Norderstedt
Kreis Segeberg

WZV-Chef: „Wir müssen Vertrauen zurückerlangen“

Peter Axmann (49) lebt mit seiner Familie in Hamburg-Bergedorf. Er ist beim WZV verantwortlich für 330 Mitarbeiter.

Peter Axmann (49) lebt mit seiner Familie in Hamburg-Bergedorf. Er ist beim WZV verantwortlich für 330 Mitarbeiter.

Foto: Christopher Herbst

Peter Axmann, neuer Verbandsvorsteher des Wege-Zweckverbandes, spricht über Probleme und Stärken des Entsorgungsunternehmens.

Kreis Segeberg.  Seit dem 1. Juli dieses Jahres ist Peter Axmann (49) Verbandsvorsteher des Wege-Zweckverbandes der Gemeinden des Kreises Segeberg (WZV). Im Abendblatt-Interview spricht der neue Chef des kommunalen Entsorgungsunternehmens, der in Hamburg-Bergedorf lebt, über die aktuellen Herausforderungen, den Umgang mit den 95 Mitgliedskommunen und den 330 Mitarbeitern, über das Dilemma der steigenden Müllgebühren sowie das schwierige Verhältnis des WZV zur Stadt Norderstedt.

Wie würden sie die Rolle des Verbandsvorstehers des WZV und dessen Funktion beschreiben?

Peter Axmann Wie jede gute Führungskraft will ich Mitarbeitern helfen, sich und das Unternehmen zu entwickeln. Wie vor 20, 30, 40 Jahren mit Law & Order, Autorität, das verfolge ich nicht. Das funktioniert auch nur beschränkt. Die Mitarbeiter wollen sich einbringen, die Verantwortung spüren für ihren Arbeitsbereich und das Unternehmen. Ich will das Vertrauen rüberbringen zu den Mitarbeitern, das diese dann ausfüllen. Sie tragen das Unternehmen. Der Chef ist für geeignete Rahmenbedingungen und strategische Fragestellungen zuständig.

330 Mitarbeiter hat der WZV. Haben Sie schon jeden persönlich begrüßt?

Ich strebe an, jeden zu kennen. Ich mache schon gute Fortschritte. Die Mitarbeiter wünschen Präsenz. Es ist auch die Aufgabe einer Führungskraft, nahbar zu sein.

Was hat sie dazu bewogen, sich zu bewerben?

Ich hatte mit der Entsorgungsbranche schon langjährigen Kontakt, fand sie immer spannend. Ich habe über zehn Jahre in der Buhck-Gruppe (einem privaten Entsorgungsunternehmen; d. Red.) gearbeitet. Da ist die Liebe zur Abfallwirtschaft entflammt. Diese ist vielschichtig, es gibt immer neue Herausforderungen. Zum einen durch gesetzliche Entwicklungen, die zum Teil durch europäisches Recht vorgegeben sind, und vieles durch technischen Fortschritt und das sich wandelnde Umweltbewusstsein. Der WZV ist ein Unternehmen, das mehr als Abfall macht. Er ist unter anderem auch im Baubereich tätig, vor allem im Tiefbau.

Wie lässt sich die Struktur des Zweckverbandes am einfachsten erklären?

Der WZV hat eine Menge Stakeholder. Es gibt rund 180.000 Bürger im Kreis, das sind unsere Kunden. Dazu 95 Mitgliedsgemeinden in der Verbandsversammlung. Darunter sind größere Einheiten, Städte, mit einer gewissen Relevanz – und im Vergleich kleine Dörfer mit wenigen Häusern. Wir sind kein normaler Marktteilnehmer, kein Wettbewerber zur Privatwirtschaft, sondern als kommunales Unternehmen ein Zwitterwesen zwischen wirtschaftlicher Ausrichtung und öffentlich-rechtlicher Aufgabenträgerschaft.

Der finanzielle Spielraum ist also enger?

Wir müssen kostenbewusst handeln. Das Geld, das wir ausgeben, kommt von den Bürgern, die ihre Gebühren bezahlen. Wir sind dazu verpflichtet, damit verantwortlich umzugehen.

