Norderstedt
Kreis Segeberg

Landesregierung will die Waldflächen vergrößern

Minister Jan-Philipp Albrecht (rechts) beim Ortstermin mit Waldexperten im Segeberger Forst – links zu sehen: Ein Trinet-P-System zur Bekämpfung von Borkenkäfern.

Minister Jan-Philipp Albrecht (rechts) beim Ortstermin mit Waldexperten im Segeberger Forst – links zu sehen: Ein Trinet-P-System zur Bekämpfung von Borkenkäfern.

Foto: Christopher Herbst

Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan-Philipp Albrecht nennt bei Besuch im Kreis Segeberg einen Flächenzuwachs von einem Prozent als Ziel.

Glashütte.. Es ist eine von unzähligen Fronten im Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe. Mitten im Segeberger Forst steht Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan-Philipp Albrecht (Bündnis 90/Die Grünen), umgeben von Fachleuten, und spricht darüber, wie es um den heimischen Wald steht. „Wir sind schon länger dabei, den Folgen des Klimawandels gerecht zu werden, wir müssen viel dafür tun, den Wald zu bewahren“, sagt er. Und: „Wir sind schon recht weit, den Wald widerstandsfähiger zu machen.“

Neben ihm befindet sich ein Trinet-P-System, es sind spezielle Fallen, getränkt mit Lockstoffen, um Borkenkäfer zur Strecke zu bringen. Anders geht es nicht, die Insekten haben den Fichtenbeständen erheblich geschadet in der ganzen Bundesrepublik. Mit hohem Aufwand, dazu gehören Monitoring und konsequentes Fällen kranker Bäume, wird den Käfern Lebensraum genommen, damit deren Bestand nicht exponentiell wächst.

25 dieser Systeme befinden sich im Segeberger Forst. Vor Ostern habe es einen ersten Schwarm gegeben, Ende Mai und Anfang Juni zwei weitere, im August wird ein vierter erwartet. „Alles hat bisher gut geklappt“, sagt Jens-Birger Bosse, Waldbauexperte bei den Schleswig-Holsteinischen Landesforsten.

Doch die Borkenkäfer sind beileibe nicht das einzige Problem, wie Tim Scherer, Direktor der SHLF, ausführt. „Der Wald leidet. Als Förster stellen wir fest, dass wir mehr Stürme, mehr Trockenheit haben, weniger Wasser im Wald. Es kommen Lebewesen, Pilze, Insekten zu uns, die vorher nicht gekommen sind.“

Zwar sei es südlich der Elbe schlimmer als in Schleswig-Holstein. Aber: „Wir stellen überall Krankheitssymptome fest. Neben den Fichten haben wir Schäden an den Buchen, wir müssen davon ausgehen, dass die Esche als Baumart vielleicht ganz wegfallen wird. Es gibt die Ahorn-Rußrindenkrankheit, die wird zu uns kommen. Wir finden keine Baumart, die nicht in irgendeiner Form auf eingeschleppte Organismen reagiert“, so Scherer.

Um das Gleichgewicht in den Wäldern zu erhalten, muss das Forstmanagement neu gedacht werden. Scherer spricht von einem „Gemischtwarenladen“, er meinte einen Mix aus verschiedenen Nadel- und Laubbäumen, ganz neue Arten. „Das wird viel Zeit und viel Geld kosten.“ im Segeberger Forst wurde damit bereits begonnen. Revierförster Matthias Sandrock zeigt junge Douglasien, die 2017 gepflanzt wurden. „Die sind wesentlich trockenheitsresistenter und speichern mehr CO2.“

Doch um Wälder umzustrukturieren, braucht es Jahrzehnte. Und weniger Starkregenereignisse, sondern kontinuierlichen Niederschlag. Sandrock: „Es müsste wieder Landregen über einen längeren Zeitraum geben, damit das Wasser ordentlich versickern kann. Anderthalb Spatenstiche tiefer ist es schon wieder trocken.“

Albrecht hört aufmerksam zu. Der 36-Jährige ist kein klassischer Umweltpolitiker, war von 2009 bis 2018 Mitglied des EU-Parlaments, dort bis zu seinem Wechsel nach Kiel stellvertretender Vorsitzender des Innenausschusses. Sein Ziel für Schleswig-Holstein: Die Waldfläche müsse von elf auf zwölf Prozent wachsen, das wären 158 Quadratkilometer zusätzlich. „Jede Fläche, die wir bekommen können, ist Gold wert. Die Wiederaufforstung ist eine Investition in den Klimaschutz, die Wälder speichern CO2.“ Woher die Flächen kommen sollen? Albrecht gibt zu, dass die Verfügbarkeit das Problem sei, nicht die Finanzierung.

Tim Scherer wird deutlicher: „Es wird zu Konflikten mit anderen Nutzern kommen. Es ist eine politische Entscheidung.“ Er begrüßt die Idee sogenannter „Futures“, also Kohlenstoffzertifikate, wie es bei Moorgebieten bereits möglich ist. Diese können erworben werden, um Klimaschutzprojekte zu fördern. „Es gibt genug Privatunternehmen, die Geld geben wollen.“

Was Schleswig-Holstein tut, ist das eine. Aber was bringe das, wird Minister Albrecht gefragt, wenn zeitgleich etwa in Brasilien 2254 Quadratkilometer Amazonas-Regenwald allein in diesem Juli gerodet worden sind? „Es ist wichtig, im globalen Zusammenhang zu sagen, dass jeder seine Hausaufgaben machen muss. Wir müssen die Ziele ernst nehmen, dürfen sie nicht auf andere schieben. Ich erwarte von der Bundesregierung, das zum Thema von Auseinandersetzungen mit internationalen Partnern zu machen.“