Norderstedt
Kreis Segeberg

Wie viel Wachstum vertragen die Gemeinden?

Frank Reher (links) und Rainer Brela von der Bürgerinitiative „Nahe bleibt Dorf“ sind strikt gegen eine Bebauung der Fläche an der Bundesstraße 432.

Frank Reher (links) und Rainer Brela von der Bürgerinitiative „Nahe bleibt Dorf“ sind strikt gegen eine Bebauung der Fläche an der Bundesstraße 432.

Foto: Christopher Herbst

Grundstücke sind gefragt: Das Konzept für ein neues Wohngebiet zwischen Nahe und Itzstedt wird in den Gemeinden kontrovers diskutiert.

Nahe. Die Dörfer im Hamburger Umland sind attraktiv wie nie zuvor. Das weiß jeder, der schon einmal mitbekommen hat, wie schnell die Grundstücke für neue Baugebiete, speziell Einfamilien- oder Doppelhäuser, vom Markt sind. Ohne notariell beaufsichtigte Losverfahren geht es längst nicht mehr.

Die Gemeinde Nahe ist da ein gutes Beispiel, dort waren in kurzer Zeit die Parzellen für das Areal „Am Rodelberg“ vergriffen. Und direkt gegenüber wird ein zweites, vergleichbares Gebiet beim Schimmelhof entstehen.

Das könnte nur der Anfang sein. Es ist nicht lange her, da stand Norbert Lüneburg bei einer gemeinsamen Gemeindevertretersitzung von Nahe (2500 Einwohner) und Itzstedt (2400 Einwohner) vor interessierten Zuhörern und stellte ein Konzept vor, dass beide Dörfer grundlegend verändern würde. Lüneburg ist unter anderem Geschäftsführer der Firma GfG aus Henstedt-Ulzburg, er ist Grundstücksentwickler, ein Routinier im Geschäft.

Seine Idee: ein komplett neues Wohngebiet nördlich der Bundesstraße 432, zwischen Nahe und Itzstedt. Also dort, wo es derzeit nur Ackerflächen gibt. „Wir sind vor anderthalb Jahren auf den Fleck zwischen Itzstedt und Nahe aufmerksam geworden und haben uns vorgestellt, größer zu denken.“

Die Idee: gemischtes Wohnen, Gewerbe, Grünflächen

Und zwar so: Die Lücke zwischen den Nachbargemeinden würde geschlossen. Wohnraum für bis zu 1400 Menschen geschaffen, teils Ein- und Zweifamilienhäuser, teils Mehrfamilienhäuser, seniorengerechtes Wohnen, dazu die nötige Infrastruktur, kleines Gewerbe, Grünflächen. „Wir beschäftigen uns als Dienstleister seit Jahrzehnten mit diesem Thema. Wenn wir Flächen mit Nahe und Itzstedt überplanen – was fehlt, was brauchen wir, was können wir als Ideen auf den Weg bringen? Wenn wir mit Kommunen sprechen, wollen diese Wohnraum schaffen für Facharbeiter. Die denken mit ihren Familien meistens an Reihenhäuser, wollen Kinder großziehen.“

Die Überlegungen sind in einem sehr frühen Stadium. Aber, so Lüneburg, „die Landesplanung legt alle zehn bis 15 Jahre die Strukturen neu auf“. Über die Landesentwicklungsplanung wird geregelt, wie sehr Kommunen beziehungsweise Regionen wachsen dürfen – ob nun Wohnraum oder Gewerbe. Nahe und Itzstedt könnten eigene Positionen beschließen und diese in Kiel vorbringen. „Eigentlich ist es vorbildlich, sich langfristig Gedanken zu machen, wie es in 30 Jahren aussehen könnte“, sagt Norbert Lüneburg. „Hamburg wächst um fünf Prozent pro Jahr, die Menschen müssen irgendwo hin. Hier in der Metropolregion wird es in jedem Ort Zuwachs geben.“ Und statt „mal hier, mal dort ei Baugebiet“ wirbt er für eine große Lösung. „Es geht lediglich darum, wie sich Itzstedt und Nahe entwickeln möchten. Geht das überhaupt? Es ist nur auf dieser Fläche möglich. Wenn es umgesetzt wird, dann würde man über einen Zeitraum von zehn, 20, 30 Jahre denken.“