Ver.di hat den WZV dafür gelobt, dass künftig alle Mitarbeiter im öffentlichen Dienst tätig sind und nach Tarif bezahlt werden. Was bedeutet die Umstellung?

Ich habe das deutliche Mehrheitsvotum der Verbandsversammlung für die Neuausrichtung des WZV begrüßt. Das Ergebnis ist wirtschaftlich plausibel und bringt eine rechtssichere strukturelle Grundlage, auf der wir sauber arbeiten können. Wir nehmen unsere soziale Verantwortung wahr. Wir haben hier sehr lange Betriebszugehörigkeiten von Menschen, die zum Teil hier bereits gelernt haben, was für den WZV als Arbeitgeber spricht. Die Personalakquisition wird aber in Zeiten von Vollbeschäftigung zunehmend schwieriger.

Sie haben die 95 Mitgliedskommunen erwähnt. Müssen sie jeden Bürgermeister regelmäßig treffen? Wie läuft die Zusammenarbeit?

Ich habe schon fast jeden Ort besucht und nahezu alle Ämter. In den letzten Wochen war ich jeden Tag in einer unserer Mitgliedskommunen. Nächste Woche habe ich in Norderstedt einen Termin mit Oberbürgermeisterin Elke Christina Roeder.

Die Verbandsversammlung ist sehr heterogen, die Interessen sind teilweise sehr unterschiedlich. Wie ist das in den Griff zu bekommen?

Es gibt eine erhebliche Bandbreite. Aber ich sehe das nicht als Frage der Größe der einzelnen Mitgliedskommunen. Worin besteht denn der Nachteil, im WZV engagiert zu sein? Natürlich ist es eine Solidargemeinschaft. Sie muss sich langfristig bewähren und darf nicht Vorteile Einzelner im Auge haben. Dies hat über mittlerweile 65 Jahre insgesamt gut funktioniert. Der WZV ist aber keine Zwangsgemeinschaft, sondern eine freiwillige interkommunale Kooperation, die für alle Beteiligten Sinn machen muss. Es sollte eine Grundeinigkeit darüber herrschen, um was es geht. Ein wichtiges Gremium ist auch der Hauptausschuss, der sich häufiger trifft. Dieser ist mit seinen fünf Mitgliedern ebenfalls ein wichtiger Ansprechpartner, ist dichter dran.

Die Ära ihres Vorgängers Jens Kretschmer endete 2018 im Streit und mit einer für den WZV teuren Trennung. Ein Bericht des Gemeindeprüfungsamtes warf kein gutes Licht auf die Vorgehensweise bei Auftragsvergaben und die Transparenz bei den Finanzen. Inwieweit ist es ihre Aufgabe, die Vergangenheit aufzuarbeiten?

Die Interimsführung hat einen hervorragenden Job gemacht. Beatrix Klüver hat sich, unterstützt von Justiziar Nis Nissen, als Hauptausschussvorsitzende durch Übernahme der kommissarischen Führung massiv eingebracht. Die Leistung im operativen Bereich ist einwandfrei. Ich sehe mich nicht als Vergangenheitsbewältiger an, das ist nicht Kern meiner Aufgabe. Wichtig ist die Vergangenheit in zweifacher Hinsicht: Erstens: Gibt es vielleicht Fehler, die sich identifizieren lassen, die beseitigt werden müssen? Der GPA-Bericht hat Versäumnisse offengelegt. Zweitens: Was war gut und hat sich bewährt, was sollte aufrechterhalten und fortgeführt werden?

Was muss besser werden?

Wir müssen Vertrauen zurückerlangen bei Mitarbeitern, der Öffentlichkeit, den Gremien, brauchen Transparenz in allen Bereichen, auch bei den Zahlen. Wir müssen eine vernünftige Informationspolitik betreiben. Für die Deponie in Tensfeld müssen wir ein Zukunftskonzept entwickeln. Und bei den kommunalen Diensten, die einige Wechsel durchlebt haben, war die Kontinuität nicht immer gegeben. Im Back-Office-Bereich müssen wir an Instrumenten und Abläufen feilen.

Welche Instrumente meinen sie?

