Norderstedt
Kreis Segeberg

Versandriese Amazon plant Verteilzentrum in Nützen

In Winsen (Niedersachsen) betreibt Amazon auf 130.000 Quadratmetern ein Verteilzentrum, wie es auch in Nützen entstehen könnte.

In Winsen (Niedersachsen) betreibt Amazon auf 130.000 Quadratmetern ein Verteilzentrum, wie es auch in Nützen entstehen könnte.

Foto: Andreas Laible

Erst Netto und Rewe – jetzt vielleicht der US-amerikanische Online-Versandriese: Region braucht dringend ein umfassendes Verkehrskonzept.

Kreis Segeberg. Es ist nur ein kleiner Vermerk im Protokoll der Gemeindevertretersitzung vom 12. August – doch für Nützen einer mit großer Bedeutung. „Amazon wird sich Anfang September in einer internen Sitzung der Gemeindevertretung einmal vorstellen“, das hat Bürgermeister Klaus Brakel bekannt gegeben. Das ist mehr als nur ein Indiz dafür, dass die Pläne des Online-Handelsunternehmens, an der Autobahn 7 ein neues Verteilzentrum bauen zu wollen, an Tempo aufnehmen. Noch sei nichts entschieden, sagt Brakel auf Nachfrage zwar. Politiker aus Nachbarorten gehen aber längst fest von der Ansiedlung aus.

Die anvisierte Fläche nordöstlich der Kieler Straße ist in Privatbesitz, es gibt bereits den rechtskräftigen Bebauungsplan 4. Brakel: „Wenn eine Baugenehmigung beantragt werden sollte, wird es bei uns durch die Gremien gehen.“ Dazu würde er eine Einwohnerversammlung durchführen. Die Verkehrsbelastung in der Region würde zunehmen, das ist unstrittig. „Der Verkehr käme über die A 7, aber ausgeliefert würde mit Sprintern auch über Kaltenkirchen“, so der Bürgermeister. In Borgstedt (Kreis Rendsburg-Eckernförde), wo in direkter Nähe zur Rader Hochbrücke ein weiteres Verteilzentrum entsteht – das steht bereits fest –, wird mit bis zu 1600 Auslieferfahrten täglich gerechnet. Für Amazon ist ein dichteres Netz von Standorten wichtig, um die „Same Day Deliveries“ ausbauen zu können – morgens bestellt, abends geliefert.

Amazon: bis zu 1600 Auslieferfahrten täglich

Es ist daher kein Zufall, dass große Handelskonzerne explizit im Raum Kaltenkirchen/Henstedt-Ulzburg nach Flächen suchen. Ein weiteres Beispiel ist Netto, das seit Sommer 2018 ein Logistikzentrum am Autobahnzubringer im Gewerbepark Nord (Henstedt-Ulzburg) betreibt. Kürzlich führte Jörn Lehmann, Logistikleiter Nord, Medienvertreter durch das 41.000 Quadratmeter große Gebäude. 163 Filialen werden von dort beliefert, je nach Wochentag arbeiten hier bis zu 300 Personen. „Wir fahren am Tag 120 Touren selber“, so Lehmann, das entspreche 3000 Paletten. 150 bis 160 externe Zulieferer fahren das Lager an, das geschieht weitestgehend über die A 7. „Wir arbeiten rund um die Uhr.“ Die einzige Pause: zwischen Sonnabendmittag und Sonntagfrüh, 3 Uhr. Lkw-Fahrer werden explizit gesucht, dann könnten sogar noch mehr Fahrzeuge eingesetzt werden. „Wir sind nicht komplett ausgelastet, liegen bei einer Kapazität von 70 bis 75 Prozent“, sagt Jörn Lehmann.

