Norderstedt
Kreis Segeberg

Neue Allianz will ärztliche Versorgung sicherstellen

Blumen für die neue Ärztin: Max Diedrich und Alexander Müller (Physiopraxis), Hanno Krause, Dr. Liliana Rawinski sowie Dr. Reza Rahimi und Dr. Caroline Lüders.

Blumen für die neue Ärztin: Max Diedrich und Alexander Müller (Physiopraxis), Hanno Krause, Dr. Liliana Rawinski sowie Dr. Reza Rahimi und Dr. Caroline Lüders.

Foto: Stadt Kaltenkirchen

Kreis Segeberg investiert Millionen, Stadt Kaltenkirchen lockt mit Prämien. Gero Storjohann (CDU) will Modellregion einrichten.

Kreis Segeberg.  Ärztemangel und Patientenstopp – die medizinische Versorgung im Kreis Segeberg ist in Gefahr. Eine Situation, die bei Politikern und der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) inzwischen so viel Druck erzeugt hat, dass sie gegensteuern. Mit einem Millionen schweren Paket will der Kreis Segeberg junge Mediziner ins Kreisgebiet locken. Der Segeberger CDU-Bundestagsabgeordnete Gero Storjohann will seinen Parteifreund, Gesundheitsminister Jens Spahn, dazu bringen, die Region zum Modellgebiet für eine bessere Zusammenarbeit zwischen Kliniken und niedergelassenen Ärzten zu erklären. Und die KVSH hat einen Strukturfonds mit 3,2 Millionen Euro aufgelegt, um die ärztliche Versorgung im Norden zu sichern.

Die Stadt Kaltenkirchen lockt mit Prämien: Lässt sich ein Arzt nieder, bekommt er 10.000 Euro – ein erfolgreiches Angebot. Bürgermeister Hanno Krause hat den ersten Förderbescheid an Dr. Liliana Rawinski übergeben. Die Fachärztin für Onkologie und Hämatologie wird im Januar 2020 ihre Arbeit in der Werner-von-Siemens-Straße 22a aufnehmen, wo sie Praxisräume im Neubau des Chirurgen Dr. Reza Rahimi anmietet. „Mit Dr. Rawinski verbessert sich die fachärztliche Versorgung in der Stadt“, sagte Krause, der zusammen mit Wirtschaftsförderin Ann-Kristin Meisterjahn auch gleich die nächsten 10.000 Euro vergab: Mareen Reimann hat zum 1. Oktober den Arztsitz des verstorbenen Dr. Wieczorreck übernommen. Die Fachärztin für Allgemeinmedizin praktiziert in den Behandlungsräumen an der Holstenstraße 2.

„Aus dem gesamten Kreisgebiet gibt es Beschwerden über fehlende Ärzte“, sagt Rosemarie Jahn (FDP), Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Kreis Segeberg. 2014 habe es kreisweit 97 Praxen mit hausärztlicher Versorgung und 166 praktizierende Hausärzte gegeben. Bis 2030, so hatte die Arbeitsgruppe „Kreis Segeberg 2030“ ermittelt, gehe die Hälfte in den Ruhestand. „Momentan haben wir noch ausreichend Ärzte. Doch auch in Norderstedt werden viele Kollegen ihre Praxen aus Altersgründen in den nächsten Jahren aufgeben. Und dann könnte es schwierig werden, die Lücken zu schließen“, sagt Dr. Fabian Paul, Sprecher des Haus- und Facharztnetzes Nord.

Zuschüsse für junge Ärzte, die nach der Ausbildung bleiben

Junge Mediziner wollten lieber in Hamburg arbeiten. Und: Nach Studium und Facharztausbildung ist oft wenig Lust auf eine eigene Praxis vorhanden. Zu viel Verantwortung, zu viele Bürokratie, zu viel Arbeit, zu wenig Zeit für Familie, Freizeit und die „work-life-balance“ – Nachfolger für die klassische Einzelarztpraxis zu finden, ist schwer.

