Norderstedt
Henstedt-Ulzburg

Plädoyer für moderne Bildung im Ortszentrum

Helgrit Breitschädel (stv. Leiterin der Gemeindebücherei), Bürgermeister Stefan Bauer und VHS-Leiter Jochen Brems (r.) werben für einen „Dritten Ort“.

Helgrit Breitschädel (stv. Leiterin der Gemeindebücherei), Bürgermeister Stefan Bauer und VHS-Leiter Jochen Brems (r.) werben für einen „Dritten Ort“.

Foto: Christopher Herbst

Henstedt-Ulzburgs Volkshochschul-Leiter Jochen Brems stellt seine Idee eines „Dritten Ortes“ für Lernen, Lesen, Kultur und Begegnung vor.

Henstedt-Ulzburg. Man könnte es wohl ein „Bildungshaus light“ nennen, was Jochen Brems, Leiter der Volkshochschule Henstedt-Ulzburg, für die Großgemeinde im Sinn hat. Denn wo die Nachbarstadt Norderstedt ein aufsehenerregendes, 20 Millionen Euro teures Projekt und darin einen Zusammenschluss von VHS, Stadtbücherei und Stadtarchiv plant, wird weiter nördlich kleiner gedacht – aber nicht minder ambitioniert. Brems hat sich zusammen mit Birgit Raguse, Leiterin der Gemeindebücherei, viele Gedanken gemacht um das Zusammenleben im Ort. Der Alltag wird digitaler, die menschlichen Kontakte reduzieren sich in vielen Bereichen, doch das Bedürfnis nach sozialer Gemeinschaft ist vorhanden.

Bürger wünschen sich neue Begegnungsstätten im Ort

Deswegen soll Henstedt-Ulzburg einen „dritten Ort“ bekommen. So werden öffentliche Räume genannt, an denen Menschen zusammenkommen außerhalb von Wohnen und Beruf. Im Bildungsausschuss hat Brems, ein promovierter Erziehungswissenschaftler, kürzlich seine Idee eines „öffentlichen Lern-, Kultur- und Begegnungsraumes“ präsentiert. „Wir wollen die positiven Seiten der Digitalisierung nutzen. Es ist ein anspruchsvolles Projekt. Keiner weiß genau, wohin der Weg geht. Ich bin positiv überrascht, wie offen alle Parteien und Wählergemeinschaften der Idee gegenüber eingestellt sind.“

Geöffnet auch abends, technologisch auf dem höchsten Stand, mit Fachpersonal, Bereiche zum Lesen, zum Lernen, für Gruppen, vielleicht eine kleine Bühne für Veranstaltungen, eine Café-Ecke. Jedoch kein Konsumzwang. So könnte es – grob – aussehen. „In Symbiose mit der Gemeindebücherei“, betont Jochen Brems. Anders geht es auch nicht, da die Mietverträge für Bücherei und VHS noch bis 2024 laufen.

Die Inspiration hierzu kommt keinesfalls nur aus Norderstedt. Denn gerade im skandinavischen Raum wird bereits sehr progressiv gedacht. Jochen Brems nennt so auch das Dokk1 im dänischen Aarhus als Vorbild. Eine Bibliothek, multimedial, mit Lesebereichen, Lounge, Angeboten für alle Generationen, dazu zentral gelegen. Das Potenzial in Henstedt-Ulzburg sieht auch Helgrit Breitschädel, die stellvertretende Leiterin der Gemeindebücherei. Schon jetzt gebe es regelmäßig Veranstaltungen, Lesungen oder Filmabende – diese würden besucht von „Schülern, Grundschülern, Erwachsenen aus allen Schichten und Altersgruppen“. Im laufenden IGEK (Integriertes Gemeinde-Entwicklungskonzept) haben zudem wiederholt Bürger den Wunsch nach Begegnungsstätten in den Ortsteilen geäußert. „Ein schöner Gedanke“, so Brems, „aber das wäre eine finanzielle Herausforderung, an der wir uns möglicherweise verheben würden.“

Wenn berücksichtigt wird, dass VHS und Bücherei bestehen bleiben – das ist der Unterschied etwa zu Norderstedt –, stellt sich umso mehr die Frage, wo in der Gemeindemitte denn überhaupt eine Immobilie verfügbar wäre. Die Antwort ist erstaunlich naheliegend. Bürgermeister Stefan Bauer verweist auf das City Center Ulzburg (CCU), wo es unter anderem im Obergeschoss sichtbaren Leerstand gibt. „Wo finden wir sonst 600 bis 700 Quadratmeter? Viel mehr fällt mir nicht ein“, sagt er. Wohlwissend, dass es eine Diskussion darüber geben würde, ob es vertretbar wäre, sich im CCU einzumieten. Bauer: „Es darf keine Tabus geben.“ Man sei „als Gesellschaft verpflichtet“, Möglichkeiten zu schaffen“, wo sich „Menschen begegnen können“.

Das CCU-Obergeschoss wäre ein möglicher Standort

Jochen Brems sagt dazu, das CCU könne „aufgewertet werden“. Der Vorteil sei die Infrastruktur. Der Bürgermeister schränkt bei aller Zustimmung ein: „Wir müssen am Ende gucken, was bezahlbar ist und was von den Nachbarn zur Verfügung gestellt wird.“ Eine inhaltliche Konkurrenz zum Norderstedter Bildungshaus würde keinen Sinn machen.

Nach der politischen Sommerpause soll der Bildungsausschuss eine zusätzliche Stelle bewilligen für die VHS. Findet sich eine Person, würde diese sich ausschließlich um die Erstellung eines Konzeptes kümmern – darin ginge es neben den noch unklaren Kosten um den Standort und um die Ausstattung. „Wir wollen möglichst viel mit Fachleuten ins Gespräch kommen, sind auch im nachbarschaftlichen Dialog mit Norderstedt“, sagt Jochen Brems. Im nächsten Jahr müsste die Politik dann entscheiden, ob das Projekt eine Zukunft hat.