Bürgermeister Fischer ist ein Fan des Konzeptes

Nahes Bürgermeister Holger Fischer (Wählergruppe Dorfgemeinschaft Nahe) gefällt das Konzept. Er habe so früh wie möglich an die Öffentlichkeit gehen wollen. „Für mich ist es ein Vorteil, ich sehe es als große Chance. Das Gewerbegebiet ist voll, wir haben 120 Arbeitsplätze bekommen, die Leute suchen Wohnraum. Ich bekomme sogar Anfragen, aber ich bin kein Makler. Es ist nichts zu finden auf dem Markt.“ Fischer betont, das nichts entschieden sei. Formal müsse sowieso erst der Flächennutzungsplan geändert werden, dann die Bauleitverfahren. Jeweils unter Beteiligung der Bürger. Er weiß, welche Debatte die Pläne auslösen werden – jene über ein komplettes Zusammengehen mit Itzstedt.

Schon heute arbeiten die Orte in vielen Bereichen zusammen, sei es im Bildungsbereich, beim Wasserwerk, dem Friedhof, der Verwaltung, sie erhalten als ländlicher Zentralort Fördermittel des Landes. Bürgermeister Fischer und sein Itzstedter Amtskollege Helmut Thran (SPD) sind beide nicht kategorisch gegen eine „Gemeinde-Ehe“, wenngleich so etwas nur mit einem Bürgerentscheid realisierbar wäre.

Bürgerinitiative fordert ein moderates Wachstum

Für Frank Reher sind solche Gedanken deplatziert. Er wohnt direkt nördlich des potenziellen Entwicklungsgebietes – noch auf Naher Territorium. Reher ist, genauso wie Rainer Brela, Sprecher der Bürgerinitiative „Nahe bleibt Dorf“ – auch Itzstedter sind hier Mitglied, rund 50 Personen bekennen sich online unter landleben-nahe.de zu ihrem Engagement. Die BI hält von all dem, was Norbert Lüneburg und Holger Fischer bewerben, überhaupt nichts. „Es gibt bereits mehr als ausreichend Kapazitäten für den Innenausbau“, sagt Reher, der ein moderates Wachstum möchte. „Mein Eindruck ist, dass sich die Entscheider mit den Themen nicht so richtig auseinandergesetzt haben. Bei Herrn Fischer stößt mir die Einseitigkeit auf, es gibt kein Abwägen. Es ist alles im Verbund mit einem Zusammenwachsen der Dörfer zu sehen.“

Brela weist den Vorwurf zurück, die Initiative wolle keinen Zuzug. „Aber der Bereich zwischen den Orten sollte so bleiben wie er ist. Eine Entwicklung in kleinen Schritten ist gesund.“ Reher, Brela und ihre Mitstreiter befürchten, dass sich eine „Trabantenstadt“ entwickeln könnte. Sie rechnen mit zusätzlicher Verkehrsbelastung auf der B 432, mehr Luftverschmutzung und hohe Folgekosten für die Infrastruktur. 200.000 Euro pro Jahr seien es mindestens.

Frank Reher hat das Gefühl, dass die Gegner des Vorhabens in der Mehrheit seien. „Ich habe noch nicht einen Bürger gehört, der sich mit einer Fusion anfreunden könnte. Wir werden alle Register ziehen, umweltpolitisch und lärmpolitisch.“ Am liebsten wäre ihm, wenn die Gemeindepolitik bereits die erwogene Änderung des Flächennutzungsplans nicht umsetzen würde. „Es spaltet das Dorf.“