Norderstedt
Kreis Segeberg

Ministerium will Lehrer mit Gehaltsbonus aufs Land locken

Eine junge Lehrerin an der Tafel. Wegen des Lehrermangels müssen verstärkt Aushilfspädagogen ohne vollständige Ausbildung eingesetzt werden (Symbolbild).

Eine junge Lehrerin an der Tafel. Wegen des Lehrermangels müssen verstärkt Aushilfspädagogen ohne vollständige Ausbildung eingesetzt werden (Symbolbild).

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Bildungsministerin will jungen Pädagogen mehr zahlen, wenn sie eine Stelle in unbeliebten Regionen annehmen. Experten skeptisch.

Kreis Segeberg. 2240 Kinder besuchen im Kreis Segeberg seit wenigen Tagen die ersten Klassen. Landesweit sind es 22.400. Doch gerade an den Grundschulen in den ländlichen Regionen gibt es nicht genügend Pädagogen, die die Schulanfänger unterrichten. Auch im Hamburger Umland ist es traditionell schwierig, Stellen an den Schulen zu besetzen. Nun möchte Bildungsministerin Karin Prien (CDU) Nachwuchskräfte mit einem Gehaltsbonus dahin locken, wo Pädagogen fehlen. Zum Schuljahresauftakt präsentierte sie den Regionalzuschlag: 250 Euro brutto im Monat extra sollen Referendare in unterversorgte Regionen zusätzlich zum Gehalt bekommen. Und das für die 18 Monate, die die praktische Ausbildung dauert.

„Für 259 Stellen werden noch Lehrkräfte gesucht“, sagte die Ressortchefin zum Schulstart. Die Ministerin geht davon aus, die ausgeschriebenen Stellen überwiegend besetzen zu können. „In den vergangenen Tagen haben wir 50 weitere Lehrerinnen und Lehrer eingestellt“, so Prien. „Wir haben die Weichen für Schleswig-Holsteins Schulen richtig gestellt.“ 153 zusätzliche Stellen habe das Ministerium geschaffen. Die Zahl der Lehrer wächst auf mehr als 28.000.

Dennoch: Zum Schuljahresstart fehlen nach Angaben des Ministeriums noch 95 Pädagogen an Grundschulen. Auch an den Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe (65) und Förderzentren (64) fehlen Lehrkräfte. An den Gymnasien (2) und Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe (8) ist Lehrermangel hingegen eher weniger ein Problem. 25 Stellen sind an Berufsschulen noch unbesetzt. Laut Ministerium ergibt sich eine Unterrichtsversorgung von 101 Prozent an allgemeinbildenden und 97 Prozent an berufsbildenden Schulen.

Der Lehrermangel macht sich nicht nur bei den verschiedenen Schulformen unterschiedlich stark bemerkbar. Auch regional gibt es starke Unterschiede. Besonders die Nordseeküste gilt als unterversorgt. „Basierend auf objektiven Kriterien, wie etwa den Bewerberzahlen der vergangenen Jahre, erarbeiten wir, in welchen Landkreisen wir durch zusätzliche finanzielle Anreize zur Verbesserung der Situation beitragen können“, erklärte Prien das Konzept des Regionalzuschlags. Profitieren sollen Pädagogen im Vorbereitungsdienst (Referendariat). Für welche Regionen genau der Gehaltsbonus gelten wird, steht aber noch nicht fest. Der Start ist für das zweite Halbjahr mit Beginn im Februar 2020 geplant.

Sabine Duggen, Kreisvorsitzende der Lehrer-Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Segeberg, hofft, dass auch Segeberg zu den geförderten Regionen zählen wird: „In den Kreisen Steinburg und Dithmarschen ist die Situation besonders schlecht, doch auch im Hamburger Umland ist die Lage kritisch bis sehr kritisch“. Junge Lehrer ziehe es in die Städte. Flensburg, Kiel oder Hamburg seien mit einem vielfältigen kulturellen Angebot und einem gut ausgebauten Nahverkehrsnetz attraktiver.

Im Hamburger Umland trage zudem die höhere Besoldung junger Pädagogen im Nachbarbundesland dazu bei, die Attraktivität der Hansestadt zu steigern. Das Einstiegsgehalt für Lehrer liegt laut GEW in Hamburg rund 100 Euro über dem in Schleswig-Holstein. „Wir haben intensiv über die Zusatzzahlung diskutiert und sind zu dem Schluss gekommen, dass es einen Versuch wert ist, auch wenn das mit einigen Bauchschmerzen verbunden ist“, sagt Duggen, denn: Die Nachwuchskräfte, die in den Genuss des Zuschlags kommen, leisteten die gleiche Arbeit wie ihre Kollegen, bekämen aber mehr Geld. Es sei abzuwarten, ob mit der Prämie tatsächlich Lücken geschlossen werden können. Im Kreis Segeberg fehlten seit Jahren vor allem Sonderschulpädagogen, aber auch Grundschullehrer.

Das bestätigt Segebergs Schulrat Odert Schwarz: „Hamburg ist da eine starke Konkurrenz“. Daher sei der Kreis Segeberg bisher auch immer im Gespräch gewesen, als es um den Gehaltsbonus ging. Noch allerdings ist nicht entschieden, welche Kreise in den Genuss der Bildungsförderung kommen. Laut Ministerium soll die Entscheidung noch im September fallen. Der Unterricht ist allerdings, so Schwarz, durch den grundsätzlichen Mangel an Pädagogen nicht betroffen. „Es wird im Kreis keine Unterrichtsausfälle geben, aber einige Stellen mussten wir mit Aushilfskräften besetzen“, sagt Segebergs Schulrat.

Als Folge des Mangels an ausgebildeten Pädagogen müssten Aushilfskräfte die Lücken schließen. Landesweit wurden nach Angaben des Ministeriums zum Schuljahr 2019/20 81 „Quereinsteiger“ neu eingestellt. Die fehlende pädagogische Ausbildung vieler Lehrkräfte kritisiert der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Habersaat. Der bildungspolitische Sprecher der sozialdemokratischen Landtagsfraktion, der selbst studierter Gymnasiallehrer ist, sagt: „Im vergangenen Schuljahr waren von landesweit 22.000 Lehrerstellen 882 mit Personen besetzt, die keine vollständige pädagogische Ausbildung besitzen.“ Am stärksten seien die kreisfreien Städte und die vier Hamburger Randkreise, darunter auch Segeberg, betroffen. „Rechnerisch waren mehr als zwei Stellen je Schule mit Vertretungskräften besetzt.“

„Ob der Regionalzuschlag Abhilfe schaffen kann, ist offen“, sagt die Segeberger GEW-Vorsitzende. Es komme darauf an, die Pädagogen auch nach dem Referendariat in den unterbesetzten Regionen zu halten. Sabine Duggen hält die von der Landesregierung beschlossene Anhebung des Gehalts für Grundschullehrer für einen richtigen Schritt, kritisiert aber, dass das Ziel in mehreren Schritten und erst in fünf Jahren erreicht werden solle.