Norderstedt
Drogenprävention

22.000 Euro für umstrittenes Projekt in Norderstedt

Szene aus dem „Revolution Train“: Schüler stehen in der inszenierten Behausung eines Drogenabhängigen.

Szene aus dem „Revolution Train“: Schüler stehen in der inszenierten Behausung eines Drogenabhängigen.

Foto: STIFTUNGSFONDS NEUES TSCHECHIEN

Die Norderstedter Politik hat die finanzielle Unterstützung eines Projektes in der Drogen-Prävention beschlossen.

Norderstedt.  Jürgen Banse ist ein ehemaliger Kriminalbeamter und seit Jahrzehnten in der Präventionsarbeit aktiv, etwa im Kriminalpräventiven Rat der Stadt Norderstedt (KPR). Der Schutz der Kinder und Jugendlichen ist seine Mission. „Was die Erwachsenen machen, kann mir egal sein“, sagt Banse. Wenn er hingegen erlebe, dass der Drogenmissbrauch unter Jugendlichen banalisiert werde, wenn er sehe, wie die Zahlen der jungen Drogen-Konsumenten stiegen und der jüngste Drogentote in Schleswig-Holstein 2018 gerade 14 Jahre alt war, weil er zu viel MDMA in Form einer Ecstasy-Pille eingeworfen hatte – dann gerät Banse in Rage. „Ich kann diese Zahlen nicht ertragen. Wir müssen neue Formen der Ansprache der Jugendlichen in der Drogenprävention finden. Sie hören uns sonst nicht mehr zu.“

Im Jugendhilfeausschuss hat Banse entsprechend leidenschaftlich dafür gekämpft, dass der tschechische „Revolution Train“ 2020 nach Norderstedt rollt. Der Zug ist eine Art Drogenpräventions-Show, das Innenleben seiner Waggons besteht aus filmreif inszenierten Kulissen, die von der grausamen Kehrseite des Alkohol- und Drogenmissbrauchs erzählen und Kinder und Jugendliche überzeugen soll, die Hände von Schnaps, Cannabis oder Amphetaminen zu lassen. Banse wurde in seinem Werben für den Zug von der Leiterin des Norderstedter Jugendamtes, Ulrike Bültner, unterstützt. Mit Erfolg: Der Ausschuss billigte das Anliegen und stellte die Weichen dafür, dass der Zug rollt. 45.000 Euro sind nötig, damit er aus Tschechien nach Norderstedt fahren kann. Zwischen dem 4. und 11. Mai 2020 soll der Zug dann auf dem derzeit toten Ende des Industriegleises am nördlichen Ausgang des Stadtparkes am Moorweg zu Stehen kommen und dort Schüler aus Norderstedt und Henstedt-Ulzburg aufklären und aufrütteln.

25.000 Euro Spenden müssen noch gesammelt werden

Die Stadt wird sich mit 12.000 Euro an den Kosten beteiligen, weitere 10.000 Euro sollen für die Nachbereitung des Themas 2021 ausgegeben werden. 8000 Euro kommen von der Henstedt-Ulzburger Verwaltung. „Und der KPR und der Förderverein offene Jugendarbeit Norderstedt wollen durch gezieltes Fundraising die übrigen 25.000 Euro an Spenden auftreiben“, sagt Banse. Und das ist die Achillesferse des Projektes. Wenn nicht genügend Spenden zusammenkommen, scheitert das Projekt. Und es gibt nicht wenige Kritiker, die genau das gerne sehen würden.

„Ich hätte nie gedacht, dass wir so viel Gegenwind bekommen“, sagt Jürgen Schlichting. Der Polizist ist Verkehrslehrer und Präventionsbeamter der Polizeidirektion Bad Segeberg. Seit eineinhalb Jahren kämpft er für den „Revolution Train“ im Kreis Segeberg und war schon oft kurz vor der Aufgabe.

Denn das Projekt stößt weder bei dem Innen- und Sozialministerium in Kiel noch bei den etablierten Institutionen der Drogenprävention in Schleswig-Holstein auf Gegenliebe. Schlichting wurde quasi verboten, als Polizeibeamter das Projekt zu befördern. Deswegen macht er es jetzt als Vertreter der Verkehrswacht des Kreises Segeberg. „Weil ich total davon überzeugt bin. Und weil ich weiß, dass seit Jahren die Probleme mit Drogen bei Jugendlichen zunehmen und die gängige Drogenprävention die jungen Leute nicht mehr erreicht.“ Die Urteile der Präventionsfachleute, etwa beim Sozialministerium, fallen eindeutig ablehnend aus. Der Zug arbeite mit Abschreckung und veralteten Schock-Klischees, er sei viel zu teuer und habe keinerlei nachhaltigen Effekt in der Drogenprävention.

Schlichting hingegen kann nicht verstehen, warum das innovative Projekt derart torpediert werde. „Wir müssen verstehen, dass wir in der Prävention zusammenarbeiten müssen – der Zug alleine hätte keinen Effekt ohne eine Einbindung in die Präventionsarbeit vor Ort oder den Unterricht in den Schulen.“ Deswegen sei die ATS Suchtberatung in Norderstedt dabei und deswegen stünden 10.000 Euro für Projekte in den Schulen nach der Zugabfahrt bereit.

Ein Stadtvertreter der CDU verweigerte die Zustimmung und forderte eine Diskussion

Im Norderstedter Jugendhilfeausschuss stimmte Stadtvertreter Patrick Pender (CDU) gegen das Projekt. „Nicht, weil ich grundsätzlich gegen Drogenprävention bin. Sondern weil ich die vielen negativen Einschätzungen der Experten zu dem Zug kenne und mich frage, ob er das richtige Instrument ist.“ Pender vermisste eine tiefgreifende politische Diskussion im Ausschuss über das wichtige Thema Prävention. Stattdessen hatte er den Eindruck, ein Projekt werde einfach abgenickt. „Symbolpolitik, mehr nicht.“

Schlichting und Wolfgang Banse hingegen sind sich sicher, dass der „Revolution Train“ rollen wird – nicht nur nach Norderstedt, sondern im Anschluss noch nach Bad Bramstedt und Bad Segeberg. „Der Zug ist nicht abschreckend, er ist beeindruckend. Die Schüler erleben etwas, das Gefühle auslöst. Das bleibt einfach länger im Kopf“, sagt Banse.