Norderstedt
Kreis Segeberg

Warum Schleswig-Holstein fast zur DDR gehört hätte

Nach dem Wettlauf um Wismar grüßen die Kommandeure der Briten und der Roten Armee vorbeireitende Kosaken..

Nach dem Wettlauf um Wismar grüßen die Kommandeure der Briten und der Roten Armee vorbeireitende Kosaken..

Foto: bpk

Peter Schiller aus Kisdorf hat Hinweise entdeckt, dass die Rote Armee im April 1945 am liebsten in den Norden durchmarschiert wäre.

Kisdorf . Der Norderstedter Stadtpark hätte vielleicht den Namen „Park der Arbeiter“ erhalten, die Werften in Hamburg wären möglicherweise als Volkseigener Betrieb Lenin-Werft in die Geschichte eingegangen, und Kiel dürfte sich mit dem Namenszusatz „Stadt der glorreichen Rotbannerflotte“ schmücken. Wenn die Geschichte anders verlaufen wäre und auch Hamburg und Schleswig-Holstein zum Herrschaftsbereich der DDR gehört hätten. Dass diese Variante der historischen Entwicklung gar nicht so utopisch war, wie sie zunächst klingt, könnten die Forschungen des Kisdorfer Peter Schiller belegen. Seine Recherchen haben ergeben, dass gerade einmal vier Stunden darüber entschieden haben, ob der Arbeiter- und Bauernstaat sich bis zur Nordsee erstreckt hätte.

April 1945: Im Osten kämpft die Rote Armee sich immer weiter nach Westen vor, von der anderen Seite erobern die westlichen Alliierten immer größere Teile des von den Nazis beherrschten Deutschen Reichs. Welche Gebiete sich die US-Amerikaner, Briten und Sowjets nach einer Kapitulation sichern wollen, haben sie im Februar 1945 auf der Konferenz in Jalta verabredet.

Der 82-jährige Peter Schiller hat acht Jahre geforscht

Schiller hat jedoch berechtigte Zweifel, dass die vom Diktator Stalin geführte UdSSR sich wirklich daran halten wollte und bei Lübeck den Vormarsch, wie vereinbart, gestoppt hätte. Er glaubt, dass die sowjetischen Truppen die Chance witterten, den Norden Deutschlands und das dänische Jütland zu überrennen – der Norden wäre rot geworden.

Acht Jahre hat sich Peter Schiller mit den Forschungen zu diesem Thema beschäftigt. Der 82 Jahre alte Hobbyhistoriker kennt sich mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs in der Region aus und hat gemeinsam mit dem Arbeitskreis Geschichte im Amt Trave-Land sechs Bücher veröffentlicht. Auch bei Wissenschaftlern gilt er als fleißiger und ernstzunehmender Gesprächspartner. „Die Entstehung der Besatzungszonen in Deutschland am Beispiel der Festlegung der Grenze zwischen Mecklenburg und Schleswig-Holstein“, heißt sein neues, 96 Seiten starkes Werk. „Mein erstes Buch nach wissenschaftlichen Standards“, sagt Schiller stolz. Die Fülle der Literaturhinweise ist beeindruckend. Der Kisdorfer erzählt eine Geschichte, die ein völlig neues Licht auf die Ereignisse bei Kriegsende in der Region werfen könnte. Zeitzeugen haben immer wieder von dem geplanten Durchmarsch gen Westen berichtet, doch Schiller hat ein entscheidendes Dokument entdeckt, das die These belegen könnte.

Die abenteuerliche Geschichte beginnt am 7. April 1945, als der dänische Widerstand einen Agentenbericht der japanischen Botschaft in Stockholm nach Tokio abfängt. Es dauert bis zum 16. April, bis die legendären Dechiffrierspezialisten im britischen Bletchley Park die Nachricht entschlüsselten. Der Inhalt ist so brisant , dass sie sofort an Premierminister Winston Churchill und den US-amerikanischen Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower weitergeleitet wird: Die zweite weißrussische Front der Roten Armee habe geplant, über Wismar nach Kiel und Lübeck vorzustoßen, um Teile von Dänemark zu besetzen.

