Norderstedt
Segeberger Geheimnisse

Wie Expressionist Christian Rohlfs vom Apfelbaum fiel

Udo Rohlfs und seine Schwester Ute Christiansen mit dem Rohlfs-Gemälde „Der blaue Berg“ vor dem Apfelbaum in Fredesdorf, von dem Christian Rohlfs 1864 fiel.

Udo Rohlfs und seine Schwester Ute Christiansen mit dem Rohlfs-Gemälde „Der blaue Berg“ vor dem Apfelbaum in Fredesdorf, von dem Christian Rohlfs 1864 fiel.

Foto: Frank Knittemeier / Frank Knittermeier

Viele Ereignisse sind in Vergessenheit geraten. Wir haben uns auf Spurensuche begeben und interessante Geschichten entdeckt.

In der Kunstgeschichte gilt er als einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Expressionismus: Christian Rohlfs (1849-1938) zählt mit Emil Nolde (1867-1956) und Ernst Barlach (1870-1938) zu den bedeutenden Künstlern der klassischen Moderne, die aus Schleswig-Holstein stammen – und der Kreis Segeberg ist seine Heimat. Heute werden seine Werke hoch gehandelt: Bis zu 200.000 Euro müssen Kunstinteressenten bezahlen. Doch wäre der junge Christian nicht eines Tages unsanft von einem Apfelbaum neben seinem Elternhaus in Fredesdorf gestürzt, wären seine künstlerischen Fähigkeiten vielleicht nie entdeckt worden und die deutsche Kunstgeschichte wäre um einen interessanten und wichtigen Maler ärmer.

Die Geschichte klingt unglaublich, ist aber wahr. Udo Rohlfs zeigt auf einen Apfelbaum, der in Fredesdorf am Rande jener Straße steht, die den Namen des Kunstmalers trägt. „Von diesem Baum ist er damals gestürzt“, sagt der Großneffe von Christian Rohlfs. Das Unglück geschah im Jahre 1864, Christian war damals 14 Jahre alt. Ob es wirklich noch der Baum von damals ist? So genau kann das niemand sagen. Auch Udo Rohlfs nicht: „Ich glaube schon; jedenfalls ist das Unglück an dieser Stelle passiert.“ Der Apfelbaum steht nur wenige Meter neben dem Haus, in das Christian Rohlfs 1851, zwei Jahre nach seiner Geburt in Groß Niendorf, mit seiner Familie eingezogen ist. Das alte Bauernhaus, das heute von Udo Rohlfs und seiner Familie bewohnt wird, hat einst als Versteck für viele der von Christian Rohlfs geschaffenen Werke gedient – denn seine Bilder galten während der Nazizeit als „entartet“.

Irgendwann im Laufe des Jahres 1864 klettert Christian Rohlfs auf den Apfelbaum, fällt herunter und prallt dabei so unglücklich auf den Boden, dass er sich eine schwere Beinverletzung zuzieht. Zwei Jahre lang muss er das Bett hüten, die meiste Zeit davon im Segeberger Krankenhaus. Um den Jungen zu beschäftigen, gibt ihm Dr. Ernst Stolle, der behandelnde Arzt und Hausarzt, Zeichenmaterial und erkennt sehr schnell das Talent seines jungen Patienten. Der Arzt, ein Schwager des Juristen und Schriftstellers Theodor Storm (1817-1888), beginnt, Christian Rohlfs zu fördern und bringt dabei dessen künstlerische Laufbahn ins Rollen. Stolle überredet die Eltern, den Jungen nach Bad Segeberg auf eine weiterführende Schule zu schicken und ihn Kunstmaler werden zu lassen. Er macht ihn in Berlin mit dem Maler und Kunstschriftsteller Ludwig Pietsch (1824-1911) bekannt, der ihn an die Großherzogliche Kunstschule in Weimar empfiehlt.

Christian Rohlfs beginnt ein Kunststudium, das er allerdings 1871 unterbrechen muss: Als Spätfolge seines Sturzes aus dem Baum entwickelt sich eine chronische Knochenmarkentzündung. Ein Bein wird amputiert. 1874 nimmt Rohlfs sein Studium wieder auf.

