Norderstedt
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„Ich habe viele tolle Menschen kennengelernt“

Ilka Bandelow (60), Flüchtlingshelferin. St.-Pauli-Fan und überzeugte Norderstedterin: „Hier habe ich alles, was ich brauche!“

Ilka Bandelow (60), Flüchtlingshelferin. St.-Pauli-Fan und überzeugte Norderstedterin: „Hier habe ich alles, was ich brauche!“

Foto: BIANCA BOEDEKER / Bianca Boedeker

Ilka Bandelow ist die Vorsitzende des Willkommen-Team Norderstedt. Im Interview spricht sie über ihr Engagement.

Vor zehn Jahren zog Ilka Bandelow (60) von Hamburg nach Norderstedt. In der Stadt fühlt sie sich sehr wohl. Mit ihrem ehrenamtlichen Engagement schenken sie und andere Freiwillige Geflüchteten ein Zuhause. Abendblatt-Autorin Bianca Bödeker traf die Erste Vorsitzende des Willkommen-Teams Norderstedt zum Interview. Ein Gespräch über Verlust und Veränderung, über Wertschätzung und Wiegestunden, und welche Frage sie Bundespräsident Frank Walter Steinmeier stellen möchte.

Ilka Bandelow, was mögen Sie an Norderstedt?

Die Menschen, das Miteinander und dass alle an einem Strang ziehen. Ich mag den Stadtpark und die vielen Fahrradwege. Die Stadt hatte ich als Hamburgerin nie auf dem Zettel. Bis mich eine Freundin überzeugte, nach Norderstedt zu ziehen. Mittlerweile fahre ich kaum noch nach Hamburg. Hier habe ich doch alles.

Welcher Weg führte Sie ins Willkommen-Team Norderstedt?

Als ich 2015 die ersten Flüchtlingsbilder im Fernsehen sah, wusste ich sofort: ,Das wird unser Land verändern.‘ Diese Veränderung wollte ich aktiv mitgestalten. Ich schaute mich im Internet um, stieß auf das Willkommen-Team und meldete mich für den Einführungskursus an. Danach wusste ich jedoch immer noch nicht so ganz, wo mein Platz sein könnte. Bis ich Regina Baltrusch, eines der Gründungsmitglieder, kennenlernte. Sie sagte: ,Komm einfach mal mit in die von mir betreute Unterkunft Lawaetzstraße.’ Danach wusste ich: Hier will ich mitarbeiten.

Damals wurde jeder Freiwillige gebraucht. 30 bis 40 Menschen kamen pro Woche nach Norderstedt.

Genau. Wir empfingen sie alle herzlich, reichten ihnen Begrüßungsbeutel mit nützlichen Alltagsgegenständen, erzählten von unserer Kultur, unseren Lebensgewohnheiten, unserem multikulturellen Seminarangebot zur Integration und dass wir verlässlich an ihrer Seite sind. Gemeinsam sind wir zum Sozialamt, zu Ärzten, zur Kleiderkammer und Tafel gegangen. Gott sei Dank waren immer Geflüchtete dabei, die gut Englisch sprachen und übersetzen konnten.

Was bedeutet Ihnen Ihr ehrenamtliches Engagement?

Erst einmal ist es für mich eine unglaubliche Bereicherung, Menschen aus anderen Kulturen kennenzulernen. Es ist natürlich manchmal schwierig, weil jeder ein Päckchen mit sich trägt: die Flucht, die traumatischen Erlebnisse mit Verlust von Heimat und geliebten Menschen. Ich erinnere mich an einen jungen Mann, dessen Vater vor seinen Augen hingerichtet wurde. Mit uns ist er wieder aufgeblüht, lacht, lernt Deutsch. Darüber freue ich mich. Es kommt so viel Wertschätzung und Dankbarkeit zurück, auch für unsere Hilfe bei den behördlichen Formalitäten. Ein junger Syrer sagte mal: ‚Deutschland hat viele Bäume. Deutschland hat aber auch viel Papier... ‘ Und natürlich mag ich die wunderbaren Menschen im Willkommen-Team. Überhaupt habe ich durch die Flüchtlingswelle hier in Norderstedt ganz tolle Menschen kennengelernt.

