Norderstedt
Kreis Segeberg

Hamburger Studenten forschen im Biomüll

Per Hand werden organisches Material und Kunststoff getrennt.

Per Hand werden organisches Material und Kunststoff getrennt.

Foto: Christopher Herbst

Technische Universität Hamburg analysiert mit der Stadt den Abfall aus Küchen und Gärten. Studie soll die Verunreinigung durch Plastik berechnen.

Norderstedt. Abfallanalyse ist ein schmutziges Geschäft. Ohne Schutzoverall und Maske vor dem Mund wäre es für die Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeiter der Technischen Universität Hamburg unmöglich, sich bei 30 Grad in der Sonne durch den übelriechenden Biomüll auf dem Betriebshof in der Friedrich-Ebert-Straße zu arbeiten. Doch alles geschieht im Sinne der Forschung und irgendwie auch für die Norderstedter Verbraucher.

Ungefähr 6000 Tonnen Bioabfall, ob nun aus der Küche oder dem Garten, sammeln die Menschen in der Stadt pro Jahr, sagt die Verwaltung. Einwandfrei ist längst nicht alles, was in den Haushalten, ob nun Villa oder Wohnblock, zusammenkommt. Und genau hier kommt die Kompetenz der TU ins Spiel. Die Studierenden, es sind Masterstudenten und Doktoranden, der Fachrichtung Abfallwirtschaft, trennen Fremdstoffe von organischem Material, die Bestandteile werden sortiert, quantifiziert – und dann unter der Leitung von Professor Kerstin Kuchta im Labor analysiert. Das Resultat der Studie ist elementar für das Abfallmanagement in Norderstedt – gibt es Probleme mit Verunreinigung, klappt die Mülltrennung, oder muss noch viel Aufklärung betrieben werden?

Im Labor werden Müllproben genauer untersucht

Das neunköpfige Team der Universität ist international. Um die Organisation kümmert sich die 25-jährige Russin Arina Kosheleva, die aus St. Petersburg stammt. Sie hat ihren Masterabschluss in Hamburg gemacht, jetzt folgt die Doktorarbeit zum Thema Recycling von Elektroabfällen. „Wir wollen erfassen, wie hoch der absolute Anteil von Plastik am Bioabfall ist, die Schätzung soll so exakt wie möglich sein“, sagt sie. Was sie enorm stört? „Das ganze weggeworfene, verdorbene Essen. Nicht der Geruch ist das Problem, sondern es zu sehen.“

Auch Ihsanullah Sohoo (33) schreibt momentan an seiner Doktorarbeit. Sein Fachgebiet sind Deponien, ein Schwerpunkt ist die Nachsorge. In seiner Heimatstadt Karachi (Pakistan), mit 15 Millionen Einwohnern eine der weltgrößten Städte, ist der Nachholbedarf groß. „Wir haben dort keine Deponien“, sagt Sohoo, „also zumindest keine, die vergleichbar mit Deutschland wären. Das Thema Müll wird sehr vernachlässigt.“ Er will erforschen, welche Emissionen, welche Auswirkungen auf die Umwelt entstehen. Und dieses Wissen in Pakistan als Dozent und Wissenschaftler weitergeben, in der Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Impuls.

Zunächst könnte aber Norderstedt von der Expertise profitieren. Für das Betriebsamt betreut Peter Hübschmann das Projekt. „Wir arbeiten schon länger mit der TU Hamburg zusammen. 2018 ging es um Papier, um Verpackungen und Störstoffe.“ Jetzt ist Kunststoff, also Plastik, im Fokus. „Man sieht ja schon auf den ersten Blick, dass eine Verunreinigung da ist.“ Tüten und Folien, ungeöffnete Wurstpackungen, Tuben, alles wird manuell herausgefiltert. Was erst im Labor entdeckt werden kann, ist das bereits zersetzte Mikroplastik.

Der Abfall wird zu Biogas und Kompost verarbeitet

„Null Prozent“ Plastik, das wäre perfekter Bioabfall, sagt Hübschmann. Inwieweit die Abfalldisziplin von der Zusammensetzung eines Wohnquartiers abhängt, könnte die Untersuchung ebenso zumindest andeuten. Denn es wurde getrennt nach Einfamilienhäusern (Tag eins), größeren Wohnanlagen (Tag zwei) und gemischten Bebauungen mit gemeinsamen Müllcontainern (Tag drei).

Egal von woher, letztlich landet alles im Kompostwerk Bützberg in Tangstedt. Dort werden aus Abfall Biogas und hochwertiger Kompost gewonnen – je weniger Plastik, desto höher die Güteklasse. „Doch selbst wenn nur 0,1 oder 0,2 Prozent enthalten sind, sieht man das“, sagt Peter Hübschmann. Ungefähr vier Wochen wird das Team der TU Hamburg für seinen Report brauchen. Das Betriebsamt will die Ergebnisse dann öffentlich machen und zur Grundlage machen für die Informationspolitik sowie die Erfassung des Bioabfalls. Eine simple Idee gibt es schon: „Stopp, kein Plastik!“ als Aufkleber für die Biotonnen.