Mit drei Maßnahmen, die der Kreistag einstimmig beschlossen hat, will der Kreis nun junge Ärzte anlocken: Für 80.000 Euro im Jahr soll ein Koordinator den Kontakt zwischen Kliniken, Ärzten und Kommunen herstellen, den Städten und Gemeinden dabei helfen, Lösungen für eine ausreichende medizinische Versorgung zu finden, beispielsweise Medizinische Versorgungszentren aufzubauen. Bezuschussen will der Kreis junge Mediziner, die sich zu Fachärzten für Allgemeinmedizin weiterbilden. Neben dem Zuschuss für die Weiterbildung gewährt der Kreis denjenigen einen Wohnkostenzuschuss von 300 Euro pro Monat, die im Kreis wohnen und anschließend nicht wegziehen. Drei Jahre lang können je fünf Jungmediziner in das Förderprogramm einsteigen. Die Zuschüsse belaufen sich, je nach Variante, auf 304.800 bis 372.000 Euro pro Jahr.

Dritter Förder-Baustein ist die Weiterbildung von Medizinischen Fachangestellten (Arzthelferinnen) zu Nichtärztlichen Praxisassistenten (NäPa). 20 NäPas sollen die Ärzte in den rund 150 Praxen im Kreisgebiet entlasten, die Patienten zu Hause besuchen, Blut abnehmen, Blutdruck messen oder Verbände wechseln. Dafür kalkuliert der Kreis für das kommende Jahr 52.500 Euro.

Die KVSH will 3,2 Millionen Euro in die ärztliche Versorgung im nördlichsten Bundesland investieren. „Rund ein Drittel der 1985 Hausärzte in Schleswig-Holstein ist 60 Jahre oder älter und wird in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen“, sagt Marco Dethlefsen, Sprecher der KVSH. Da vor allem Einzelpraxen abgegeben würden, will die KVSH eine Alternative für die ländlichen Räume etablieren: die Teampraxen. In einer solchen Praxis arbeiten mindestens drei bis fünf Hausärzte zusammen, fachärztliche Kompetenz zögen sie durch Zweigpraxen oder Videosprechstunden hinzu. Die Teampraxis soll einen Radius von 10 bis 15 Kilometern abdecken. Die KVSH will den Aufbau einer Teampraxis mit mindestens rund 100.000 Euro fördern.

Wie der Kreis Segeberg setzt auch die KVSH auf das NäPa-Modell. Die KVSH will die Kosten für die Weiterbildung übernehmen. Wenn Ärzte sich in einem förderfähigen Gebiet selbstständig machen, beteilige sich die KVSH mit maximal 10.000 Euro an den Umzugskosten. Außerdem übernehme die KVSH Kinderbetreuungskosten in Höhe von 400 Euro pro Monat, wenn dadurch die ärztliche Tätigkeit in Vollzeit ermöglicht wird. Der Strukturfonds sieht weitere Fördermaßnahmen vor.

„Wir wollen die Mauer überwinden, die zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern durch verschiedene Abrechnungssysteme besteht“, sagt der Segeberger CDU-Bundestagsabgeordnete Storjohann. Er hat mit Politikern und hochrangigen Vertretern der Paracelsus-Klinik in Henstedt-Ulzburg darüber diskutiert, wie sich die ärztliche Versorgung in der Region verbessern lässt. „Die Klinik verfügt über moderne und teure Geräte, die bisher nur stationär genutzt werden. Wenn sie auch ambulanten Patienten zur Verfügung stünden, würden beide Seiten davon profitieren“, sagt Storjohann. Dafür müssten die Abrechnungssysteme harmonisiert werden. Der Abbau von Schranken könne modellhaft in der Region erprobt werden. Storjohann will das Projekt Gesundheitsminister Spahn vorschlagen.