Eigentlich hätte sein berufliches Leben ganz anders verlaufen sollen. „Nach dem Jüngstenrecht hätte Christian der Hof zugestanden“, sagt Großnichte Ute Christiansen, die ein Haus weiter wohnt. Sie und ihr Bruder Udo sind heute die Hüter der Familiengeschichte. „Aber dazu ist es natürlich nicht gekommen.“

Der ältere Bruder Hinnerk übernimmt den Bauernhof. Christian aber malt: Die Ölbilder, Zeichnungen und Pastelle, die ab 1880 entstehen, gehören nach Ansicht vieler Experten, zu denen auch der Kaltenkirchener Kunstlehrer und Rohlfs-Kenner Claus Bärwald zählt, zu den bedeutendsten und modernsten deutschen Kunstäußerungen jener Zeit. 30 Jahre verbringt Christian Rohlfs in Weimar, bevor er 1901 ins westfälische Hagen übersiedelt, wo er am neu gegründeten Museum Folkwang die neuesten Strömungen der zeitgenössischen Kunst kennenlernt.

Über die naturalistische Malerei und den Impressionismus kommt Rohlfs zum Expressionismus. Er wird Ehrenbürger von Hagen, die Universität Kiel und die Technische Hochschule Aachen verleihen ihm Ehrendoktortitel, die Kunstakademie Düsseldorf macht ihn zum Ehrenmitglied. Der Louvre kauft eines seiner Werke an, das Detroit Institute of Arts zeigt eine Rohlfs-Ausstellung. Der Mann aus Groß Niendorf und Fredesdorf im Kreis Segeberg ist ein gefragter Künstler, aber die Nazis mögen seine Kunst nicht.

1937 wird ein Ausstellungsverbot gegen Christian Rohlfs verhängt, der seit 1927 mehrere Monate im Jahr aus gesundheitlichen Gründen am Lago Maggiore lebt. Auf Betreiben der Nationalsozialisten wird er am 7. Januar 1938, einen Tag vor seinem Tod, aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen.

Es ist seiner 41 Jahre jüngeren Frau Helene zu verdanken, dass die Werke Christian Rohlfs die Zeit überstanden haben und heute noch in sehr vielen Ausstellungen zu sehen sind. Sie überlebt ihren Mann mehr als 50 Jahre, rettet wichtige Werke vor dem Zugriff der Nazis und setzt sich nach 1945 sehr erfolgreich für die Wiederentdeckung der Kunst ihres Mannes ein.

„Tante Lene“, wie sie in Fredesdorf genannt wird, versteckt die Bilder in den Zwischenböden des Bauernhauses und der Scheune. „Inzwischen ist das Haus umgebaut worden, die Scheune ist nicht mehr vorhanden“, sagt Udo Rohlfs, der noch eine Original-Zeichnung seines Großonkels besitzt. „Das ist wahrscheinlich nur der Entwurf eines späteren Bildes“, vermutet er. Christian Rohlfs verbringt in seinem Elternhaus übrigens um 1900 noch einmal einige Zeit und malt dort in ländlicher Umgebung das atmosphärisch stimmungsvolle Bild „Holsteinischer Bauernhof“ mit vielen ländlichen Details. Als er 1922 wieder den elterlichen Hof besucht, ist er auch mehrere Wochen zu Gast im Lehrerhaus Schwissel bei seinem Neffen Ernst Rohlfs, dem zweitjüngsten Sohn von Bruder Hinnerk. Auch dort entstehen einige Werke. In Fredesdorf gibt es neben der Christian-Rohlfs-Straße noch einen Gedenkstein für ihn am Dorfteich, ebenso in Groß Niendorf. Das Geburtshaus wurde in den 1970er-Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen.

So geht’s zum Apfelbaum: Von Leezen aus führt die Heiderfelder Straße nach Fredesdorf, wo sich das ehemalige Wohnhaus in der Christian-Rohlfs-Straße 5 befindet. Der Apfelbaum steht rechts neben dem Haus.