Verglichen mit dem, was Rewe wenige Meter weiter plant, ist der Warenumschlag von Netto jedoch sogar relativ gering. Das Kölner Unternehmen will auf 25 Hektar einen Regionalstandort mit Logistik- und Schulungszentrum bauen, perspektivisch sollen hier über 900 Mitarbeiter tätig sein. Das Vorhaben wurde im Frühjahr 2018 politisch beschlossen. Zwischen 800 und 900 Lkw-Bewegungen täglich hat Rewe angekündigt. Über einen städtebaulichen Vertrag haben Verwaltung und Politik erreicht, dass nur diejenigen Touren durch den Ort gehen, mit denen lokale Märkte beliefert werden. Als Ost-West-Verbindung wurde hingegen explizit ein Korridor durch Kisdorf genannt – zu dessen Empörung. Der frühere Bürgermeister Reimer Wisch sprach von „Sittenwidrigkeit“.

Ein Bürger will die Ansiedlung juristisch stoppen. Zwar scheiterte 2017 ein von Henstedt-Ulzburgern initiierter Bürgerentscheid vor dem Verwaltungsgericht, doch jetzt steht eine Normenkontrollklage im Raum. Henstedt-Ulzburg habe, so der Vorwurf, in der Auslegung des Bebauungsplans 146 die Ausgleichsflächen nicht spezifiziert oder grafisch dargestellt. Das wurde erst in der Bekanntmachung des Satzungsbeschlusses gemacht.

Eine Petitesse, mag man meinen, aber eben ein formaler Fehler. Reicht das für ein Urteil, das ein neues Bauleitverfahren zur Folge hätte? Dann wäre sogar wieder Zeit für einen neuen Bürgerentscheid. Bürgermeister Stefan Bauer geht davon aus, dass die Richter zugunsten der Gemeinde sprechen werden. „Es ist noch nicht entschieden, ob ein Normenkontrollverfahren eingeleitet wird. Der formale Fehler ist geheilt worden.“

Im Norden vielleicht Amazon, im Süden Rewe und Netto – Kaltenkirchen ist verkehrstechnisch in der Mangel. Als Reaktion auf die Rewe-Pläne hat die Stadtvertretung im vergangenen Jahr ein regionales Verkehrskonzept angeschoben. Unter Leitung von Kaltenkirchen arbeiten Henstedt-Ulzburg sowie die Ämter Kisdorf, Kaltenkirchen-Land und Itzstedt seit diesem Sommer zusammen.

Kommunen arbeiten an Verkehrskonzept

Es werden aktuelle und kommende Belastungen untersucht, um darauf basierend Optionen zu finden, um das Straßennetz und die Orte zu entlasten. „Mit der Ausweisung von Wohn- und Gewerbebauflächen muss auch die verkehrliche Belastung komplexer untersucht werden. Eine auf Einzelprojekte beschränkte Betrachtung verkehrlicher Belastungen kann die regionalen Zusammenhänge und deren Auswirkungen jedoch nicht ausreichend darstellen“, sagt Kaltenkirchens Bürgermeister Hanno Krause.

Allen Akteuren ist bewusst: Nur eine große Umgehungsstraße würde wirklich helfen. Eine wiederholt genannte Variante verliefe östlich von Oersdorf. „Ich hoffe, dass bei dem regionalen Verkehrskonzept etwas herumkommt. Es muss ein Korridor da sein, wo wir eine Umgehung bauen können“, sagt Kisdorfs Bürgermeister Wolfgang Stolze. „Verursacher der Verkehre sind die Gewerbegebiete, ob nun Henstedt-Ulzburg oder Kaltenkirchen, ein großer Teil fließt durch Kisdorf.“

Immerhin: Im Sinne der nachbarschaftlichen Kooperation hat Henstedt-Ulzburg Kisdorf angeboten, mit seinem Bauamt beim Umbau der Wesselkreuzung in einen Kreisverkehr zu helfen. Dieses Vorhaben liegt auf Eis, weil das Land zwar Fördermittel versprochen hat, aber die Planung nicht übernehmen will – übrigens wie bei der Erweiterung der Gutenbergkreuzung, die leistungsfähiger werden muss. Henstedt-Ulzburg soll diesen Ausbau umsetzen. Das grundsätzliche Problem lösen beide Maßnahmen sowieso nicht: Der Verkehr würde zwar besser fließen, aber weiterhin eben dort, wo ihn die Kommunen eigentlich reduzieren wollen.