Erzählen Sie uns von Mut machenden Begegnungen.

Eine junge Frau aus Syrien hat soeben begonnen, Medizintechnik im Bereich Orthopädie zu studieren. ,Wenn ich zurückkehre in mein Land, wird mein Beruf dort doch benötigt‘, sagt sie. Das ist weise, aber auch erschreckend. Ich würde ihr wünschen, dass sie auch an anderes denken kann als an die Versehrten in ihrem Land. Und sie denkt wie viele, dass sie zurück möchte, um ihre Heimat wieder aufzubauen. In der Unterkunft Lawaetzstraße lernte ich einen jungen Syrer kennen, mit dem ich mich auf Englisch recht gut unterhalten konnte. Er half mir zu übersetzen, übernahm später sogar selbstständig die Begrüßung der Geflüchteten. Er arbeitete in seiner Heimat als Öl- und Gasingenieur, fand nach 60 Bewerbungen und mit Unterstützung einer Kollegin aus unserem Team einen tollen Job und konnte eine eigene Wohnung beziehen. Regelmäßig kocht er für einige von uns. Dann essen wir gemeinsam, trinken Kaffee und diskutieren – gern über Politik.

Stichwort Wohnung. Wie sieht es hier für die Geflüchteten aus?

Einige haben Arbeit gefunden und eine Wohnung bezogen. Andere, die arbeiten, könnten sich durchaus eine Wohnung leisten, haben aber keine Möglichkeit dazu. Es gibt nun mal nicht genügend Wohnungen, und leider gibt es immer noch Vermieter, die keine Geflüchteten als Mieter akzeptieren. Das ist schade.

Wie gehen Sie mit den Schicksalen der Menschen um?

Ich bin von Natur aus ein mitfühlender Mensch, der gut zuhören und trösten kann. Viele Menschen stumpfen schon ab, wenn sie hören, da ist wieder ein Schlauchboot gekentert, Menschen sind ertrunken. Das berührt mich immer noch. Es könnte ja ein Sohn von Ali oder einem anderen mir bekannten Geflüchteten sein. Ich versuche jedoch, mich so gut es geht abzugrenzen.

Wie schaffen Sie das?

Unglaublich wichtig ist mir meine Selbsthilfegruppe. Ich war gerade zwei Jahre trocken, als ich 2009 nach Norderstedt zog, kam dann in die berufliche Freistellung und hatte Bedenken, in ein Loch zu fallen. Was ich in der Therapie gelernt hatte, war: Suche dir erst einmal eine Selbsthilfegruppe. Ich habe die Blaue-Kreuz-Gruppe in der Falkenbergkirche gefunden, da bin ich hin und habe eine ehrenamtliche Ausbildung zur Suchtkrankenhelferin gemacht. Inzwischen leite ich die Gruppe. Mit dieser Aufgabe habe ich gelernt, mich abzugrenzen. Wenn Sie versuchen, einem Alkoholiker zu helfen, dann müssen Sie sich abgrenzen. Gerade wenn Sie, wie ich, dieselbe Krankheit haben.

Mögen Sie uns davon erzählen?

25 Jahre habe ich exzessiv getrunken. Zuletzt, um den Stress in meinem Bankjob zu kompensieren. Mein einschneidendes Erlebnis hatte ich im Juni 2007. Da war ich 48 Jahre alt und bin vor dem Hamburger Rathaus mit einem Alkoholentzugskrampf zusammengebrochen. Erst im Krankenhaus wachte ich wieder auf. Da war mir klar: Machst du so weiter, bist du in einem Jahr tot. Seitdem habe ich keinen Tropfen mehr angerührt. Jeder Alkoholiker braucht seinen Tiefpunkt. Das war meiner. Ein Jahr nach meinem Zusammenbruch war ich mal wieder in meiner Stammkneipe auf St. Pauli. Nicht um zu trinken, sondern um zu schauen, wie sich das so anfühlt. Je mehr die Leute tranken, desto lauter wurden sie. Das ist mir früher gar nicht aufgefallen. Nach zwei Stunden habe ich dann gesagt: Freunde, habt noch einen schönen Abend. Ich fahre jetzt nach Hause.

