Norderstedt
Interview

„Das Leben der Gebeutelten ein bisschen besser machen“

Tabea Müller, die Leiterin der Norderstedter Tagesaufenthaltsstätte für Obdachlose.

Tabea Müller, die Leiterin der Norderstedter Tagesaufenthaltsstätte für Obdachlose.

Foto: BIANCA BOEDEKER / Bianca Bödeker

Seit mehr als 16 Jahren widmet sich Tabea Müller den Obdachlosen in Norderstedt. Sie erzählt, wie bereichernd das für ihr Leben ist.

Sich selbst in den Fokus zu rücken, ist ihre Sache nicht. So hat es ein wenig gedauert, Tabea Müller für ein Interview zu gewinnen. Seit 16 Jahren managt die 46-jährige Diplom-Sozialpädagogin und Betriebswirtin der Sozialwirtschaft die Geschicke der Wohnungslosenhilfe Norderstedt mit der Tagesaufenthaltsstätte (TAS) am Lütjenmoor. Seit mehr als 20 Jahren kommen Obdachlose in die TAS, dort gibt es warmes Essen für 1,50 Euro, man kann sich duschen, die Wäsche waschen, einfach nur Ruhe finden und lesen oder sich Beratung und Hilfe holen. Alkohol und Drogen sind tabu. Viele Wohnungslose haben auch hier ihre Postadresse. Mehr als 12.000 Besucher zählt die TAS im Jahr – Tendenz steigend. Die Stadt Norderstedt unterstützt die TAS mit einem jährlichen Zuschuss in Höhe von 48.000 Euro. Ehrenamtliche sorgen für den Betrieb der TAS.

Tabea Müller, meine erste Frage gilt dem Glück. Was bedeutet das für Sie? Wie glücklich sind Sie?

Tabea Müller: Ich bin sehr glücklich. Wichtig dafür sind stabile Beziehungen, privat wie beruflich. Wenn grundlegende Voraussetzungen erfüllt sind, wie Wohnen, Einkommen, Gesundheit, soziale Bezüge, habe ich Luft, mich anderen Herausforderungen zu stellen und Neues zu bewegen. Das ist dann auch eine Form von Glück.

Stichwort „andere Herausforderungen“: Von 2009 bis 2011 nahmen Sie sich eine Auszeit im afrikanischen Kamerun. Erzählen Sie uns von Ihren Erfahrungen.

Ich wollte mal im Ausland leben und arbeiten und fand es spannend, mich einer ganz neuen Erfahrung zu öffnen. Das Leben in einer anderen Kultur ist etwas komplett anderes als eine Reise! Die Zeit in Kamerun hat mich sehr geprägt. Zum Beispiel ist unsere Kultur recht einseitig auf Leistung orientiert. Das hat aus kamerunischer Sicht etwas sehr Armseliges. Leben ist viel mehr, und wir können eine Menge voneinander lernen. Auch weiß ich, welche enorme Anpassungsleistung nötig ist, um nach einiger Zeit ein bisschen zur neuen Kultur dazuzugehören, sich vertraut zu fühlen. Ich habe großen Respekt vor Menschen mit Migrationserfahrung. In Kamerun war ich mit einer Schweizer Organisation in der Entwicklungszusammenarbeit tätig und habe ein Projekt zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation und Alphabetisierung von Frauen aufgebaut. Wenn in Afrika etwas nachhaltig bewegt werden soll, dann mit Frauen und ganz eng an der Basis, in ihrem Tempo, nach ihren Bedürfnissen. Es fing an mit „Traumworkshops“: Wohin möchte ich gehen, was ist mein Ziel, und welche Schritte sind nötig, um es zu erreichen? Es ging dabei um landwirtschaftliche Themen, aber auch um Marketing, Umgang mit Finanzen, Gruppendynamik, Gesundheit und Familienplanung.

Für die Wochenzeitung „Die Zeit“ haben Sie damals in einer regelmäßigen Kolumne über Ihre Erfahrungen berichtet. Wie erlebten Sie die drei Jahre?

