Norderstedt
Religion

Pastor Tobias Götting: Ohne Noten und Leistungsdruck glauben

Pastor Tobias Götting am Altar der Ansgar-Kirchengemeinde in Hamburg-Langenhorn.

Pastor Tobias Götting am Altar der Ansgar-Kirchengemeinde in Hamburg-Langenhorn.

Foto: Pastor Tobias Götting / Pastor Tobias Götting1

Der Pastor aus Langenhorn möchte Jugendliche erreichen. Er predigt auch über Klimawandel und Antisemitismus.

Langenhorn. Tobias Götting (51) ist seit 2001 Pastor der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Ansgar in Hamburg Langenhorn. Regelmäßig schreibt er Andachten für den NDR. Er ist mit der Kantorin und Organistin der Gemeinde, Julia Götting, verheiratet. Das Paar hat eine Tochter (15) und einen Sohn (13).

Wenn Sie zurückblicken, welche Begegnungen haben Sie 2019 am meisten berührt?

Tobias Götting Ich bin durch meinen Beruf mit sehr vielen Menschen zusammen in den allerschönsten und allerschrecklichsten Momenten ihres Lebens. Da gibt es so viel Berührendes. Zum Beispiel, dass Menschen aus dem Iran fliehen, nur mit einem Neuen Testament unter dem Arm. Und jetzt zu unserer Kirchengemeinde gehören. Oder: Ich durfte einen 25-jährigen, mehrfach körperlich und geistig behinderten jungen Mann taufen. Er sitzt im Rollstuhl, ist dann aber aufgestanden und stellte sich an das Taufbecken. Am Abend sagte die Mutter zu ihm: „Der Tobias hat dich heute getauft.“ Daraufhin fuhr sich ihr Sohn mit der Hand über den Kopf, so als würde er das Wasser darüber träufeln.

An Heiligabend erhielt ich einen Anruf einer jungen Frau. „Ich bin 30 Jahre alt und allein. Gern würde ich im Seniorenheim jemanden besuchen, der auch allein ist.“ Wir trafen uns und gingen zu einer Bewohnerin. Das war mein Weihnachtsmoment.

Sind anrührende Momente wie diese der Grund, warum Sie Pastor geworden sind?

Ich hatte immer eine Affinität zur Kirche, besuchte schon als kleiner Junge Chor- und Orgelkonzerte. Mein Vater war auch Pastor. Leider habe ich ihn beruflich kaum erlebt, weil ich früh zum Waisenkind wurde. Zunächst wollte ich als „Streetworker“ arbeiten, doch meine Großmutter riet mir zum Studium. Nach Abitur und Zivildienst habe ich dann angefangen, Theologie zu studieren – ein unfassbar tolles Studium!

Warum meinen Sie, glauben Menschen? Und was gibt ihnen der Glaube?

Die Welt ist voller Umbrüche. Vieles, was verlässlich war, bröselt weg. Das Leben ist unübersichtlicher geworden. Man sehnt sich nach Oasen der Geborgenheit und Konstanz. Wir versuchen, in unserer Gemeinde ein Kontinuum, eine Lebensgemeinschaft zu sein. Der Glaube ist in meinen Augen das Angebot, einen Sinn hinter allem – auch dem Schrecklichen auf dieser Welt – zu ahnen. Ich meine damit sicher nicht, alles schön zu reden, aber dass es doch eine Kraft gibt, die hinter allem steht und uns hält.

Ihre Kinder sind 13 und 15 Jahre alt. Wie erreichen Sie auch diese Generation, die sogenannte Generation Z?

Ich versuche, den Konfirmanden ein verlässliches Gegenüber zu sein. Ich erwarte keine Leistung, keine „richtigen“ Antworten, vergebe ja keine Noten. Wenn wir mit einem Bibeltext kommen, sagen wir: „Wir glauben, darin geht es auch um euch!“ Wir geben ihnen nicht die Lutherbibel in die Hand, sondern nehmen eine für sie verständlichere Übersetzung. Und wir sagen ihnen, dass sie nichts glauben müssen, sondern alles hinterfragen dürfen. Wir wünschen ihnen einen „erwachsenen“ Glauben, schon im jugendlichen Alter.

Der Klimawandel war auch Thema in Ihren Predigten.

Ja, in zweierlei Hinsicht: Die Temperaturen weltweit steigen und die Temperaturen in unserem Miteinander sinken. Das gehört für mich zusammen. Das Klima in unserer Gesellschaft. Der Ton des Aufgeregten, des sich gegenseitigen Beschimpfens, der Respektlosigkeit. Mit Worten, von denen ich dachte, dass sie in Deutschland nie wieder gesagt werden, wie „Du Jude“, „Du Schwuli“. Das sagt man nicht. Punkt.

Auch vor dem Hintergrund des sich ausbreitenden Antisemitismus.

Als ich hier anfing, habe ich den Internationalen Holocaust Gedenktag, den 27. Januar, gleich zu einem jährlichen Gottesdienst-Datum gemacht. Wir haben Musik der Synagoge gehört oder zum ersten Mal öffentlich Gedichte von Häftlingen aus dem KZ Fuhlsbüttel verlesen. Dazu waren Angehörige aus Schweden extra angereist. Wir haben über die Zwangsarbeit im Kettenwerk an der Essener Straße gesprochen, über die unfassbaren Geschehnisse der sogenannten „Euthanasie“ im Krankenhaus Ochsenzoll – damals die „Irrenanstalt“ - grausam!

Und heute? Menschen jüdischen Glaubens haben uns Deutschen wieder zugetraut, dass sie hier wieder leben, arbeiten und ihren Glauben ausüben können. Es erschüttert mich, dass sie nun wieder Angst haben müssen. Das habe ich verschiedentlich auch in Gottesdiensten thematisiert: „Stell’ dir mal vor, du kommst am Sonntag zur Kirche und musst erst mal durch ein Spalier von Polizisten. Was macht das mit dir? Das ist doch grauenhaft!“

Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus.

Wir sind in Hamburg inzwischen deutlich unter 30 Prozent evangelische Christen. Also eine Minderheit. In meiner Gemeinde haben wir in den knapp 20 Jahren meines Hierseins nominell jährlich ein Prozent der Mitglieder verloren. Es sind jetzt noch 3.700. Man kann das beklagen. Ich betrachte das von einer anderen Seite. Wir haben rund 100 Besucher pro Gottesdienst, das ist für Hamburg eine ganz ordentliche Zahl. Und auch, wenn ich alle unsere anderen Angebote zusammennehme, kommen wir nicht wirklich auf 3.700 Besuchende… Es gibt also offenbar eine große Gruppe von Menschen, die uns nicht „braucht“, aber durch ihre Zugehörigkeit zeigt: „Es ist gut, dass es euch gibt. Ich vertraue euch, dass ihr gute Arbeit macht.“

Was war das Einschneidende in Ihrem Leben? Wie hat es Sie geprägt?

Na ja, ich bin als relativ junger Mensch Waisenkind geworden. Mit meinem Bruder bei meiner Tante, die selbst drei Kinder hatte, aufgewachsen. Das war eine wahnsinnig große Leistung von ihr! Ich empfinde starke Dankbarkeit dafür, dass ich dadurch doch Familie erleben durfte. Sie war es auch, die fragte: „Möchtest du nicht Klavier spielen?“ und die die Anlagen, die in mir waren, gefördert hat.

Stichwort Dankbarkeit. Was macht das Leben für Sie lebenswert?

Die Zuneigung meiner Familie. Es bleibt ein Wunder, dass man auch über die Jahre trotz seiner „Macken“ geliebt bleibt.