Norderstedt
Schleswig-Holstein

Hinter dieser Tresortür lagert bald eine Tonne Cannabis

Hendrik Knopp zeigt die schwere Stahltür, die den Lagerraum absichert.

Hendrik Knopp zeigt die schwere Stahltür, die den Lagerraum absichert.

Foto: Wolfgang Klietz

In Bad Bramstedt geht eines der ersten legalen Cannabis-Lager Deutschlands in Betrieb – für medizinische Zwecke, versteht sich.

Bad Bramstedt/Neumünster.  An Bewerbungen hat es Hendrik Knopp nicht gemangelt. Besonders von Menschen, die sich für die Jobs bei ihm für besonders geeignet halten, weil sie sehr viel persönliche Erfahrung haben – mit Cannabis. Doch gerade Hobbykiffer kann der Chef des neuen Cannabislagers in Bad Bramstedt nicht gebrauchen. Dort, wo in diesen Tagen die letzten Arbeiter die Baustelle im Gewerbegebiet am Tegelbarg verlassen, sollen bald bis zu 1000 Kilo der Droge eingelagert und ausgeliefert werden. Knopp verkauft den Stoff jedoch nicht für den Joint zwischendurch, sondern ausschließlich für medizinische Zwecke.

Der einstige Rechtsanwalt leitet die deutsche Tochter des kanadischen Konzerns Aphria und wird demnächst in dem schwer gesicherten weißen Gebäude eines der ersten legalen Cannabislager Deutschlands eröffnen. Demnächst kommen die Behörden, um die Anlage abzunehmen, die mit hohen Zäunen, Kameras und einer direkten Alarmleitung zur Polizei gesichert ist. Knopp geht davon aus, dass er ab Dezember an den Apothekengroßhandel liefern kann.

Ein weiteres Lager in Neumünster gebaut

Auch im wenige Kilometer entfernten Neumünster haben Knopp und seine Kollegen gebaut. Dort feierte er in der vergangenen Woche gemeinsam mit dem Oberbürgermeister und Landeswirtschaftsminister Bernd Buchholz Richtfest in Deutschlands erster legalen Cannabis-Produktionsanlage. „Hier wird Ende 2020 – wahrscheinlich zum ersten Mal in Deutschland – medizinisches Cannabis produziert“, hatte Buchholz gesagt.

Bad Bramstedt ist dagegen nur als Lager- und Auslieferungsstätte für importiertes Cannabis konzipiert worden. Im Lagerraum werden eine konstante Temperatur von 20 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 50 Prozent herrschen, um das empfindliche Naturprodukt optimal aufzubewahren. Der Raum ist durch eine schwere Safetür gesichert, die auch einen Banktresor sicher schützen könnte.

Aphria erhofft sich mit seinen Niederlassungen in Deutschland gute Geschäfte, nachdem der Bundestag 2017 die Freigabe von Cannabis für medizinische Zwecke legalisiert hat. Dabei geht es jedoch nicht um die heimische Zucht auf der Fensterbank oder in der Garage, sondern um die Pflanzenproduktion zu exakt definierten Bedingungen. Nur so lassen sich die Anteile von THC und anderen Stoffen in den unterschiedlichen Pflanzen präzise erzeugen. Die stärkste Sorte hat einen THC-Anteil von 18 bis 22 Prozent. Welches Produkt der Patient erhält, entscheidet allein der Arzt, wenn er das Rezept ausfüllt. Nur auf diesem Weg kann der Patient legal Cannabis erhalten.

Bei Schmerzen gibt es eine hohe Genehmigungsquote

Knopp geht davon aus, dass 60 Prozent für die Schmerztherapie verschrieben werden. Als weitere Indikationen kommen – wenn die Krankenkasse das Okay gibt – Depressionen, ADHS und schwere Schlafstörungen sowie Epilepsie infrage. Ein Arzt darf Cannabis jedoch nur dann verordnen, wenn alle anderen Therapiemöglichkeiten ausgereizt sind.

„Jeder Arzt kann es verordnen“, sagt Knopp. „Er muss es nur ausführlich begründen.“ Bei Schmerzen liegt die Genehmigungsquote derzeit bei 70 Prozent, bei psychischen Problemen sind es nur 20. Dabei gilt Cannabis als vergleichsweise harmlos. „Das ist eine der ältesten Heilpflanzen, die vor 4000 Jahren schon in China verwendet wurde“, sagt Knopp. Der Konsum führe nicht zu einer körperlichen Abhängigkeit, sondern höchstens zu einem Gewöhnungseffekt. Alle Experten warnen jedoch Jugendliche davor, Cannabis zu konsumieren. Die Folgen können schwere gesundheitliche Schäden sein.

Die Importe, die in Bad Bramstedt an speziell zertifizierte Transporteure ausgeliefert werden sollen, kommen aus Kanada. Die Einfuhren sollen die Lücke schließen, die durch die zu geringen Produktionskapazitäten in Deutschland entstehen. Der bundesweite Bedarf wird auf fünf bis sechs Tonnen Cannabis geschätzt.

Es werden fünf Mitarbeiter beschäftigt

Hendrik Knopp hatte bei einer Ausschreibung die Kapazität von einer Tonne zugesprochen bekommen. Bei Bedarf und mit Genehmigung kann er die Lagerkapazitäten in der Stadt Bad Bramstedt jedoch bis auf fünf Tonnen hochfahren. Aphria hat in Bad Bramstedt einen einstelligen Millionenbetrag investiert. Fünf Mitarbeiter werden dort beschäftigt.

Bleibt noch die Frage, wie ein Rechtsanwalt aus Hamburg dazu kommt, plötzlich Cannabiszüchter und -händler zu werden. Vorbilder gibt es keine, die Branche ist in Deutschland Neuland. Knopp erkannte die Chancen und die Herausforderungen des Geschäfts, als die Entscheidung zur Freigabe im Jahr 2017 fiel. Zwei Jahre hat er sich im Selbststudium mit medizinischem Cannabis beschäftigt.

Hendrik Knopp schrieb ein 1000 Seiten dickes Konzept

„Ich habe mich eingelesen und die Experten geholt“, sagt er. Außerdem hat er sich 30 Produktions- und Lagerstätten in der ganzen Welt angesehen, um von den Erfahrungen seiner Kollegen zu lernen. Das Ergebnis war ein 1000 Seiten starkes Konzept, das Knopp für die Ausschreibung eingereicht hat.

Dass der Bedarf an Cannabis stetig wachsen wird, davon sind Knopp und der Rest des Konzerns überzeugt. Und dem Börsenkurs haben die jüngsten Aktivitäten des Unternehmens auch gut getan.