In Kamerun gelten ganz andere Kategorien als bei uns: Die Gemeinschaft steht im Vordergrund. Die sozialen Bezüge sind das A und O, nicht das emsige Tun oder Streben nach individuellem Erfolg. Ich erlebte sehr berührende Begegnungen mit den Frauen. Wenn wir zum Beispiel gemeinsam in einer stickigen Hütte am Küchenfeuer saßen, vergaßen wir irgendwann, dass wir aus unterschiedlichen Welten kommen. Mein Begriff von zu Hause hat sich gewandelt: Zu Hause ist für mich nicht mehr an einen Ort gebunden. Es ist dort, wo liebe Menschen sind.

Bei aller Unterschiedlichkeit der Rhythmen und Werte - was hat Sie mit den Menschen verbunden?

Das universell Menschliche ist die Sehnsucht nach Frieden, Sicherheit und Zugehörigkeit, nach Erfolg, Einkommen und Gesundheit. Jetzt ist das anglophone Kamerun schwer gebeutelt von einem Bürgerkrieg. Es tut mir in der Seele weh, weil ich mich immer noch mit den Menschen verbunden fühle.

Das war eine mutige Zeit, oder?

Ich finde mich selbst gar nicht so mutig und brauche gewisse Sicherheiten. Andere finden mich mutig, wenn ich etwas tue, was sie sich selbst nicht zutrauen; sei es, allein durch die Welt zu reisen, zeitweise auszuwandern oder an Zielen dranzubleiben, die bisweilen unrealistisch scheinen.

Gibt es Parallelen zu Ihrer jetzigen Aufgabe als Leiterin der TAS?

Auf jeden Fall. Überall geht es darum, Menschen zu begleiten, zu ermutigen und Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Nur so kann beständige Veränderung gelingen.

Was bedeutet die Arbeit bei der TAS für Sie?

Jeder Tag in der TAS ist eine neue, spannende Überraschung! Es ist Leben in absoluter Vielfalt, sehr intensiv, fordernd, aber auch sehr bereichernd. Wir haben hier sehr interessante Menschen mit ihren verschiedenen Lebensgeschichten, alle Facetten und Bewältigungsstrategien. Die Arbeit in TAS empfinde ich als extrem sinnvoll. Wir sind ganz konkret und nah an den Menschen, hören zu, unterstützen sie mit dem Ziel, ein eigenständiges, selbstverantwortetes Leben zu gestalten. Wir arbeiten daran, auch auf gesellschaftlicher Ebene Missstände aufzulösen, um das Leben der am meisten Gebeutelten ein bisschen besser zu machen, ohne die Welt zu retten. Wir holen Menschen von außen mit ins Boot. Letztlich geht es allen besser, wenn weniger ausgegrenzt und herabgeschaut wird. Wenn wir Wohlstand und Lasten teilen, auch miteinander Spaß haben und intensive menschliche Beziehungen über viele Jahre, das trägt. Ich finde es ebenso bereichernd, in einem großen Netzwerk zu arbeiten und den Bereich gestalten und weiterentwickeln zu können. Dazu braucht es extrem langen Atem, viel Energie und Engagement.

Vor elf Jahren nahmen Sie Moderator Carlo von Tiedemann mit ins Boot.

Carlo ist ein ideeller Unterstützer, der mit seinem Namen für uns einsteht. Durch seine fröhliche, lockere Art findet er super Zugang zu den Gästen, die ihn lieben. Er hat null Berührungsängste, ist ehrlich und echt. Er kommt regelmäßig zum Sommerfest und liest Geschichten zur Weihnachtsfeier. Beim 20. Geburtstag der TAS 2018 war er auch sehr präsent. Carlo ist ein Schirmherr zum Anfassen.

Ihr Slogan lautet: Ein Zuhause für einen Tag. Was schenken Sie Ihren Gästen in dieser Zeit?

Wir versuchen, ihnen die grundlegendsten Bedürfnisse zu erfüllen, gerade für die, die obdachlos sind. Dazu gehören Wärme, sich ausruhen, pflegen und ernähren können, Gespräche, Teilhabe und Schutz. Jeder Mensch ist einzigartig. Ich schaue auch auf die Ressourcen und entdecke bewundernswerte Eigenschaften und Bewältigungsstrategien. Sich jeden Tag neu durchzuschlagen, das ist definitiv eine Fähigkeit.

