Norderstedt
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Insolvenz – die Tanzschule Copa ist offiziell Geschichte

Sechs junge Frauen lassen sich an der „Anna Musci Academie“ ausbilden. Das Projekt haben David Musci und Frau Anna (rosa Jacke) gegründet.

Sechs junge Frauen lassen sich an der „Anna Musci Academie“ ausbilden. Das Projekt haben David Musci und Frau Anna (rosa Jacke) gegründet.

Foto: Annabell Behrmann

Das Insolvenzverfahren gegen das Norderstedt Musicalinstitut ist eröffnet. Die früheren Gesellschafter gründen nun eine neue Akademie.

Norderstedt.  Aus dem Kursraum im ersten Stock des Tanz- und Ballettstudios Musci am Marktplatz in Norderstedt dröhnt laute Musik. Sechs junge Frauen, die sich hier als Tanzpädagoginnen ausbilden lassen, dehnen sich am Boden, tanzen vor dem Spiegel und albern ausgelassen herum. So unbeschwert haben sie die vergangenen Monate nicht erlebt. Denn: Ob die Schülerinnen ihre dreijährige Ausbildung abschließen können, stand lange Zeit in den Sternen. Sie und 13 Musicalschüler sind die Leidtragenden in der Affäre um das Conservatory of Performing Arts Norderstedt (Copa).

Das Copa ist nun auch ganz offiziell Geschichte. Das Insolvenzverfahren wurde eröffnet, der Geschäftsbetrieb eingestellt. Aktuell wird geprüft, wie viel Geld den Gläubigern, zu denen unter anderem die ehemaligen Dozenten gehören, zusteht. Das Verfahren muss die Frage klären, mit welchen Mitteln die Schulden beglichen werden sollen.

Erst Anfang des Jahres wurde das Ausbildungsinstitut für Musical und Tanz mit großen Ambitionen gegründet – das Ehepaar Anna und David Musci ist ebenso wie die Norderstedter Kulturstiftung mit 25.000 Euro als Gesellschafter in das Projekt eingestiegen. Der damalige geschäftsführende Vorstand der Kulturstiftung, Rüdiger George, versprach, sich um die Finanzierung zu kümmern. Er wollte Sponsoren für das Copa begeistern. Bis auf eine monatliche Verwaltungsgebühr in Höhe von 90 Euro sollten die Schüler nichts bezahlen, dafür aber eine erstklassige Ausbildung erhalten. Zu schön, um wahr zu sein, wie sich nach wenigen Monaten herausstellte.

Investor hatte sein Geld nie zugesichert

Das Finanzierungskonzept stand von Anfang an auf wackeligen Beinen. Dass die Schule überhaupt eröffnet wurde, erweist sich heute als fahrlässig. „Persönlich bedauere ich außerordentlich, dass das Projekt Copa zunächst gescheitert ist. Von den Schülern, Lehrern und Initiatoren ist viel Arbeit und Herzblut investiert worden. Leider ist es uns nicht gelungen, die erforderlichen Sponsoren zu akquirieren“, teilte Rüdiger George dem Abendblatt auf Anfrage mit.

Zunächst hieß es, der Rückzug eines ominösen chinesischen Investors sei für das Scheitern des Copa verantwortlich. Inzwischen ist klar: Der Investor hatte sein Geld nie zugesichert. „Wir haben vorab Gespräche mit einer chinesischen Investitionsgesellschaft geführt. Es zeichnete sich schnell ab, dass wir nicht zusammenfinden werden“, sagt David Musci. Von Beginn an sei klar gewesen, dass sich das Projekt ohne chinesischen Sponsor tragen müsse. Ohne die volle Kenntnis über die finanzielle Situation zu haben, stiegen die Muscis trotzdem als Gesellschafter ein.

Seine leeren Zusicherungen könnten George, der im Juni von seinem Amt in der Kulturstiftung zurückgetreten war, nun zum Verhängnis werden. Denn auch er als Privatperson kann für den entstandenen Schaden haftbar gemacht werden. „Das wünsche ich mir nicht für ihn. Er hat sehr viel Herzblut in das Projekt investiert“, sagt Hella Schmitt, Vorsitzende der Kulturstiftung. Einen Nachfolger für Rüdiger George gibt es noch nicht. „Wir haben einen anstrengenden Sommer hinter uns und müssen uns erst einmal neu orientieren.“

Copa-Schulleiterin sammelt Geld für Musicalschüler

Neu orientiert haben sich auch die Muscis. „Wir wollten die Mädels nicht im Stich lassen. Wir konnten einfach nicht akzeptieren, dass junge Menschen auf die Straße gesetzt werden“, sagt David Musci. Also gründete er mit seiner Frau, die bereits eine Tanz- und Ballettschule in Norderstedt leitet, die „Anna Musci Akademie“. Hier setzen die ehemaligen Copa-Schülerinnen seit Oktober ihre angefangene Tanzpädagogik-Ausbildung fort. Mit dem Unterschied: Von nun an müssen sie 470 Euro im Monat zahlen. „Wir haben nach Wegen gesucht, die Ausbildung kostenfrei zu machen. Aber auf dieses Modell verlassen wir uns nicht mehr, wir wollen nicht noch einmal auf die Nase fallen, das war schon schlimm genug“, sagt Anna Musci.

Nach Wochen der Ungewissheit dürfen die angehenden Tanzpädagoginnen ihrem Traum weiter nachgehen. Sie haben endlich Klarheit. Ganz im Gegensatz zu den Schülern, die sich voller Hoffnung in die Ausbildung als Musicaldarsteller am Copa stürzten. Sie stehen nach wie vor auf der Straße, obwohl sie gültige Verträge haben. Sie halten sich mit Jobs über Wasser, nutzen jeden kleinen Gastauftritt. Nach der Pleite des Musical-Instituts standen 13 Schüler vor dem Aus. Acht haben sich am Institut für Musik der Hochschule Osnabrück beworben, vier sind angenommen worden.

Firma aus NRW soll fünfstelligen Betrag zugesichert haben

Simone Voicu-Pohl, ehemalige Leiterin des Copa, möchte den jungen Menschen helfen. „Es ist für mich absolut unmöglich, wie mit diesen Schülern umgegangen wird“, sagt sie. Die Sängerin, Gesangslehrerin und Musical-Fachfrau hat wie die Schüler noch einen gültigen Vertrag mit dem Copa. „Ich will aber auf keinen Fall das Copa weiterführen, ich brauche eine Basis, um die Schüler auszubilden, und dafür bitte ich um Hilfe.“

Voicu-Pohl bittet die Stadt um Räume in der Horst-Embacher-Schule. Einige der bisherigen Dozenten, darunter Choreographen, Sänger und Tänzer, haben ihr bereits signalisiert, dass sie die Schüler gern wieder unterrichten würden. „Ich brauche dringend Sponsoren für die zweieinhalbjährige Ausbildung der Schüler“, sagt Voicu-Pohl. Sie kalkuliert mit 100.000 Euro Ausbildungsgeld für Honorare und um kleine Produktionen realisieren zu können.

Eine Firma aus NRW habe bereits einen fünfstelligen Betrag zugesichert, sagt Voicu-Pohl. Das restliche Geld will die Musical-Expertin in der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zusammenkratzen. Daran scheiterte allerdings schon Rüdiger George. „Ich mache das nicht für mich, es geht mir allein darum, dass diese Schüler endlich wieder eine Perspektive bekommen“, sagt Voicu-Pohl. Im Januar will sie den Betrieb starten.