Norderstedt
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Herzstillstand – Es kommt auf jede Minute an

Tanja Martens vom Deutschen Roten Kreuz erklärt Kursus-Teilnehmer Ralph Wagner die Wiederbelebung mit einer Herz-Lungen-Massage.

Tanja Martens vom Deutschen Roten Kreuz erklärt Kursus-Teilnehmer Ralph Wagner die Wiederbelebung mit einer Herz-Lungen-Massage.

Foto: Burkhard Fuchs

Zu wenige Menschen haben Kenntnisse über Wiederbelebung. Die Lücke können alle beim Tag der Reanimation in der Paracelsus-Klink schließen.

NorderstedT. Über 50.000 Menschen allein in Deutschland erleiden jährlich außerhalb von Krankenhäusern einen Herzstillstand. Nur jeder zehnte Mensch überlebt. Denn schon binnen drei bis fünf Minuten verursacht der Sauerstoffmangel Hirnschäden. Und weil ein Rettungsdienst oft erst in acht bis zehn Minuten eintreffen kann, kommt es oft auf die Ersthelfer an. Beim morgigen weltweiten „Tag der Reanimation“ („World Restart a Heart Day“) sollen Laien über das Einmaleins der Wiederbelebung aufgeklärt werden.

Die Paracelsus-Klinik in Henstedt-Ulzburg lädt für Mittwoch, 16. Oktober, alle Bürger zum Tag der Reanimation ein. Von 15 bis 19 Uhr werden die Besucher im Krankenhaus an der Wilstedter Straße 134 über das „Einmaleins der Wiederbelebung aufgeklärt“, sagt Dr. Matthias Helt, leitender Oberarzt des Hauses. „Wir alle können mit einfachen Mitteln Leben retten.“

Auch in Norderstedt ist das Thema akut. „Ich brenne dafür“, sagt Tanja Martens, die für das Deutsche Rote Kreuz an Wochenenden in Norderstedt, Bad Segeberg, Kaltenkirchen, Henstedt-Ulzburg oder Bad Bramstedt Menschen schult, wie sie sich bei einem Unfall zu Hause, am Arbeitsplatz und im Straßenverkehr verhalten sollten, wenn jemand verletzt worden ist.

„Bei der Ersten Hilfe kann man nichts falsch machen“, sagt sie. Es sei denn, man hilft nicht. Aber dann mache man sich der unterlassenen Hilfeleistung strafbar. Die ehemalige Zeitsoldatin und Altenpflegerin weiß aus vielen Kursen, wie unsicher und hilflos sich viele Menschen im Notfall fühlen. „Was mache ich denn, wenn dem Verletzten die Herz- Lungenmassage wehtut und ihm schadet?“, sei eine der häufigsten Fragen. Ihre Antwort: „Sie können nichts falsch machen. Wenn der Patient bei Bewusstsein wäre, würde er sofort aufspringen und sich wundern, was Sie da machen, weil diese Massage im Normalzustand wehtun würde.“

Die erfahrene Sanitätsfachfrau rät allen, die helfen wollen, als erstes offensichtliche Gefahren zu beseitigen, die Unfallstelle abzusichern und die Verletzten in Sicherheit zu bringen. Stromquellen sollten abgestellt, Maschinen gestoppt, Blutungen möglichst gestillt und Atemwege freigemacht werden, während der Rettungsdienst alarmiert wird.

Zudem sollten die Verletzten möglichst in eine stabile Seitenlage gebracht und, wenn nötig, mit einer Herzlungenbeatmung wiederbelebt werden. „30 – zwei sei da die Zauberformel“, erklärt Tanja Martens. 30-Mal sollte der Ersthelfer hintereinander im Herz-Rhythmus auf die Bauchdecke und Lunge des Patienten drücken und dann zweimal Mund-zu-Mund-Beatmung machen, wobei der Kopf des Verletzten nach hinten gedehnt sein sollte. Martens: „Nur wenn die Atmung und das Bewusstsein beim Verletzten ausgesetzt haben, ist die Herz-Lungen-Massage unumgänglich.“ Atme der Patient normal, würde es zunächst ausreichen, ihn in eine stabile Seitenlage zu bringen, bis der Rettungsdienst eintrifft.

Die meisten Ersthelfer-Kurse belegen Führerscheinanwärter

Und was ist bei einem Motorradfahrer, der verletzt auf der Straße liegt? „Das mit dem Helm ist auch so ein Mythos“, sagt Tanja Martens. Bis heute halte sich die Mär, dem verletzten Biker bloß nicht den Schutzhelm abzunehmen. Doch das sei völlig falsch. Im Gegenteil. Nur wenn der Kopf des Verletzten sich bewegen lasse, könne er vernünftig beatmet werden. Und um die Atmung prüfen zu können, muss er sowieso runter. Also immer Helm ab, rät die Expertin.

Die meisten Ersthelfer-Ausbildungen belegen heute immer noch Prüflinge, die den Führerschein machen wollen und dafür einen Ganztageskursus absolvieren müssen. Aber auch immer mehr ältere Menschen kämen, weil sie sich unsicher fühlten, so Martens. Ebenso wüssten viele Mütter und Väter oft nicht, wie sie sich im Notfall verhalten sollten, wenn ihr Kind die Treppe hinuntergestürzt ist oder sich anderweitig zu Hause schwer verletzt hat.

Auch viele Firmen und Berufsgenossenschaften legen zunehmend Wert auf den sicheren Arbeitsschutz. So wie bei Ralph Wagner aus Norderstedt, der als Industriekletterer hohe und gefährliche Wände zu überwinden hat. „Ich muss aus Sicherheitsgründen alle zwei Jahre den Erste-Hilfe-Kursus wiederholen. Das ist auch gut so, um sich wirklich jederzeit sicher zu fühlen“, sagt er. Denn manches Gelernte gehe im Laufe der Zeit wieder verloren. „Alle drei bis vier Jahre sollte man den Erste-Hilfe-Kursus wiederholen oder auffrischen“, rät Martens.