Norderstedt
Interview mit Buchautorin

Norderstedterin schreibt spannenden Küstenkrimi

Krimiautorin Angelika Waitschies aus Norderstedt veröffentlicht ihre Bücher unter den Pseudonymen Angelika Svensson und Beeke Dierksen.

Krimiautorin Angelika Waitschies aus Norderstedt veröffentlicht ihre Bücher unter den Pseudonymen Angelika Svensson und Beeke Dierksen.

Foto: Angelika Svensson

Angelika Waitschies aus Norderstedt ist eine viel gefragte Krimi-Schreiberin, die ihre Bücher unter zwei Pseudonymen veröffentlicht.

Stand er hier tatsächlich vor einem Massengrab? Dem Kommissar wird übel. Dem Leser auch? Das Gefühl ist eher so zu beschreiben: Ein bisschen Gänsehaut, ein leichtes Kribbeln – wo? Im Magen, in den Fingerspitzen. Egal, es geht weiter, denn inzwischen steht das Schutzzelt über den menschlichen Überresten der vierten Leiche. Der Kommissar ist einiges gewöhnt, aber vor diesem Anblick hat er Angst. Selbst die Kriminaltechnikerin hat eine heisere Stimme: „So etwas habe ich noch nie gesehen. Das ist ja ein Albtraum.“ Die geneigten Leser erschauern mit ihr und begreifen schnell: Die 10,90 Euro für dieses Buch sind gut angelegtes Geld. Gräber auf einem Acker, eisiger Wind, peitschender Regen, Kommissare, die mit sich und der Welt hadern: „Schwarze Förde“, ausgedacht und geschrieben von der Norderstedterin Beeke Dierksen ist ein spannender Küstenkrimi über einen Mörder ohne Gnade an der Flensburger Förde. Wer, um Himmels Willen, denkt sich so etwas aus?

Lokaltermin mit Beeke Dierksen: Am Tisch gegenüber sitzt keine Frau, deren Schultern von aller Last der Welt gebeugt sind. Mögen ihre Kommissare allesamt kurz vor dem Selbstmord stehen – auf sie trifft das mit Sicherheit nicht zu. Eine sehr nette Frau im besten Alter: Das ist Beeke Dierksen, deren Küstenkrimi gerade im Emons-Verlag erschienen ist. Obwohl – ein bisschen zwiespältig scheint sie doch zu sein. Denn Beeke Dierksen ist gar nicht Beeke Dierksen. Sie ist Angelika Svensson. Manchmal jedenfalls. In Wirklichkeit steckt dahinter Angelika Waitschies, Jahrgang 1954. Ein Verwirrspiel also. Was nicht verwunderlich ist, denn diese Frau im Vorruhestand schreibt ja Kriminalromane und ist es deshalb gewohnt, falsche Spuren zu legen.

Verlag wollte eine Autorin mit nordischem Namen

Angelika Waitschies lacht und winkt ab. Von wegen, falsche Spuren. Das mit den verschiedenen Namen hat sich halt so ergeben. Die Deutschen lieben Kriminalromane, die im Norden angesiedelt sind und richtig zur Sache gehen, inklusive gramgebeugter Kommissare und windgepeitschter Äcker oder Strände. Diesen Markt bedient Angelika Waitschies sehr erfolgreich. Die meisten ihrer Bücher erscheinen bei der renommierten Verlagsgruppe Droemer Knaur – und dort wollte man eben eine Autorin, deren Name irgendwie nordisch klingt. Also Angelika Svensson. Unter diesem Pseudonym entwickelte sie ihre Storys mit der Ermittlerin Lisa Sanders von der Kieler Mordkommission: „Küstenzorn“ (erschienen am 1. März 2019), „Küstentod“, „Wassersarg“, „Kielgang“ und „Kiellinie“. Angelika Svensson ist inzwischen eine „Marke“ bei Lesern, die Regionalkrimis lieben.: Innerhalb weniger Jahre – erst 2008 hat Angelika Waitschies mit dem Schreiben begonnen, 2014 später wurde das erste Buch veröffentlicht – haben ihre Bücher im hart umkämpften Krimi-Markt eine Gesamtauflage von rund 75.000 Exemplaren. „Bestsellerautorin bin ich damit noch nicht“, sagt Angelika Waitschies. „Aber ich liege im guten Mittelfeld.“

Beim Emons-Verlag, dem neuen zweiten Standbein der Autorin, musste ein anderer norddeutscher Name her: Beeke Dierksen. Möglicherweise wird es demnächst komplett unübersichtlich: 2021 und 2022 erscheinen zwei Bücher bei HarperColliens, dem weltweit zweitgrößten Publikumsverlag – wahrscheinlich unter einem dritten Namen. 2020 ist erst mal wieder Angelika Svensson bei Knaur an der Reihe. „Küstenrache“ heißt der Roman, in dem wieder Lisa Sanders mit ihrem Team ermittelt.

