Norderstedt
Hamburg/Segeberg

Reisepodcast – Die Welt erleben und darüber reden

Jochen Schliemann  (l.), der in Henstedt-Ulzburg aufgewachsen ist, und Michael Dietz haben bereits 47 Podcast-Folgen veröffentlicht.

Jochen Schliemann (l.), der in Henstedt-Ulzburg aufgewachsen ist, und Michael Dietz haben bereits 47 Podcast-Folgen veröffentlicht.

Foto: Thomas Rabsch

Jochen Schliemann aus Henstedt-Ulzburg betreibt mit Michael Dietz Podcast „Reisen Reisen“. Sie wollen Begeisterung für’s Unbekannte vermitteln.

Hamburg. „I’ve been everywhere, man“, hat schon Johnny Cash gesungen. Es passt, dass Jochen Schliemann und Michael Dietz diesen Country-Klassiker als Intro-Musik gewählt haben. Das Privileg, reisen zu können, die Welt sehen zu dürfen, sie leben es. Auch, weil es immer mehr Menschen gibt, die den beiden Weltenbummlern gerne in deren Podcast „Reisen Reisen“ zuhören, wie sie über ihre Erlebnisse berichten. Das Interesse ist mittlerweile so groß, dass es Zeit wurde für eine erste Tournee.

Ein Stopp auf dieser Tournee: die Hebebühne in Altona. Für Schliemann ist das fast ein Heimspiel. Der 43-Jährige ist in Henstedt-Ulzburg aufgewachsen, hat sein Abitur am Alstergymnasium (damals noch die „Grüne Schule“) gemacht. Viele seiner Kumpels, mit denen er noch heute befreundet sind, sitzen im Publikum. „Vorstadtproll“, so nennt Schliemann sich scherzhaft.

Sie wollen Begeisterung für das Unbekannte vermitteln

Und doch: Wer in einem kleinen Ort aufwächst, den packt oft das Fernweh. Bei ihm war das nach dem Schulabschluss der Fall, der erste Trip ging 1996 nach Indonesien. „Was mich antreibt, ist, die Natur in ihrer ehrlichen Umgebung zu erleben.“ So berichtet er bei der Liveshow von seiner Zeit im Ostteil von Malaysia, wo der Regenwald noch fast unberührt ist, wo 62 Affenarten leben – und Spinnen, die Vögel fangen.

Es geht darum, mit Berichten und Reportagen eine ungekünstelte Begeisterung für das Unbekannte, das Fremde zu vermitteln. Auch Michael Dietz, ebenfalls 43 Jahre alt, ist kein Großstadtkind, er kommt aus einem Dorf in der Pfalz, lebt heute in Köln. „Unsere Botschaft ist: Erlebt Abenteuer, traut euch raus, macht nicht nur Pauschalreisen“, sagt er.

Das Selbstverständnis eines jeden Urlaubers, was die perfekte Reise ausmacht, ist sehr unterschiedlich. Schliemann und Dietz machen keine Hotelkritiken, auf Luxus und weiche Betten legen sie auch nur bedingt Wert. „Reisen gab es schon vor Instagram“, sagt Michael Dietz. Klar, auch sie waren schon an „Hot Spots“, an denen sich viele Tausend Menschen bereits vor ihnen Influencer-tauglich in Szene haben setzen lassen. Doch wer an einer Kreuzung einfach einmal anders abbiegt, kommt auch zu einem Ziel – und hat danach möglicherweise eine Story zu erzählen, die noch unbekannt ist. „Wenn man nicht alles mit Plänen zuplaniert, erlebt man die schönsten Geschichten“, so Schliemann.

Dass er und sein Podcast-Kompagnon ein Team geworden sind, hat sich mehr oder weniger so ergeben. Beide sind beim Westdeutschen Rundfunk tätig – Dietz ist Moderator, Schliemann arbeitet in der Musikredaktion von 1Live. Als dann irgendwann ein Thementag zum Reisen anstand, fragte ein Kollege, ob das Duo nicht gemeinsam eine Sendung moderieren könne. Schließlich seien sie doch Experten. Zwar lief alles eher spontan und hemdsärmelig, doch, so Schliemann, „rückblickend war das eine grandiose Idee, uns ins Studio zu stellen.“ Es sollte nicht bei einer einmaligen Sendung bleiben. Kurz darauf schlug Michael Dietz vor: „Lass uns einen Podcast machen.“

Man ergänzt sich. Die meisten Podcasts machen sie zu zweit, manchmal gibt es Gäste wie zum Beispiel die Autorin Sophie Passmann, den Moderator Jürgen Domian oder den Musiker Alligatoah. Erstaunlich ist, dass Schliemann und Dietz erst einmal zusammen unterwegs waren – die Tournee mal ausgenommen. Sie waren ausgerechnet auf Norderney. Die ostfriesische Insel ist nicht gerade ein exotisches Reiseziel und eigentlich nicht zu vergleichen mit Kanada oder Westaustralien.

Die meisten Reisen bezahlen Schliemann und Dietz selbst

Grundsätzlich bezahlen sie die meisten Reisen selbst, nur vereinzelt gibt es Einladungen. Der Podcast finanziert sich – wie alles beim Streaming – über die Zahl der Aufrufe und Werbung. Leben können sie von ihrem Podcast nicht. Umso spannender ist es für die beiden, bei ihren Auftritten die Hörer persönlich kennenzulernen. „Wir fragen uns immer, wer das hört. Es ist schön, wenn man feststellt: Es sind ganz vernünftige Leute.“ Schliemann signiert in Hamburg sogar Exemplare seines Romans „P – trauriges Reisen“, dazu werden Erinnerungen ausgetauscht. „Jochen geht dahin, wo es wehtut“, sagt Michael Dietz. „Keiner hat mehr Geschichten über Krankheiten oder Unfälle zu erzählen.“

So wie diese: die Atacama-Wüste in Südamerika, unerträgliche Hitze, gleißend weiße Salzflächen. Und im Kofferraum Mayonnaise. Schliemann hat Hunger, isst das längst verdorbene Lebensmittel. Und wird dafür vom eigenen Verdauungstrakt bitter bestraft. Später im Krankenhaus gibt es dann noch eine Ladung Gastfreundlichkeit obendrauf. „Im Ausland bekommt man die deutschen Klischees ab. Der Doktor sagte nur: Lothar Matthäus, Scorpions.“ Und pfiff ihm das unvermeidliche „Wind of Change“ ins Ohr. „Pffff“. Nur, um dann noch nachzulegen. „Hitler was a good man“.

Aber so ist das in der Fremde. Selbst die Minderheit zu sein, prägt. „Wenn du in Japan eine Stadt verlässt, eine Stunde raus fährst in die Provinz, in einem Vorort wie Henstedt-Ulzburg, da bist du weiter weg von englischer Sprache als in Deutschland.“ Vielleicht, so Jochen Schliemann, eint alle Hörer, dass für sie das Reisen mehr sei als nur Urlaub. „Ein Großteil dessen, was ich weiß, habe ich durch das Reisen kennengelernt“, sagt er. Auch über Nachhaltigkeit machen sie sich Gedanken, haben dazu eine Spezialfolge aufgenommen, wissen, dass das Fliegen heutzutage immer kritischer gesehen wird. „Wenn man es vermeiden kann, sollte man nicht fliegen“, so Schliemann, „aber es ist ein Geschenk, dass sich Kulturen begegnen können.“