Kosten- und Leistungsrechnungen, das Berichtswesen, die Digitalisierung – ich sehe erhebliches Potenzial im Workflow- und dem Dokumentenmanagement.

Wo sehen Sie weitere Herausforderungen?

Bei der Personalakquise, hierauf hatte ich bereits hingewiesen. Aber auch die Personalentwicklung erfordert zunehmende Aufmerksamkeit. Es ist eine große Herausforderung, Mitarbeiter langfristig motiviert zu halten. Sie sollten mit Freude zur Arbeit gehen. Dies ist nur durch sinnstiftende, erfüllende Aufgabenstellungen zu erreichen, die das jeweilige Potenzial des Mitarbeiters fordert, auch in Abhängigkeit von seinen aktuellen persönlichen Lebensumständen. In den nächsten zehn Jahren werden wir Personal altersbedingt verlieren. Bei der Digitalisierung geht es sowohl um Bürgeranfragen als auch um interne Aufträge und die Verarbeitung von Informationen im Rücklauf. Und beim Breitbandausbau ist das Thema die Angleichung der Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen. Hier kann der WZV eine positive Rolle spielen, wenn der freie Markt mit seinen privatwirtschaftlichen Teilnehmern keine tragfähigen Lösungen für die hier lebenden Bürger hervorbringt.

Die Bürger hätten wohl gern sinkende Müllgebühren. Diese sind zuletzt exponentiell gestiegen.

Die Erhöhungen sind nach meiner Einschätzung zum Teil auch auf Nachholeffekte zurückzuführen. Vielleicht haben die Gebühren nicht immer mit der Kostenentwicklung Schritt gehalten und es hat möglicherweise nicht gepasst, die Gebühren konstant zu lassen. Das ist keine Einbahnstraße. Ich gehe aber nicht davon aus, dass kurzfristig eine Senkung realistisch ist. Wir haben die Aufgabe, die Dienstleistungen kostengünstig zu realisieren und werden hieran weiter intensiv arbeiten. Die gechippten Mülltonnen können zum Beispiel zu höherer Gerechtigkeit und gegebenenfalls Mehreinnahmen führen. Die Digitalisierung bietet ein Effizienz- und damit auch Einsparpotenzial. Aber wir müssen sehen, dass tendenziell steigende Personalkosten und allgemeine Kostensteigerungen bei der Anschaffung von Betriebsmitteln und Fahrzeugen gegenläufige Effekte sind.

Mit der Stadt Norderstedt gab es offenen Streit um den Recyclinghof an der Oststraße, die Politik dort verfolgt Pläne für einen eigenen Standort. Wie lässt sich das reparieren?

Es gab einschneidende Meilensteine, viele unschöne Dinge auf beiden Seiten, die einer notwendigen Kooperation nicht gut zu Gesicht stehen. Im Rückblick war es eine bedauerliche Eskalation, an deren Stelle aber mittlerweile eine konstruktive Lösungssuche getreten ist. Vertrauen und Transparenz müssen wiedererlangt werden. Die Kooperation sollte für alle Beteiligten Sinn machen. Würde Norderstedt eine eigene Lösung als das beste Modell identifizieren, fände ich das unbefriedigend, es würde mich nicht überzeugen.

Könnte der WZV den Recyclinghof in der Oststraße alleine betreiben?

Das ist für mich hypothetisch und kein Denkmodell.

Ein leidiges Problem sind die gelben Säcke, deren Abholung längst nicht immer funktioniert. Können Sie daran etwas ändern?

Zum Ende des Jahres läuft die Beauftragung von Optisys aus. Auftraggeber des Dualen Systems ist Landbell, operativ hat der WZV damit nichts zu tun. Aber als öffentlich-rechtlicher Entsorger machen wir eine Abstimmungsvereinbarung mit dem Dualen System. Es ist kein Versagen des Systems, sondern des operativen Einsammlers. Da muss auf Optisys Druck gemacht werden von Landbell. Dass Säcke nicht abgeholt werden, darf nicht sein, die Leistung ist bezahlt. Wir als WZV haben im Notfall Säcke eingesammelt, aber das darf nicht systemtragend sein.