mit ihrem Sohn bei Dr. Schneider zur Untersuchung kam. „Hustenattacken, wie sie typisch sind für Keuchhusten, ließen sich bei ihm nicht feststellen“, sagt Schneider. Ein Schnupfen, eine Erkältung, harmlos. Der Junge war Kita-fähig. Doch wenig später saßen die beiden wieder vor ihm, das Attest reichte nicht, die Kita-Mitarbeiterin forderte den Abstrich. „Warum soll ich bei einem nahezu gesunden Kind eine PCR machen?“, fragt sich Schneider. Er ruft beim Gesundheitsamt an. „Da hieß es: Das sei nun mal so.“ Die Mitarbeiter hätten auf die gesetzlichen Regelungen verwiesen. Also macht er den gewünschten Test. Bei der Mutter klingelt das Handy. Nun hat ihre Tochter auch gehustet. Sie wird abgeholt, Schneider macht sofort eine PCR. Der Tag ist verloren: Die Kinder müssen Zuhause bleiben, die Mutter kann nicht arbeiten. Am nächsten Tag ist die PCR fertig. Der Sohn hat Keuchhustenbakterien, die Tochter nicht, sie darf in die Kita, ihr Bruder muss ein Antibiotikum bekommen.

„Er hat seit dem Kita-Verbot nicht mehr gehustet. Und ich finde es schon ein starkes Stück, ein gesundes Kind antibiotisch zu behandeln“, sagt der Mediziner, der die vorgeschriebene PCR für überflüssig und die Untersuchung und Erfahrung eines Kinderarztes für ausreichend hält.

PCR bedeutet: hohe Kosten, mehr Belastung

Die PCR bedeute für die Eltern unnötigen Aufwand und Einschränkungen, erhöhe die Gesundheitskosten und belaste die Kinderärzte, deren Praxen ohnehin schon voll seien. Er stehe mit seiner Kritik nicht allein, sagt Schneider, viele Kollgen sähen das ähnlich. 24.20 Euro kostet die PCR für gesetzlich Versicherte, wer privat versichert ist, zahlt 113,96 Euro. Und das, obwohl der Abstrich keine Auskunft darüber gebe, ob das Kind tatsächlich Keuchhusten hat. „Viele tragen diese und jede Menge andere Bakterien in sich, ohne dass der Keuchhusten oder andere Krankheiten ausbrechen“, sagt der Mediziner.

Richtig sei, dass Bakterienträger andere anstecken könnten. Aber die Krankheitsauslöser seien überall, es sei illusorisch, sie komplett auslöschen zu wollen. Außerdem müssten dann ja alle Menschen eine PCR machen lassen, die mit einem befallenen Kind in Kontakt waren oder sind: Eltern, Geschwister, Freunde und das gesamte Kita-Personal. Nur so könne der Sinn der gesetzlichen Regelung, Keuchhusten einzudämmen, Erfolg haben.

Schneider plädiert dafür, den Kinderärzten die Diagnose zu überlassen und das Attest zu akzeptieren. Die Symptome eines Keuchhustens seien eindeutig: Bei Berührung im Rachenraum, beim Luftholen oder beim Essen würden die Bakterien aktiviert, minutenlang anhaltenden Hustenattacken seien die Folge. Sind die Kinder geimpft, was Schneider rät, sei der Ausbruch der meldepflichtigen Erkrankung, die durchaus für Säuglinge und geschwächte Menschen gefährlich sein kann, extrem selten. Mit dem Beharren auf einer PCR konterkariere das Gesundheitsamt die Impfbereitschaft der Eltern.

Kreis Segeberg verteidigt die Vorgehensweise

„Maßnahmen wie die PCR fußen auf dem Infektionsschutzgesetz und den Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes (RKI) in Berlin. Darüber hinaus sind sie mit dem Gesundheitsministerium Kiel abgestimmt“, sagt Sabrina Müller, Sprecherin des für die Gesundheitsämter im Kreis Segeberg zuständigen Kreisverwaltung. Wenn ein Kind hustet, bestehe ein „Ansteckungsverdacht“. Ihn auszuräumen oder nachzuweisen, gelinge am schnellsten mit der PCR-Untersuchung. Ist der PCR-Nachweis positiv, bedeute dies: Auf der Rachenschleimhaut findet sich der Keuchhustenerreger, das Kind kann andere anstecken.

„Der klinische Blick allein kann bei Keuchhustensymptomen leider auch sehr erfahrene Kinderärzte täuschen“, sagt Müller. Daher reiche ein Attest nicht aus, es sei in jedem Fall ein labordiagnostischer Ausschluss durch Abstrich und PCR nötig. Eine Antibiotikatherapie könne das Kita-Verbot verkürzen und die Gefahr, andere anzustecken, reduzieren.

„Das Gesundheitsamt will mit der Regelung transparent machen, was nötig ist, um den Ansteckungsverdacht auszuräumen“, sagt Müller. Krankenversicherte hätten einen gesetzlichen Anspruch auf Gesundheitsuntersuchungen wie die PCR. Das Laborbudget niedergelassener Mediziner werde dadurch nicht belastet.

„Die städtischen Kitas handeln nach dem Infektionsschutzgesetz“, sagt Bernd-Olaf Struppek, Sprecher der Norderstedter Stadtverwaltung. Nach aktuellem Stand könne sich kein Kita-Team in der Stadt an einen Keuchhustenfall erinnern. Die Kinder seien in der Regel dagegen geimpft. Verdachtsfälle würden per Aushang in der Kita bekanntgemacht.