Ehemalige Sachbearbeiterin schreibt seit 2008 Kriminalromane

Wie auch immer: Angelika Waitschies behält den Überblick und weiß, wer sie ist. Von Nachbarn und Freunden wird sie ohne hin mit „Angelika“ oder „Frau Waitschies“ angesprochen. Schließlich hat die ehemalige Sachbearbeiterin beim NDR es so gewollt, als sie 2008 anfing, Kriminalromane zu schreiben. Ihr erstes Manuskript wurde noch von einer österreichischen Autorin der deutschsprachigen Vereinigung „Mörderische Schwestern“ bearbeitet. Dahinter verbirgt sich ein gemeinnütziger Verein, der das Ziel hat, Kultur und von Frauen verfasste deutschsprachige Kriminalliteratur zu fördern. Nachdem die „Schwestern“ ihr auch bei der Suche nach einem Verlag behilflich waren, entwickelte sich alles sehr schnell.

Inzwischen ist Angelika Waitschies nicht nur eine Vielschreiberin, sondern selbst auch eine „Mörderische Schwester“, die anderen Autorinnen hilft. Alleine im Jahr 2018 schaffte sie zwei Kriminalromane; das gesunde Pensum aber liegt bei einem Krimi pro Jahr. „Ein Roman ist bei mir von vorne bis hinten durchgeplant“, sagt Angelika Waitschies und schränkt sofort ein: „Das ist manchmal aber auch vertane Zeit, denn beim Schreiben entwickelt sich die Geschichte oft doch anders.“

Anderen Schreiberinnen mehr Geltung verschaffen

Das Schreiben an ihrem PC ist tägliche Pflicht. Die gelben Zettel mit Anmerkungen sind an der Wand verteilt und werden nach und nach abgearbeitet, vier Überarbeitungen pro Buch sind normal. „Ich bin oft zu dialoglastig und muss vieles ändern.“

Hinzu kommen Lesungen, das Organisieren von Kriminächten oder dem Jahrestreffen der „Schwestern“, bei denen sie inzwischen Leiterin des Mentoring-Programms ist. Dabei möchte sie Autorinnen mehr Geltung verschaffen: „Bei Krimitagen, wie jetzt in Hamburg, sind die Männer immer noch dominant. Da gibt es nur wenige neue Namen.“

Am 28. November Lesung mit der Autorin

Anregungen holt sich die Norderstedter Autorin natürlich beim täglichen Lesen anderer Kriminalautoren: Aktuell liest sie besonders gerne die Sebastian-Bergmann-Reihe der schwedischen Autoren Michael Hjorth und Hans Rosenfeld. Die Bücher von Volker Kutscher, nach denen „Babylon Berlin“ gedreht wurde, kennt sie alle. Ihre eigenen Themen sind sozialkritisch angelegt und akribisch recherchiert. Wenn den Lesern Fachbegriffe wie „OFA“ (Operative Fallanalyse), „Cold-Case-Unit“,
„K 1“ oder „LKA“ um die Ohren knallen, können sie sicher sein: Alles hat seine Richtigkeit. Denn Angelika Waitschies lässt ihre Manuskripte von Fachleuten prüfen. Der Leiter der Kieler Mordkommission kennt die Svensson/Dierksen-Krimis zum Beispiel, bevor sie gedruckt werden. Im Kreis Pinneberg gibt es eine Schutzpolizistin, die sich als Spezialistin im Gegenlesen entpuppt hat.

Läuft „Schwarze Förde“, der neue Krimi, gut, wird es weitere Storys mit den Kommissaren Hannah Lundgren, Christoph Wengler, Birte Degener und Olaf Reinders geben. Denn in deren Privatleben gibt es nach dem ersten Band noch viele offene Rechnungen und zahlreiche Ungereimtheiten, die für die Leser fast so interessant sind, wie das Auflösen der Kriminalfälle. Angelika Waitschies ist bereit: Unter welchem Autorennamen auch immer – Krimis aus Norderstedt wird es auch künftig in den Buchhandlungen geben.

Angelika Waitschies alias Beeke Dierksen liest am Donnerstag, 28. November, von 19.30 Uhr an in der Buchhandlung am Rathaus in Norderstedt, Rathausallee 42, aus ihrem Kriminalroman „Schwarze Förde“. Der Eintritt beträgt 8 Euro.