Norderstedt
Schröters Wochenschau

Warum Norderstedt am Rande der Anarchie steht

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt

Foto: Wolfgang Klietz

Die Neugestaltung des Logos und das Machtwort der Oberbürgermeisterin haben in Norderstedt eine Debatte ausgelöst. Jan Schröter beteiligt sich.

Norderstedt.  Sehr bedauerlich. Ich hatte gehofft, mir noch mindestens einige Wochen lang kein anderes Thema für diese Kolumne ausdenken zu müssen als die Neugestaltung des Norderstedter Stadt-Logos. Und was macht Oberbürgermeisterin Roeder? Spricht ein Machtwort und erklärt alle Diskussionen für beendet.

Also gut. „Zusammen. Zukunft. Leben.“. Das sei nun unser Motto. Hätte ja auch wirklich schlimmer kommen können. „Allein. Vergangenheit. Tod.“, zum Beispiel. Oder wenn progressive Sprüchedesigner dem total angesagten Trend gefolgt wären, einfach mal die Vokale wegzulassen: „Zsmmn. Zknft. Lbn.“ Dafür müsste man beim Nachsprechen nicht mal die Kiefer bewegen, falls man wegen des zähen Kantinenschnitzels von gestern noch unter Kaumuskelkater leidet. Frau Roeder hat natürlich nicht Unrecht mit ihrer Einschätzung, die Debatte ums Stadtlogo sei ein klassisches „Sommerlochthema“. Aber bedeutet ihr „Basta“, dass der Sommer unwiderruflich vorbei ist und wir nur noch ernste Themen diskutieren? Da ich schon als Kind meist nicht die Klappe halten konnte, mache ich trotzdem weiter.

Denn OB Roeder hat nicht bloß die Debatte beendet, sondern klargestellt, dass weit mehr entworfen wurde als ein Stadtlogo. Seit 2016 entwickelte die Stadtverwaltung selbstverpflichtende Werte und Inhalte, mithin „eine Identität für das Rathaus“ (Zitat Roeder). Irgendwie erinnert mich das an den Umstand, dass heutzutage jeder Fußballtrainer von der Champions League bis zur Kreisklasse mit einer persönlichen „Philosophie“ aufwarten soll, die es den Spielern zu vermitteln gilt – was mal mehr, mal weniger klappt, weil es beim Fußballspielen nicht immer auf Intelligenz ankommt und noch niemals ein Ball ins Tor gesabbelt wurde. Eine Stadtverwaltung soll möglichst effizient die Dinge erledigen, die Stadtverwaltungen schon immer erledigten. Schafft sie das nicht, gehört sie ausgewechselt, genau wie der Fußballer, der jede Chance versemmelt.

Sachkompetenz sowie höfliche Umgangsformen setze ich beim gesamten Verwaltungsapparat voraus. Wozu also bedarf es einer „Identität für das Rathaus“? Was hat da gefehlt, was wurde versäumt, dass jetzt ganze Arbeitsgruppen drei Jahre lang nachbessern mussten? Folgte die Stadtverwaltung zuvor anderen Werten? Gab es möglicherweise gar keine? Pure Anarchie und keiner hat’s gemerkt? Fragen über Fragen.

Aber der Sommer ist ja noch nicht vorbei.