Norderstedt
Kreis Segeberg

Atem-Seminar im Kloster – Mal so richtig durchatmen

Das Kloster Nütschau in Travenbrück bei Bad Oldesloe. Hier findet das Atme-Seminar statt.

Das Kloster Nütschau in Travenbrück bei Bad Oldesloe. Hier findet das Atme-Seminar statt.

Foto: BIANCA BOEDEKER / Bianca Bödeker

„Erfahrbarer Atem“: Abendblatt-Reporterin Bianca Bödeker ging ins Kloster Nütschau in Travenbrück, um an einem besonderen Seminar teilzunehmen.

Kreis Segeberg.  „Mir stockt der Atem“. „Das raubt mir den Atem“. „Ich ringe um Atem“. Beispielsätze, die zeigen, wie schwierig es uns im Alltag oft fällt, zu Atem zu kommen. Mit dem Seminar „Der Erfahrbare Atem“ nach Professorin Ilse Middendorf bietet das Kloster Nütschau in Travenbrück immer wieder einen oder mehrere Tage zum Durchatmen an.

„Atem ist Leben. Atem ist Jetzt. Atem braucht Raum“, sagt Atemtherapeutin und Middendorf-Schülerin Mechthild Morgenthal an diesem Sonnabendmorgen zu uns Seminar-Teilnehmerinnen. In diesem Tagesseminar gehe es nicht darum zu lernen, wie wir ein- und ausatmen, sondern wie wir unseren individuellen Atem finden. Mit Übungen, Wiederholungen, Ruhephasen. Nicht nur der Körper steht dabei im Fokus. Auch das eigene Innere erhält seinen Raum. „Getreu Ilses Philosophie des Erfahrbaren Atems: ‚Mensch, werde einsichtig, weitsichtig, schau tiefer’ “, sagt die Therapeutin.

Und da gibt es in der Runde so einiges anzuschauen. Der einen stockt der Atem-, sprich der Lebensfluss in der Brust. Eine andere lebt mit einem seltenen Gendefekt, der ihr Lungenvolumen schwächt. Einer dritten fehlt vor Aufregung der Atem, wenn sie vor einer Gruppe spricht. Da ist viel zu tun. Deshalb ab auf den Hocker und ran an die erste Herausforderung: Aufrecht sitzen. Füße hüftbreit aufstellen. Augen schließen, sich spüren. Oha. Ganz schön verspannt. Nicht denken und diagnostizieren. Einfach weiteratmen. Dabei erspüren: Wie und wo ist mein Atem? Bin ich im Atem enthalten? „Atem ist Bewegung. Bewegung ist Atem“, sagt die Therapeutin und ermuntert die Runde, sich auf dem Hocker zu drehen, zu dehnen und zu gähnen.

„Ilse hat immer gesagt: „Lasst ein Löwenmaul zu. Dehnung von Rachen und Schlund löst die Verbissenheit.“ Langsam rutschen wir nach vorn auf die Hockerkante. Sinken auf unsere Sitzhöcker. „Gönnt euch das Leben. Wiegt euch im Atem. Lasst den Kiefer wieder locker. Verwurzelt euch mit der Erde. Räkelt und dehnt euch erneut.“

Meine Erfahrung nach der ersten Übungsstunde: Der Körper ist wärmedurchflutet, die Verwurzelung mit der Erde zu spüren. Atem und Bewegung fließen mühelos. Von selbst, ganz ohne Anstrengung. „Ilses Kernsatz war“, so Atemtherapeutin Morgenthal, „‚Ich lasse meinen Atem kommen, ich lasse ihn gehen und warte, bis er von selber wieder kommt.’

Ilse Middendorf, 1910 in Frankenberg geboren, beschäftigte sich bereits als Kind mit dem Atem und forschte ein Leben lang zum Thema. 1965 gründete die Grande Dame des Erfahrbaren Atems in Berlin das Institut für Atemtherapie und Atemunterricht – es trägt heute den Namen „Ilse Middendorf Institut für den Erfahrbaren Atem“. 1971 erhielt sie ihre Professor an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Berlin. Dort unterrichte sie Atem- und Körperbildung sowie Tonlehre für Schauspieler und Sänger. Die Mutter eines Sohnes starb 2009 in Berlin. Seit 50 Jahren lehren ihre Schüler die Therapie des Erfahrbaren Atems in der gesamten Welt.

Wir gehen nach diesem intensiven Vormittag in die Mittagspause. „Diese Arbeit braucht das Setzen, Zeit zum Verdauen und Nachspüren. Sie soll bekömmlich werden, um sie weiter genießen zu können“, sagt Seminarleiterin Morgenthal. Nach zwei Stunden machen wir es uns wieder auf dem Hocker bequem im „Guten-Atem-Sitz“.

Nach Ilse Middendorfs Motto „Mach mal locker“ massieren wir mit den Fingern unsere Kiefermuskulatur. Öffnen den Mund erneut zum „Löwenmaul“. Gähnen. Lassen los. „Genießt euren Freiraum zum Atmen, sodass er sich ausdehnen und anlehnen kann an den Leib“, sagt die Therapeutin und ermuntert uns alle, die beiden Sitzhöcker zu bewegen. Zu schwingen, Arme und Hände mitschwingen zu lassen. Und den Atem zu genießen. Wirklich wohltuend, denke ich, und schwinge ordentlich vor- und zurück, von der rechten zur linken Seite und zurück. Ein Lächeln schwingt immer mit.

Wie fühlt sich das an, was ich den vergangenen 50 Minuten ausprobiert habe?“ 50 Minuten? Die Zeit vergeht – das Gefühl dafür habe ich mittlerweile verloren, so sehr bin ich mit meinem Inneren beschäftigt. „Der Erfahrbare Atem richtet sich auch an das Unterbewusstsein“, erklärt dann die Atemtherapeutin. „Das wird sich bei manchem von euch auch im Traum zeigen. Ihr werdet klarer und deutlicher träumen.“ Wir stellen unsere Hocker beiseite, stellen uns aufrecht und üben das „lebendig verwurzelte Stehen“. Unsere 50 Fußgelenke ertasten mit Großzehballen und Zehen, mit Außen- und Innenkanten sowie Fersen den Boden. Dabei lässt uns unser Atem nicht in Ruhe. Gut so! Automatisch fließt er mit. Wir atmen tief ein und aus, dehnen uns in der Bewegung, bis die Atemenergie in allen Körperzellen angekommen ist. Sich gelöst und gestärkt fühlen – besser als nach jeder Gymnastik, ist die einhellige Meinung nach diesem intensiven Seminartag. Ausnahmslos alltagstauglichen Übungen. Die gilt es nun, mit nach Hause zu nehmen. Wohlwissend: Diesen neuen Umgang mit sich und seinem Atem bewusst und erfahrbar zu üben und pflegen, das erfordert neben Disziplin einen durchaus langen Atem.

Es werden in diesem Jahr weitere Seminare zum Thema mit Mechthild Morgenthal im Kloster Nütschau angeboten. Das komplette Seminarangebot unter www.kloster-nuetschau.deLiteraturhinweise: Ilse Middendorf, Der Erfahrbare Atem / Der Erfahrbare Atem in seiner Substanz. Beide Bücher erhältlich im Junfermann Verlag.