Norderstedt
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Faszination Briefmarke – Nostalgie und Leidenschaft

Seitdem er acht Jahre alt ist, sammelt Thomas Kaufhold Briefmarken. Inzwischen ist er Vorsitzender der Briefmarkenfreunde Norderstedt.

Seitdem er acht Jahre alt ist, sammelt Thomas Kaufhold Briefmarken. Inzwischen ist er Vorsitzender der Briefmarkenfreunde Norderstedt.

Foto: Annabell Behrmann

Zweimal im Jahr veranstalten die Briefmarkenfreunde Norderstedt und Umgebung eine Tauschbörse im Rathaus. Anzahl der Mitglieder sinkt.

Norderstedt.  Monika Behmer presst ihre Lippen fest aufeinander. Wie eine Ärztin, die ihrem Patienten im Operationssaal gerade die Mandeln entfernt, zieht sie mit einer Pinzette eine Briefmarke aus dem Album. Vorsichtig und mit viel Feingefühl geht sie vor. Die 69-Jährige ist eine Exotin unter den Briefmarkensammlern. Denn: Sie ist weiblich. Beim Großtausch in der Rathausgalerie ist sie am Sonntag eine von zwei anwesenden Frauen. Ansonsten scheinen die kleinen, gezackten Kunstwerke mehr Männer zu faszinieren.

„Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Vielleicht, weil Briefmarken nichts mit Handarbeit zu tun haben“, sagt Behmer und zuckt mit den Schultern. Allein unter Männern zu sein, habe aber auch Vorteile, sagt sie. „Sie sind alle besonders nett zu mir.“ Organisiert wird die Tauschbörse zweimal im Jahr von den Briefmarkenfreunden Norderstedt und Umgebung. Der Verein wurde im Mai 1983 von 17 Philatelisten gegründet. Um die 80 Mitglieder zählte er um die Jahrtausendwende. Inzwischen sind es nur noch 40, darunter zwei Frauen.

Rolf Pfendt hat Weihnachten 1945 seine Liebe zu Briefmarken entdeckt. Damals schenkte ihm seine Mutter einen Satz Thüringer Marken, den Grundstock seines heutigen Bestands. Seit mehr als 70 Jahren sammelt der 88-Jährige nun schon Briefmarken, bei ihm zu Hause in Garstedt füllen sie zwei große Schränke. „Das Hobby ist sehr lehrreich. Wer Briefmarken sammelt, bekommt ein gutes Allgemeinwissen“, sagt Pfendt. Bis vor einiger Zeit hat der Rentner noch die Jugendgruppe des Vereins betreut – bis sie sich endgültig aufgelöst hat. „Spätestens mit dem Abitur hören Jugendliche auf zu sammeln. Briefmarken sind nicht mehr angesagt, Smartphones sind viel interessanter“, sagt Pfendt. 15 Teenager hat der Philatelist mal im Verein betreut, am Ende waren es nur noch vier. „Das ist sehr schade. Es ist schwer, Nachwuchs für Briefmarken zu begeistern.“

Die junge Generation kommt heutzutage kaum noch in Berührung mit den bunten Marken, weil immer weniger Briefe verschickt werden. 2006 stellte die Deutsche Post rund 70 Millionen Briefe täglich zu, heute sind es nur noch 57 Millionen. Hinzu kommt: Die Menschen nutzen immer weniger ursprüngliche Briefmarken, wenn sie Post verschicken, sondern drucken zu Hause Internetmarken mit QR-Codes aus. Die Briefmarke ist ein Auslaufmodell – heute wird gedruckt statt geleckt.

„Als ich jung war, klebten auf der Post viele verschiedene Briefmarken. Der Kontakt war noch da“, sagt Thomas Kaufhold, der Vorsitzende der Briefmarkenfreunde. Der 64-Jährige, der kurz vor der Rente steht, hat im Alter von acht Jahren angefangen, die Postwertzeichen zu sammeln. Damals hat er von einem Freund zum Geburtstag ein Album geschenkt bekommen. Seitdem ist er infiziert. „Wer einmal angefangen hat, bleibt bei seinem Hobby.“

Kaufhold verkauft auf den Börsen im Rathaus die Briefmarkenbestände von Verstorbenen. Die oft ahnungslosen Hinterbliebenen wenden sich an den Verein und bitten ihn um Hilfe. „Mir macht das Spaß. Und wir wollen verhindern, dass Erben und Witwen von Händlern übers Ohr gehauen werden“, sagt er. Kaufhold selbst hat sich auf drei Motive spezialisiert: Leuchttürme, Kirchenorgeln und den Maler Friedensreich Hundertwasser. „Ich kann kaum noch zählen, wie viele Marken ich habe. Aber Lücken gibt es immer.“

Die Briefmarkenfreunde treffen sich immer montags

Monika Behmer geht zweimal im Monat zu Tauschbörsen, um ihre Lücken zu füllen. Sie sammelt DDR- und Berlin-Bilder. Fast 3500 Briefmarken beschäftigen sich mit der Deutschen Demokratischen Republik – rund 40 Marken fehlen Behmer noch. „Briefmarken machen schlau. Ich habe viel über Länder gelernt, von denen ich vorher noch nie etwas gehört habe“, sagt sie und behauptet: „Ich würde vermutlich in jedem Quiz gut abschneiden.“

Eine Briefmarkenbörse zu besuchen, hat inzwischen etwas Nostalgisches. An den Tischen sitzen Philatelisten und durchstöbern teils stundenlang die Sammlungen anderer Gleichgesinnter. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Genau genommen verkörpert das Hobby mit dem etwas angestaubtem Image also das, wonach viele Menschen in der schnelllebigen Welt suchen: Entschleunigung.

Die Briefmarkenfreunde Norderstedt und Umgebung treffen sich jedenfalls immer montags von 17.30 Uhr an im Rathaus im Raum K 201 – und freuen sich über Zuwachs. Kaufhold: „Es ist eine tolle Gruppe. Die Menschen tauschen untereinander ihre Briefmarken. Manche kommen aber auch nur zum Klönen.“