Apropos. St. Pauli oder HSV?

St. Pauli natürlich. Ich bin Mitglied seit der sogenannten Rettungsaktion 2003. Zum Spiel gehe ich nicht. Das haben mir meine Freunde verboten. Wenn ich mit ihnen im Stadion war oder wir das Spiel vor dem Fernseher anschauten, haben die Jungs immer verloren. Ich bin kein Glücksbringer.

Wie beschreibt Ihr Umfeld Sie?

Ich habe meine Kollegin vom Willkommen-Team mal gefragt. Sie sagt, ich sei zuverlässig, hilfsbereit, zielstrebig, zugewandt und hätte eine gute Menschenkenntnis.

Wohin gehen Sie, wenn Sie mal abschalten möchten?

Ich bin wahnsinnig gern im Stadtpark und beobachte die Menschen beim Wasserski. Es entspannt mich, am Wasser zu sein. Ich lese viel, zum Beispiel Romane des US-amerikanischen Schriftstellers Paul Auster.

Wen würden Sie gern mal treffen? Was würden Sie ihn fragen?

Von unserem Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier würde ich gern mal wissen, ob er unsere Demokratie gefährdet sieht. Es ist das, was ich eingangs sagte: Die Flüchtlingswelle wird unser Land verändern. Mir persönlich gefällt die Entwicklung nicht, so wie sie jetzt ist. Ich habe dem aber wenig entgegenzusetzen, außer meinem ehrenamtlichen Engagement. Ich denke, dass unser Willkommen-Team mit Unterstützung der Stadt und Kirchengemeinden einen großen Teil dazu beigetragen hat, dass es friedlich ist in Norderstedt und die Menschen akzeptiert werden.

Und auch immer wieder praktisch unterstützt werden, wie das Beispiel der„Wiegestunde“ zeigt. Was hat es damit auf sich?

Für viele geflüchtete Frauen, die hier Kinder bekommen, ist es das erste Kind. In ihren Heimatländern hätte ihnen die weibliche Familie zur Seite gestanden. Diese Unterstützung fehlt natürlich. Zur Schließung dieser Lücke machte ich mich auf die Suche nach Hebammen, wurde jedoch nicht fündig. Meine Kollegin Regina Baltrusch erinnerte sich an ihre Kindheit, als es in der Siedlung eine wöchentliche Wiegestunde gab. Unterstützung fanden wir in der Zusammenarbeit mit den „Frühen Hilfen Norderstedt“ und richteten in den Unterkünften wöchentliche Wiegestunden mit einer Kinderkrankenschwester ein. Sie unterstützt bei Fragen zum Stillen und zur Entwicklung des Kindes. Das läuft immer noch.

Sie selbst haben keine Kinder. Wenn Sie die Kleinen sehen, was löst das in Ihnen aus?

Ich habe so ein, zwei Lieblinge in der Unterkunft. Wenn einer der Kleinen, er ist jetzt dreieinhalb, auf mich zuläuft und schreit: ,Ilka!!!!!!‘, macht das zugegebenermaßen was mit mir – da kommen dann schon mal Omagefühle auf.

„Norderstedt is(st) international“ - unter diesem Motto will das Willkommen-Team Norderstedt zum 50. Geburtstag Norderstedts 2020 ein Kochbuch mit internationalen Rezepten herausgeben. Ihre Vorschläge sind willkommen! Alle Infos zum Kochbuch-Projekt unter www.willkommen-team.org