Diesen Plan beschreibt Schiller in seinem Buch und fährt fort: „Außerdem waren Kommando-Unternehmen über See gegen Kiel und den Nord-Ostsee-Kanal geplant, um die Marine-Einrichtungen zu besetzen.“ Sein Fazit: „Die gesamte Ostsee wäre ein russisches Meer geworden.“ Doch nicht nur das: Die Rote Flotte hätte über eisfreie Häfen und den ungehinderten Zugang zur Nordsee verfügt. Schiller geht davon aus, dass die Sowjets bei der Gelegenheit Hamburg gleich mit erobert hätten.

Schiller hat viele Zitate aus der Literatur und andere Forschungsergebnisse zusammengefügt, die tatsächlich den Schluss nahelegen, dass die sowjetische Besatzungszone und damit die spätere DDR weitaus größer hätten werden können. „Das alles habe ich nicht entdeckt“, sagt Schiller. „Aber ich habe den entscheidenden Funkspruch gefunden.“ Den machte der Kisdorfer in den Archiven des Government Communications Headquarters (GCHQ), zu deutsch: Regierungskommunikationszentrale Großbritanniens, ausfindig. In dieser Lausch- und Geheimdienstzentrale liegen auch die Unterlagen aus Bletchley Park.

Doch wie kam es dazu, dass die Menschen in Hamburg, Schleswig-Holstein und im dänischen Jütland nach dem Zweiten Weltkrieg zur freien Welt gehörten und nicht zur kommunistischen Hemisphäre? Auch das hat Peter Schiller penibel recherchiert und ist dabei auf einen Wettlauf westlicher und östlicher Truppen gestoßen, den die Briten knapp gewannen und damit weite Teile Norddeutschlands vor Stalin und dem Sozialismus bewahrten.

Nachdem Briten und US-Amerikaner die Gefahr erkannt haben, setzen sie schnelle Truppeneinheiten in Richtung Wismar in Marsch. Britische und kanadische Soldaten, darunter viele Fallschirmjäger, erreichen am 2. Mai unter der Führung von Generalfeldmarschall Bernard Montgomery Wismar. Dort steht bereits die Rote Armee mit starken Verbänden. Britische Offiziere berichten, dass ihre Kollegen auf der anderen Seite äußerst erstaunt auf die Ankunft der Truppen ihrer Majestät reagieren.

Montgomerys Truppen machen unmissverständlich klar, dass sie einen Vorstoß aus Richtung Osten in Richtung Schleswig-Holstein nicht dulden werden. Notfalls, so Schiller, hätten die westlichen Alliierten ihre Bomber gegen die Rote Armee eingesetzt. „Damit hätte der Dritte Weltkrieg begonnen, bevor der Zweite beendet gewesen wäre“, sagt Schiller. Er ist sicher, dass Stalin persönlich seinen Kommandeuren befohlen hat, in Wismar die Konfrontation mit den West-Alliierten zu stoppen und nicht weiterzumarschieren.

Am 7. Mai treffen sich in Wismar Montgomery und der sowjetische Marschall Konstantin Rokossowski. Die Pläne für eine sowjetische Invasion über Lübeck in Richtung Norden sind endgültig vom Tisch, am selben Tag akzeptiert Deutschland die bedingungslose Kapitulation.

Mit seiner Arbeit hat Schiller auch renommierte Wissenschaftler beeindruckt. Er sei von der Fülle des Materials beeindruckt, schreibt Martin Sabrow, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam und Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin in einer Mail. Der Wissenschaftler Matthias Uhl von Deutschen Historischen Institut in Moskau schickte ebenfalls eine Mail: „Ich kann Ihnen zu dieser detailreichen Arbeit nur gratulieren.“

Das neue Buch des Kisdorfers kostet 19 Euro

Skeptisch äußerte sich auf Anfrage des Hamburger Abendblatts dagegen der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller, der als Spezialist für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs gilt. Er ist davon überzeugt, dass ein sowjetischer Vorstoß weiter nach Westen wegen der Kämpfe um Berlin und in der Danziger Bucht unmöglich gewesen sei.

Peter Schiller arbeitet indes bereits an seinem nächsten Werk. Er beschäftigt sich mit den vergangenen 200 Jahren der deutschen Geschichte und will versuchen, die langfristigen und durchgängigen Entwicklungen herauszuarbeiten. Jeden Tag arbeitet er drei bis vier Stunden daran. „Meine Zeit ist endlich“, sagte der Rentner. „Ich hoffe, dass das Buch fertig wird.“