Norderstedt
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„Berater von Schwangeren werden nicht angemessen bezahlt!“

Wenn sich schwangere Frauen mit der Entscheidung für oder gegen ein Kind schwer tun, hilft die Konfliktberatung weiter.

Wenn sich schwangere Frauen mit der Entscheidung für oder gegen ein Kind schwer tun, hilft die Konfliktberatung weiter.

Foto: Felix Heyder / dpa

Sie helfen Frauen bei der vielleicht wichtigsten Entscheidung ihres Lebens. Nun fordern sie vom Land mehr Geld für die Beraterinnen.

Wir sind mit besonders schwierigen Situationen konfrontiert. Wenn jemand hier zur Tür reinkommt, wissen wir nicht, was auf uns zukommt“, sagt Sabine Kühl. Seit acht Jahren ist sie Leiterin der pro familia Beratungsstelle in Norderstedt. Die Aufgaben, die die Beraterinnen hier erfüllen, sind mit hohen Ansprüchen und einer großen Portion Verantwortung verbunden.

Und deswegen wollen sie mehr Geld verdienen: Die freien Träger der Schwangerschaftskonfliktberatung, zu denen die Awo, der Paritätische Wohlfahrtsverband und pro familia gehören, fordern eine bessere Bezahlung für ihre Beraterstellen. Das Sozialministerium Schleswig-Holstein hat den Antrag aber abgelehnt. Hinzu kommt ein weiteres, viel größeres Problem: Das Land kommt eigentlich zu 80 Prozent für die Kosten der Beraterstellen auf, hängt jedoch seit Jahren mit einer angemessenen Zahlung zurück. „Wir haben ein persönliches Schreiben an das Ministerium verfasst, aber noch keine Antwort“, sagt Reiner Johannsen, Geschäftsführer von pro familia Schleswig-Holstein. „Wir hoffen auf eine Lösung, prüfen jedoch auch rechtliche Schritte.“

Schwangerschaftskonfliktberatung gesetzlich als Pflichtleistung verankert

Die Schwangerschaftskonfliktberatung ist gesetzlich als Pflichtleistung verankert. Sie beinhaltet die Beratung aller Schwangeren, unabhängig davon, ob sie ihr Kind behalten wollen oder nicht. Sie muss von den Bundesländern angeboten werden. Schleswig-Holstein hat diese Aufgabe an verschiedene Einrichtungen vergeben, deren Beratungsstellen im Umkehrschluss finanziell unterstützt werden.

Dass das Land dem seit Jahren nicht nachkommt, liegt an der Personalkostentabelle: Anhand der Tabelle wird die Höhe der Bezahlung berechnet. Grundlage sind die Gehälter aller Angestellten des Landes einer Gehaltsstufe im Durchschnitt eines Jahres. Wenn jedoch sehr viele junge Mitarbeiter eingestellt werden oder andere mit hohen Gehältern in Rente gehen, entsteht ein Durchschnitt, der von der aktuellen Tarifentwicklung entkoppelt ist.

Konfliktberater fordern höhere Gehälter

„Damit hinkt die Bezahlung der Beraterinnen stetig hinterher, so dass das Land seit Jahren der gesetzlich verankerten Förderung von 80 Prozent nicht mehr nachkommt“, kritisiert Johannsen. „Wir können keine Tariferhöhungen zahlen.“ Anfang des Jahres waren es drei Prozent, im nächsten Jahr sollen noch mal drei Prozent folgen. „Eigentlich sind wir in der Pflicht als Arbeitgeber.“ Eine finanzielle Planung für das nächste Jahr ist ebenfalls nicht möglich: Die Tabelle für das kommende Jahr wird im Dezember veröffentlicht. Wer also wissen will, was er im Januar verdient, erfährt es einen Monat vorher.

Eine weitere Forderung ist die Erhöhung der Gehälter: Die Arbeit der Beraterinnen wurde tariflich in die Gehaltsstufe E9a eingestuft. Das entspricht etwa 3000 Euro brutto im Monat. Je nach Qualifikation oder Erfahrung wird mehr gezahlt. „Das ist im Hinblick auf die Arbeit in den Beratungsstellen unangemessen – vor allem im Verhältnis mit anderen, vergleichbaren Tätigkeiten“, so Johannsen.

