Norderstedt
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Warum die Tafel weiterhin aufs Ehrenamt setzt

Heike Reineke (links) und Silke Gehrckens sorgen dafür, dass bei der Norderstedter Tafel der Tag geregelt abläuft. Sie koordinieren sowohl die Fahrer als auch die Essensausgabe.

Heike Reineke (links) und Silke Gehrckens sorgen dafür, dass bei der Norderstedter Tafel der Tag geregelt abläuft. Sie koordinieren sowohl die Fahrer als auch die Essensausgabe.

Foto: Annabell Behrmann

Wegen der vielen Bedürftigen und Spenden wird ab Januar erstmals bezahlte Halbtagskraft für die Norderstedter Einrichtung tätig sein.

Norderstedt. Rund 1,65 Millionen bedürftige Menschen in Deutschland holen sich ihre Lebensmittel regelmäßig bei der Tafel. Die Zahl steigt seit Jahren – genauso wie die Menge an Essbarem, die tagtäglich weggeschmissen wird. Für die mehr als 940 Tafeln hierzulande ist der logistische Aufwand, um Lebensmittel zu retten und zu verteilen, enorm gestiegen. Deshalb forderte nun Jochen Brühl, Vorsitzender des Dachverbandes der deutschen Tafeln, Unterstützung vom Staat. „Vor allem große Mengen von Produzenten müssen wir mitunter ablehnen, weil unsere Infrastruktur dem nicht gewachsen ist“, sagte er. Konkret wünscht sich Brühl finanzielle Unterstützung, um hauptamtliche Mitarbeiter, die große Spenden koordinieren und an die Landesverbände verteilen sollen, zu bezahlen.

Bei der Norderstedter Tafel wird zum 1. Januar 2020 erstmals eine bezahlte Halbtagsarbeitskraft eingestellt. „Ich bin nur einige Tage in der Woche vor Ort. Wir brauchen jemanden, der tagtäglich die Kommunikation und Organisation regelt“, sagt die Vorsitzende Ingrid Ernst (67). Sie widmet ihr Leben seit fast 18 Jahren der Tafel. Unentgeltlich.

Bisher ist die Norderstedter Tafel mit rund 260 Ehrenamtlern bei elf Ausgabestellen ausgekommen. Da die Einrichtung aber vor Kurzem eine Erbschaft gemacht hat, kann sie sich für die kommenden vier Jahre eine hauptamtliche Geschäftsführerin leisten.

„Ich finde es grundsätzlich besser, mit Ehrenamtlern zu arbeiten“, sagt Peter Hasse. Das würde den Gedanken der Tafel schließlich ausmachen. „Außer in Führungspositionen, da machen bezahlte Kräfte Sinn.“ Einmal in der Woche fährt der 69 Jahre Henstedt-Ulzburger rund zehn Stationen in Norderstedts Umgebung mit dem Kühlfahrzeug der Tafel an. Im Zentrallager der Discounter-Kette Netto werden er und sein Kollege Wolfgang Bernard bereits erwartet.

Helfer der Tafel überdenken Verhältnis zu Lebensmitteln

Hinter Tor Nummer 20 – von weit mehr als 100 – stapeln sich Kisten mit Lebensmitteln, die Netto normalerweise wegschmeißen würde. Die beiden Rentner ziehen sich Handschuhe und Warnweste an, ehe sie anfangen, die Ware zu sortieren. „Wir nehmen nur Sachen mit, die wir auch selbst essen würden“, sagt Wolfgang Bernard. Der 67-Jährige begutachtet zehn Paletten mit in Plastik verpackten Himbeeren. Zwei Drittel muss er entsorgen, weil sie verschimmelt sind.

Den ehrenamtlichen Helfern begegnet jedoch noch häufiger ein anderes Extrem: Eier, Brötchen, Joghurts oder Konserven, die nicht verdorben sind und deren Haltbarkeitsdatum auch nicht abgelaufen ist, werden von den großen Supermärkten aussortiert. Diese Lebensmittel gelten als „Bruchstücke“, weil ihre Verpackungen – zum Teil nur minimal – verbeult oder angekratzt sind. „Als ich 2013 bei der Tafel angefangen habe, musste ich mein Weltbild neu ordnen. Ich hätte nicht gedacht, dass so viel Essen in der Tonne landet“, sagt Bernard.

Wer für die Tafel arbeitet, überdenkt sein Verhältnis zu Lebensmitteln. „Verschwendung ist furchtbar. Ich kaufe nur das, was ich wirklich brauche“, sagt Peter Hasse. Auch Wolfgang Bernard, pensionierter Englisch- und Französischlehrer, geht lieber mehrmals in der Woche einkaufen, ehe er etwas zu Hause in den Müll wirft.

Die beiden Männer trennen auf ihrer Tour gute von schlechter Ware. „Manchmal krabbelt das Gemüse von allein in den Wagen“, scherzt Bernard. Vergammelte Lebensmittel schmeißen die Ehrenamtler noch vor Ort bei den Discountern in die Tonne. Sie sind nicht nur Lebensmittelretter – sondern auch Müllentsorger der Supermärkte.

Stadt unterstützt mit Containern und Grundstück

Nach vier Stunden kehren die beiden mittags zurück zur Norderstedter Tafel. Meistens holen die Helfer das Essen zu dritt bei den Händlern ab. Der Job ist körperlich sehr anstrengend. „Ich bin fix, aber noch nicht fertig“, sagt Wolfgang Bernard und pustet durch. Zig Kisten musste er umpacken sowie ein- und ausladen. Angekommen bei der Tafel endet seine Schicht. Ab dann sortieren Frauen unter der Leitung von Silke Gehrckens (56) und Heike Reineke (69) die Lebensmittel. Wiederum andere fahren das Essen zu den Ausgabestellen nach Ellerau, Langenhorn, Poppenbüttel, Schnelsen, Hummelsbüttel, Henstedt-Ulzburg und Tangstedt. Ab halb drei können sich Bedürftige in Norderstedt mit Lebensmitteln eindecken.

Seit 2002 gibt es die Einrichtung am Schützenwall. Die Stadt schenkte der Tafel zwei Container, die sie übrig hatte, und stellte ihr das Grundstück zur Verfügung. „Ich finde es gut, wenn Städte und Kommunen ihre Tafeln unterstützen“, sagt Ingrid Ernst. Sie teilt nicht die Sorge, sich zu abhängig von öffentlichem Geld zu machen. Die Tafel habe die Container schließlich auf eigene Kosten umgebaut. Das Essen lagert sie unter anderem in zwei Kühlzellen und einem Holzschuppen. „Wir kommen klar. Wir haben den Platz bis zum letzten Meter ausgenutzt“, betont Ingrid Ernst.

Großspenden muss die Tafel allerdings sofort ausgeben oder sich mit anderen Einrichtungen teilen, weil das Lager doch an seine Grenzen stößt. Natürlich gebe es Situationen, in denen sie Hilfe bräuchten, sagt die Vorsitzende. Beispielsweise haben die Norderstedter nur vier Kühlfahrzeuge. An manchen Tagen kommt es vor, dass die Helfer nicht alle Lebensmittel mitnehmen können, weil der Wagen voll ist. Dann geben sie entweder einer anderen Tafel Bescheid oder kommen später wieder. An Herzblut und Einsatzbereitschaft mangelt es den Ehrenamtlern nämlich bestimmt nicht.

Wer sich bei der Tafel engagieren möchte, kann unter norderstedter-tafel.de Kontakt aufnehmen.