Kaltenkirchen

Ein wichtiges Dokument der NS-Zeit entdeckt

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Diese unscheinbare Dokument, wurde vom KZ-Häftling Sergiusz Jaskiewicz unter Lebensgefahr angefertigt. 663 Namen kopierte er in das Büchlein.

Diese unscheinbare Dokument, wurde vom KZ-Häftling Sergiusz Jaskiewicz unter Lebensgefahr angefertigt. 663 Namen kopierte er in das Büchlein.

Foto: Linde-Lembke / Heike Linde-Lembke

Das von einem Häftling heimlich kopierte Lagerschreiberbuch des KZ-Außenlagers Springhirsch in Kaltenkirchen wurde im polnischen Lodz gefunden.

Kaltenkirchen.  Das Lagerschreiberbuch kam per Post. In einem einfachen Briefumschlag, ohne Einschreiben, ohne jegliche Sicherung vor Verlust. Dafür mit einem handschriftlichen Begleitbrief von einem Herrn Zrodlak. Für die KZ-Gedenkstätte Springhirsch ist das Lagerschreiberbuch von Sergiusz Jaskiewicz ein wertvolles Dokument aus dem ehemaligen KZ Springhirsch, denn es beinhaltet die Namen von 663 Häftlingen. Mitarbeiter eines Museums in Lodz fanden das unscheinbare Buch in einem Schrank, und Herr Zrodlak schickte es an die KZ-Gedenkstätte Neuengamme, zu der die Gedenkstätte Springhirsch als ehemaliges Außenlager gehört.

„Mit dem Lagerschreiberbuch ist ein äußerlich unscheinbares, aber für unsere Forschung wichtiges Dokument aufgetaucht“, sagte Thomas Käpernick, wissenschaftlicher Mitarbeiter in Neuengamme. „Damit ist das Buch dahin zurückgekommen, wo es während der Nazi-Zeit geschrieben wurde“, sagte Dr. Reimer Möller, Archivar der Gedenkstätte Neuengamme, der das Büchlein zusammen mit Käpernick, mit Gerhard Braas, stellvertretender Vorsitzender des Trägervereins KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen, und dem neuen hauptamtlichen Leiter Marc Czichy vorstellte.

Sergiusz Jaskiewicz war nicht nur Lagerschreiber im KZ Springhirsch. Er war auch polnischer Widerstandskämpfer, sehr gebildet, sprach und schrieb hervorragend Deutsch. Er führte nicht nur das Lagerbuch für die SS, sondern er kopierte für sich auch die Liste der Häftlinge. „Dieses Lagerschreiberbuch ist einer der wenigen Gegenstände, die unmittelbar im KZ Kaltenkirchen entstanden sind und gerettet wurden, denn die SS hat bei Kriegsende alle Dokumente vernichtet“, sagte Käpernick.

Das Büchlein mit der Häftlingsliste schrieb Sergiusz Jaskiewicz „in der Stille der Weihnachtstage 1944“, wie er in einem Brief vom 13. Januar 1976 an Gerhard Hoch vermerkte, der die KZ-Gedenkstätte Springhirsch maßgeblich erforschte. Doch das schwarz eingebundene Heft war Jaskiewicz abhanden gekommen. Was er nicht wusste: Ein ehemaliger Häftling hatte das Buch bei der Räumung des Lagers am 16. April 1945 eingesteckt und später dem Museum in Lodz gegeben.

„Sergiusz Jaskiewicz war ein bunter Hund,“ sagte Thomas Käpernick. Der polnische Sozialist suchte immer wieder Kontakt über Grenzen hinweg. Im KZ Neuengamme hielt er für deutsche politische Häftlinge die Verbindung zum polnischen Widerstand. Das brachte ihm die Strafkompanie ein, durch die er ins im August 1944 gegründete KZ-Außenlager Kaltenkirchen-Springhirsch kam.

Nach Kriegsende war Jaskiewicz polnischer Repräsentant in der Amicale Internationale de Neuengamme (AIN) und nahm in dieser Funktion 1965 an der Einweihung des Mahnmals in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme teil. Dort traf er den kommunistischen Journalisten Franz Ahrens. Gemeinsam begaben sie sich auf Spurensuche des KZ Kaltenkirchen-Springhirsch. 1977 lud ihn die Historische Arbeitsgruppe um Gerhard Hoch nach Kaltenkirchen ein. Sergiusz Jaskiewicz berichtete, dass er die SS-Häftlingsliste heimlich und unter Lebensgefahr kopiert hatte, das Büchlein aber verlor.

Zu seinem Widerstand gehörte im Übrigen auch die Installation eines Radiolautsprechers, mit dem die Häftlinge den Rundfunk in Kaltenkirchen und Wöbbelin abhören konnten. 1965 hat er den Lautsprecher der Mahn- und Gedenkstätte Wöbbelin überreicht.

„Ich habe sehr viel über Sergiusz Jaskiewicz geforscht, doch weder beim polnischen Verband der AIN noch in der Gedenkstätte Wöbbelin noch bei Sergiusz Jaskiewicz’ Tochter stieß ich bisher auf die Sammlung, die Jaskiewicz als zeitlebens Engagierter angelegt haben musste“, sagte Käpernick. Daher sei das jetzt entdeckte Büchlein von unschätzbarem Wert für die Forschung.

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