Dass das keine angemessene Bezahlung ist, findet auch Sabine Kühl in Norderstedt: „An anderen Stellen wie dem Jugendamt wird schon viel besser bezahlt.“ Dabei hätten die Beraterinnen meistens einen Diplomabschluss, machten laufend Zusatzqualifikationen und blieben der Beratung über Jahrzehnte treu. „Langfristig sollte E10 zugrunde gelegt werden“, sagt Kühl. Diese Gehaltsstufe beginnt erst bei 3300 Euro und geht bis zu 4700 Euro brutto hoch.

2,36 Stellen werden vom Land finanziert

Stefan Weber, Landtagsabgeordneter der SPD, sieht die Gefahr, dass es zu Jobwechseln kommt aufgrund besserer Vergütungen an anderen Stellen. „Hier sollte das Land nicht am falschen Ende sparen. Ich erwarte vom Sozialministerium, dass es sich mit dem Träger über Möglichkeiten der Gleichbehandlung von Beratungstätigkeiten auseinandersetzt, um einen gemeinsamen Weg für eine angemessenen Entlohnung zu finden“, sagt Weber. Aktuell sieht Sabine Kühl in Norderstedt dafür noch keine Gefahr, weil alle Beraterinnen mit zu viel Herz und Engagement dabei sind. „Doch die Beratungen werden nicht angemessen bezahlt“, sagt Kühl. 60 Beratungsstunden sind in Norderstedt auf mehrere Köpfe verteilt, viele der Stellen bei pro familia sind auf mehrere Beraterinnen verteilt, die nicht Vollzeit arbeiten.

Im Kreis Segeberg werden 2,36 Stellen vom Land finanziert, allerdings erhält pro familia zusätzliche Förderungen durch den Kreis Segeberg, die Stadt Norderstedt und die Gemeinde Henstedt-Ulzburg, so dass es mehr Mitarbeiterinnen gibt. Die Stellen kosten das Land rund 167.000 Euro, für ganz Schleswig-Holstein beläuft sich die Pauschale auf knapp 3,6 Millionen Euro.

Auch Katja Rathje-Hoffmann aus der Landtagsfraktion der CDU kann die Forderung nach einer angemessenen Bezahlung nachvollziehen. „Aktuell arbeiten wir an einer fairen Lösung des sich anbahnenden Konflikts“, sagt Rathje-Hoffmann. Das bestätigt auch das Finanzministerium Schleswig-Holstein. „Die Prüfung einer möglichen Veränderung der bestehenden Bewertung ist noch nicht abgeschlossen“, so ein Sprecher. Dass sich die Verhandlungen um eine höhere Eingruppierung über zwei oder drei Jahr hinziehen kann, weiß auch Johannsen.

Hier gibt es Hilfe: Pro familia hat im Kreis Segeberg fünf Anlaufstellen, in denen Schwangerschaftskonfliktberatungen angeboten werden. Doch nur in Norderstedt und Bad Segeberg befinden sich Beratungsstellen. In Bornhöved, Kaltenkirchen und Bad Bramstedt finden die Beratungen durch pro familia-Mitarbeiter zu bestimmten Zeiten in anderen sozialen Einrichtungen statt. Hier können sich schwangere Frauen Hilfe holen: pro familia Bad Segeberg, Schillerstraße 14a, Telefon 04551/94 8 91 pro familia Norderstedt Kielortring 51, Telefon: 040/522 85 78. Beratungstermine in Bornhöved werden in Bad Segeberg vergeben, die für Kaltenkirchen in Norderstedt und die für Bad Bramstedt in Neumünster (Telefon 04321 252 71 90). Online sind Öffnungszeiten, E-Mail-Adressen, Telefonsprechstunden und alle weiteren Informationen leicht zu finden: www.profamilia.de.