Mit welchen Herausforderungen kommen die Menschen auf Sie zu?

Hier geht es um alle Themen, die zum Menschsein dazugehören! Schwierig wird es, wenn uns Interventionsmöglichkeiten fehlen, beispielsweise bei EU-Bürgern, die keine Ansprüche auf Sozialleistungen haben. Für die gibt es keine Notunterkünfte, Krankenversicherung oder Betreuungsmöglichkeiten. Viele von ihnen sind durch jahrelanges Leben ohne Obdach suchtkrank und in einem solch desolaten Zustand, dass wir von einer humanitären Katastrophe sprechen können. Wenn Menschen nicht mehr in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen, kommen wir an unsere Grenzen und müssen zuschauen, ohne ihnen zumindest etwas anbieten zu können. Das finde ich ethisch nicht vertretbar. Es gibt auch Menschen, die sich (noch) nicht helfen lassen. Wir müssen sie mittragen, aushalten, begleiten. Es geht immer darum, Ressourcen zu stärken, Würde zu erhalten und Existenz zu sichern.

Wie verarbeiten Sie die menschlichen Schicksale?

Das Wichtigste an dieser Arbeit ist, sich menschlich und authentisch auf die einzelne Person und Situation einzulassen und gleichzeitig sehr gut abzugrenzen, indem ich das Problem nicht zu meinem eigenen mache. Die Verantwortung für Entscheidungen und Handeln bleibt immer bei den erwachsenen Ratsuchenden selbst. Nur mit dieser Balance kann ich hilfreiche Arbeit machen und Menschen befähigen. Wichtig sind auch kollegialer Austausch und Zeiten, in denen ich komplett offline und unerreichbar bin und mich anderen Aktivitäten widme.

Wie ist Ihre Beziehung zu den ehrenamtlichen Mitarbeitern?

Die Ehrenamtlichen sind ein Juwel! Wir arbeiten seit vielen Jahren vertrauensvoll zusammen. Unsere Arbeit in der TAS steht und fällt mit dem Ehrenamt. Wir können unsere Dienste nur anbieten, weil es Menschen gibt, die freiwillig und unentgeltlich ihre Zeit und Energie zur Verfügung stellen. Andererseits ist es eine gute Gelegenheit, Begegnung und Austausch zwischen verschiedenen sozialen Schichten zu ermöglichen und Vorurteile zu überwinden.

Neben Zeitspendern werden Sie auch von Sach- und Geldspendern unterstützt.

Ja, wir leben von zahlreichen regelmäßigen Sachspenden wie Nahrungsmittel und Kosmetika, die wir von Einzelhändlern und Privatpersonen bekommen. Das ist sehr wertvoll! Wir müssen aber auch Waren zukaufen, Reparaturen bezahlen oder defekte Geräte ersetzen. Hier helfen uns Geldspenden am meisten. Natürlich benötigen wir auch für den dringend nötigen Neubau viel Geld.

Wie ist hier der Stand der Dinge?

Der Gebäudeplan steht. Nun warten wir auf den Bebauungsplan des gesamten Geländes, bevor der Bauantrag gestellt werden kann. Mit der Stadt Norderstedt arbeiten wir hier sehr eng und vertrauensvoll zusammen. Ich wünsche mir, dass das so bleibt und die Stadt uns weiterhin in unserer Arbeit unterstützt, ideell wie finanziell.

Wen möchten Sie gern mal treffen? Was würden Sie ihn/sie fragen?

Es ist gar niemand Bestimmtes. Ich finde, jeder Mensch hat etwas Interessantes, auch gerade die, die nicht im Rampenlicht stehen. Wie leben sie? Was ist ihnen im Leben wichtig? Wo sind ihre Wurzeln? Was sind ihre Träume? Das sind so interessante Aspekte.

Was sind denn Ihre Träume?

Ich möchte noch ein Buch schreiben.

Verraten Sie uns Ihr Lebensmotto?

Die US-amerikanische Jazz-Sängerin Ella Fitzgerald hat mal gesagt: „Alles, was du mit Liebe und Hingabe tust, kann gar nicht schiefgehen.“ Das, finde ich, ist ein schönes Motto.