Norderstedt
Kiel/Segeberg

Prozess – Vater versuchte, Tochter zu vergiften

Briefkasten am Gebäude des Landgerichtes in Kiel (Symbolbild).

Briefkasten am Gebäude des Landgerichtes in Kiel (Symbolbild).

Foto: Carsten Rehder / dpa

Kieler Landgericht urteilt: Behandelnde Klinik trifft Mitschuld. Sie muss dem sechsjährigen Mädchen 8000 Euro Schmerzensgeld zahlen.

Kiel/Segeberg. Ein Säugling leidet an blutigem Erbrechen und Verätzungen der Mundschleimhaut, weil sein psychisch gestörter Vater ihm immer wieder heimlich säure- und alkoholhaltige Substanzen einflößt. Der Vater wird später wegen versuchten Mordes zu 15 Jahren Haft verurteilt. Die behandelnde Klinik trifft eine Mitschuld am Leiden des Kindes, urteilte jetzt das Kieler Landgericht.

Achtmal wurden die Eltern aus dem Kreis Segeberg mit der kleinen Alina (Name geändert) seit Dezember 2013 im Friedrich-Ebert-Krankenhaus Neumünster (FEK) vorstellig. Weil man es dort trotz alarmierender Hinweise seit April 2014 unterließ, das Kind auf eine Vergiftung zu untersuchen, muss die Klinik ihm jetzt 8000 Euro Schmerzensgeld zahlen.

Die Entscheidung des Kieler Landgerichts (AZ: 8 O 254/16) ist vorläufig vollstreckbar, aber noch nicht rechtskräftig, teilte ein Gerichtssprecher auf Nachfrage mit. Das FEK hatte die Klage der Mutter des heute sechsjährigen Mädchens zurückgewiesen.

Der Vater wurde bereits zu 15 Jahren Haft verurteilt

Die strafrechtliche Seite des Falles ist längst abgeschlossen: Alinas Vater wurde im Juli 2015 vom Landgericht Potsdam wegen versuchten Mordes, Misshandlung Schutzbefohlener und gefährlicher Körperverletzung zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Der damals 37-jährige Tierpfleger habe das eigene Kind mit Desinfektionsmitteln vergiftet, um den fürsorglichen Vater spielen zu können und von seinem eigenen Versagen abzulenken. Die Richter sprachen von einem sogenannten Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom (siehe Artikel unten).

Alinas Vater war vorbestraft und hatte kein Sorgerecht für seine Tochter. Auch die offenbar ahnungslose Mutter stand kurzzeitig unter Tatverdacht: Vier Wochen, nachdem das FEK Neumünster die Patientin in eine Spezialklinik in Brandenburg überwiesen hatte, wurden beide Eltern festgenommen – am Tag bevor sie ein Jahr alt wurde.

Zuvor hatte Alina nur mit knapper Not die heimtückischen Giftattacken des eigenen Vaters überlebt, der seine Anschläge in Brandenburg bis Ende Juni 2014 fortsetzte. Sogar über eine Magensonde flößte er ihr Desinfektionsmittel ein. Das Mädchen fiel daraufhin ins Koma, schwebte in Lebensgefahr. Nun endlich ordneten die Ärzte eine Blutuntersuchung auf Alkohol an. Als das Ergebnis – 1,3 Promille – vorlag, alarmierte der Chefarzt umgehend Polizei und Jugendamt.

Eine rechtzeitige Untersuchung auf toxische Stoffe durch das FEK Neumünster hätte dem Kind mehr als zwei Monate erhebliche Leiden ersparen können, urteilten jetzt die Kieler Richter. Zumal dort eine Kinderkrankenschwester den Verdacht auf Fremdschädigung geäußert hatte. Auch anderen Zeugen fiel auf, dass sich das Baby vom Klinikpersonal bereitwillig füttern ließ, gegenüber den Eltern jedoch die Nahrungsaufnahme verweigerte.

Siebenmal musste Alina in der Klinik behandelt werden

Laut Urteil erholte sich das Kind während seiner Klinikaufenthalte im FEK immer wieder und legte an Gewicht schnell zu. Doch nach der Entlassung dauerte es meist nur ein bis zwei Tage bis zur nächsten stationären Aufnahme. Dann dokumentierten die Ärzte erneut Reizungen der Mundschleimhaut, die sich teilweise ablöste. Weil die Ärzte hierfür keine medizinische Erklärung fanden, hätten sie das „vor Schmerzen wimmernde“ Kind auf eine Vergiftung hin untersuchen müssen, so das Urteil. Spätestens ab dem 21. April 2014 – Alinas siebtem Klinikaufenthalt – sieht das Gericht einen groben Behandlungsfehler bei der Befunderhebung.

Nach Überzeugung der Mutter hätten die Ärzte schon vier Wochen früher bei der dritten stationären Aufnahme Verdacht schöpfen müssen. Die Mutter hatte 15.000 Euro Schmerzensgeld für Alina gefordert. Sie sah auch den Chefarzt, den Oberarzt und die leitende Stationsoberärztin der Neumünsteraner Klinik in der Pflicht.

Das Kieler Landgericht sah jedoch „keine Anknüpfungspunkte für eine individuelle Haftung“, sondern ein organisatorisches Versagen der Klinik. Bleibende Schäden hat Alina laut Urteil nicht erlitten. Das heute sechsjährige Mädchen besuche „nunmehr mit gleichaltrigen Kindern unbeschwert den Kindergarten“.