Norderstedt
Lebensrettung

67 „Defis“ gegen den plötzlichen Herztod

Ein Rettungssanitäter des DRK zeigt an einer Übungspuppe den Umgang mit einem Defibrillator.

Ein Rettungssanitäter des DRK zeigt an einer Übungspuppe den Umgang mit einem Defibrillator.

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert / dpa

In Schulen, Kitas und städtischen Einrichtungen in Norderstedt sollten Defibrillatoren hängen, fordert Stadtvertreter Thedens.

Norderstedt.  Wenn einem Mensch das Herz versagt, wenn er plötzlich zusammenbricht, dann ist jede einzelne Minute entscheidend. Die Überlebenswahrscheinlichkeit sinkt um zehn Prozent pro Minute, sagen Experten. Je schneller die Hilfe kommt, desto geringer fallen die Schäden aus, die das Herzversagen anrichtet. Defibrillatoren können dabei helfen, Leben zu retten. Für Stadtvertreter Thomas Thedens von den Freien Wählern ist es deswegen höchste Zeit, dass die Geräte frei zugänglich und möglichst flächendeckend in ganz Norderstedt verfügbar sind.

200.000 Euro wären nötig, um 67 „Defis“ zu kaufen und zu betreiben

Thedens setzt sich dafür ein, dass die Stadt für alle Liegenschaften, also Schulen, Kitas, Flüchtlingsunterkünfte, Büchereien, Jugendhäuser, die Musikschule und andere Einrichtungen, insgesamt 67 Geräte kauft und dort aufhängt. Die Geräte kosten etwa 1500 Euro pro Stück. „Zusammen mit dem jährlichen Unterhalt sprechen wir von einer Investitionssumme von etwa 200.000 Euro“, sagt Thedens. „Bei der Summe habe ich zunächst geschluckt. Aber ich denke, dass es gut angelegtes Geld ist. Die Defibrillatoren können Leben retten.“

Laut dem Statistischen Bundesamt starben 2016 über 300 000 Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, 100.000 davon am plötzlichen Herztod. Es ist mit Abstand die häufigste Todesursache in Deutschland. „Die Anzahl dieser Sterbefälle könnte durch den Einsatz technischer Hilfsmittel und ein verbessertes Wissen über das Verhalten im Notfall verringert werden“, sagt Thomas Thedens. Er bat die Stadtverwaltung um eine Aufstellung, wo bereits öffentlich zugängliche „Defis“ in Norderstedt aushängen. Die Stadt hat acht Geräte im Einsatz: Sie hängen im Bauhof, in den vier Feuerwachen, im Feuerwehrtechnischen Zentrum, im Stadtmuseum, bei den Stadtwerken und im Rathaus. Für das Gebrauchtwarenkaufhaus Hempels wird derzeit das neunte Gerät beschafft.

In Deutschland fehlt eine komplette Übersicht zu allen Geräten im öffentlichen Raum

Doch es gibt weit mehr Geräte: Bei den großen Norderstedter Sportvereinen hängen die „Defis“, bei den Tennisclubs Garstedt und Falkenberg, im Jobcenter, bei der Polizei Garstedt , im Recyclinghof und in allen Filialen der Norderstedter Bank. In ganz Deutschland steigt die Zahl der öffentlich zugänglichen Defibrillatoren stark an. Den kompletten Überblick hat aber niemand. Es gibt keine Meldepflicht. Vereine wie Definetz oder die Arbeiterwohlfahrt bieten Online-Karten an, das DRK eine App, auf der man sich das nächst erreichbare Gerät anzeigen lassen kann.

„Die Initiative der Politik für Defibrillatoren in Norderstedt finden wir wunderbar“, sagt Christian Mandel, Sprecher der Rettungsdienst-Kooperation Schleswig-Holstein (RKiSH). „Die Geräte sollten überall im öffentlichen Raum greifbar sein.“ Beim plötzlichen Herzversagen liege häufig ein Kammerflimmern vor. „Das muss man sich wie ein Elektrochaos im Herzen vorstellen“, sagt Mandel. Der Defibrillator wirke mit seinem Elektroimpuls dagegen und sorge für eine Beruhigung des Herzens. „Dann muss man durch die Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung für die Wiederbelebung sorgen.“

Viele Menschen sind unsicher und nutzen die Geräte nicht – aus Angst, etwas falsch zu machen

Das Problem: Viele Menschen trauen sich im Ernstfall nicht an die Geräte heran. Hans-Joachim Trappe, Kardiologe an der Ruhr-Universität in Bochum hat die Nutzung öffentlicher Defibrillatoren in verschiedenen Studien untersucht. „Trotz aller Bemühungen ist die Zahl der Tode durch Herzversagen relativ konstant“, sagt Trappe. Die Menschen finden den Defibrillator entweder nicht rechtzeitig, oder sie haben Angst, ihn einzusetzen.

Der optimale Ort für das Aufhängen eines Gerätes ist schwer zu bestimmen. Dagegen hilft im Zweifel die möglichst flächendeckende Verbreitung an allen denkbaren Stellen. Die Angst vor dem Verwenden des „Defis“ ist hingegen unbegründet. „Man kann mit den Geräten nichts falsch machen“, sagt Christian Mandel vom RKiSH. Im Ernstfall leitet das Gerät den Erstretter mit genauen Kommandos an. Eine Analyse-Funktion ermittelt, ob der Patient einen Stromstoß benötigt oder nicht. Es sind keinerlei Vorkenntnisse beim Erstretter nötig.

Die Umsetzung in Norderstedt ist für 2020 beantragt

Stadtvertreter Thomas Thedens sieht die Aufklärung über die „Defis“ als Teil seiner Initiative. „Man darf sie nicht nur aufhängen, man muss gut über sie informieren.“ Thedens wird seinen Antrag im Hauptausschuss am Montag, 20. Mai, einbringen. „Die anderen Parteien haben Zustimmung signalisiert.“

Vielleicht sollte Norderstedt bis dahin Teil der „Meine Stadt rettet“-Initiative des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein werden. Über eine App haben die Rettungsleitstellen Zugriff auf ein Netz von freiwilligen Ersthelfern, die im Notfall schneller vor Ort sind als der Krankenwagen. Laut RKiSH ist die Norderstedter Leitstelle noch nicht in dem System aufgeschaltet.