Norderstedt
Reportage

Abschied vom geliebten Auto – die Schrauber warten

Die Schrauber Ingo Hoth (l.) und Stefan Peters haben es auf die Heckklappen-Dämpfer des Opel Astra abgesehen. 

Die Schrauber Ingo Hoth (l.) und Stefan Peters haben es auf die Heckklappen-Dämpfer des Opel Astra abgesehen. 

Foto: Marc R. Hofmann / HA

Was Kunden bei der Verschrottung ihres Autos empfinden – oder wie sie es davor bewahren wollen. Ein Tag auf dem Schrottplatz.

Norderstedt.  Stumpf reflektiert der türkisgrüne Lack die Sonne, als Ellen Jeschal ihren Opel Corsa an diesem wolkenfreien Tag auf dem Firmengelände am Norderstedter Umspannwerk parkt. „Mir war noch nie so wie bei Kiesow“ steht auf roten Flaggen, die am Eingang des Autoverwerters im Wind wehen. Für den Kleinwagen der Rüsselsheimer Marke war die kurze Fahrt aus Hamburg nach Friedrichsgabe die letzte eines langen Autolebens. 217.000 Kilometer hat der Corsa auf dem Tacho, Probleme mit Achse und Motor sind dem gepflegt wirkenden Opel zum Verhängnis geworden. „Mindestens 1000 Euro würde es kosten, den Wagen noch einmal über den TÜV zu bringen“, sagt Jeschal. Zu viel für das 19 Jahre alte Auto. „Ich kann mich trotzdem nur schweren Herzens von ihm trennen.“ Die 76-Jährige bekommt feuchte Augen. Denn sie gibt hier auch Erinnerungen zur Verschrottung frei. Im Corsa kurvte sie mit dem Enkel beim begleiteten Fahren umher.

Autos werden zerlegt, die noch jahrelang fahren könnten

Für Ellen Jeschal geht heute ein Stück Lebensgeschichte zu Ende. Für Ole Helbach ist der Corsa nur einer von vielen. Im Verantwortungsbereich des Prokuristen und Personalleiters von „Deutschlands größtem Autoverwerter“ warten zurzeit 6000 Fahrzeuge auf ihre Verwertung. Ein großer Teil findet nur wegen der Abwrackprämie im Zuge des Skandals um manipulierte Abgaswerte bei Dieselfahrzeugen seinen Weg nach Norderstedt. „Selbst wenn die Wagen erst vier oder fünf Jahre alt und sonst noch gut in Schuss sind, dürfen wir sie nur noch in Teilen verkaufen“, sagt Hellbach. Nur so bekomme der Kunde eine Prämie bei der Anschaffung eines abgasarmen Neuwagens. Bei Kiesow stehen wenige Jahre alte VW Golf auf dem Schrottplatz, der als Familien- und Campingwagen beliebte Bus T5, aber auch diverse aktuelle Mercedes-Modelle. Zusammen knapp doppelt so viele wie sonst üblich.

„Als Autoliebhaber tut mir das leid. Aber wir verdienen daran“, sagt Helbach. Um die hochwertigen Ersatzteile der Autos zu sichern, stehen sie auf einem mit Bauzaun abgetrennten Sonderbereich des 70 Hektar großen Geländes. Kunden haben hier keinen Zuritt. Grob geht es im Selbstbedienungsbereich zu. Hier stehen die Fahrzeuge in Zweierreihen, nach Marke und Größe sortiert, immer zwei Autos übereinander. Scheiben sind gesplittert, Türen stehen offen oder fehlen ganz, ölige Motorblöcke ragen aus den oft nur noch auf den Achsen liegenden Autos. Der Geruch von altem Öl liegt in der Luft.

Unter den Schraubern in diesem Bereich ist Ingo Hoth aus Gudow. Das Dorf an der ehemaligen innerdeutschen Grenze ist gut 75 Kilometer von Norderstedt entfernt. Trotzdem schwören er und Schrauber-Kollege Stefan Peters auf den Betrieb nördlich von Hamburg. „Wir finden hier eigentlich immer, was wir suchen“, sagt Hoth, während Peters im Kofferraum eines Opel Astra Kombi sitzt und die Dämpfer ausbaut, die die Heckklappe geöffnet halten.

Hier wird ein Wagen zum Organspender für einen anderen, hält ihn so noch eine Zeit am Leben. Das erklärt, warum Opel-Liebhaber Hoth noch nie ein Auto auf den Schrottplatz bringen musste. Seinen Opel Rekord GTE Baujahr 1977 fährt er bereits seit 37 Jahren. Mit viel Geschick und Zeit erhält er die Fahrtüchtigkeit des Oldtimers. „Vermutlich habe ich in den Jahren fast jedes Teil des Autos schon einmal in der Hand gehabt“, sagt Hoth.

Während er Pflegesohn Jan-Erik (13) den Platz zeigt, erzählt Lars Hilge eine traurige Geschichte: „Vor Jahren hatte ein Freund mit meinem Mitsubishi Colt Cabrio einen Unfall, dabei haben fast alle Airbags ausgelöst. Das Auto war leider nicht mehr zu retten.“ Als er wenige Wochen später wieder auf den Schrottplatz kam, um Teile für seinen Volvo zu holen, stand das Cabrio fast komplett ausgeschlachtet auf dem Hof. „Kein schöner Anblick“, sagt der 42-Jährige wehmütig. Ein Schicksal, das er seinem aktuellen Volvo möglichst lange ersparen will.

Der Ansatz gefällt auch Kiesow-Prokurist Ole Helbach. „Für die Umwelt bringt es wahrscheinlich nichts, wenn so viele junge Autos bei uns abgegeben werden.“